Von allerhand Schiffen.

Der moderne Dampfer.

Wir leiden an einem allgemein verbreiteten Aberglauben – wir bilden uns nämlich ein, die Veränderungen, die täglich auf der Welt statthaben, selbst mitzuerleben, weil wir in den Zeitungen darüber lesen und einen oberflächlichen Begriff von ihrer Art haben. Ich hätte nicht gedacht, daß das moderne Schiff eine Ueberraschung für mich sein könnte – aber es ist so! Und zwar könnte die Ueberraschung wohl kaum größer sein, wenn ich niemals irgend etwas darüber gelesen hätte. Ich spaziere auf diesem großen Schiff, der ›Havel‹ herum, während es sich seinen Weg über den Atlantischen Ozean pflügt, und alle Einzelheiten, auf die mein Auge fällt, erinnern mich an ihre Miniaturvorbilder in den kleinen Schiffen, auf denen ich vor vierzehn, siebzehn, achtzehn, zwanzig Jahren den Ozean durchquerte.

Auf der ›Havel‹ kann man sich’s in mancher Beziehung behaglicher machen als in den besten Gasthöfen des europäischen Festlands. So z. B. hat das Schiff mehrere Badezimmer mit einer praktischen und hübschen Einrichtung wie in einem schönen Privathaus in Amerika; in den europäischen Hotels dagegen gilt gewöhnlich eine Badstube für ausreichend, und meistens ist diese schäbig ausgestattet und befindet sich in irgend einem abgelegenen Winkel des Hauses; außerdem muß man sich so lange vorher zum Baden anmelden, daß einem schließlich die Lust vergangen ist, wenn man endlich an die Reihe kommt. In den Hotels gibt es recht viele verschiedenartige Geräusche, die einem den Schlaf rauben; in meiner Kabine auf dem Schiff höre ich keinen Laut. In den Hotels wird gewöhnlich um Mitternacht das elektrische Licht abgestellt; auf dem Schiff kann man es die ganze Nacht im Schlafzimmer brennen lassen.

Auf dem Dampfer ›Batavia‹, mit welchem ich vor zwanzig Jahren fuhr, war in der Scheide zwischen zwei Passagierkajüten eine Kerze angebracht, die die beiden Räume beleuchten sollte, aber nicht einmal einen einzigen erhellte. Um 11 Uhr abends wurden diese Kerzen ausgelöscht und zugleich mit ihnen alle Salonlampen mit Ausnahme von einer oder zweien; diese blieben brennen, damit doch die Passagiere sehen könnten, wie sie beim Herauskrabbeln in der Finsternis das Genick brächen. Bei Tisch saßen die Fahrgäste auf langen Bänken aus dem allerhärtesten Holz; auf der ›Havel‹ sitzt man auf einem Drehstuhl mit gepolsterter Rückenlehne. In jenen alten Zeiten war die Speisekarte immer die gleiche: ein Teller einfacher Suppe, gekochter Schellfisch mit Kartoffeln, steinhartes, gekochtes Rindfleisch; als Nachtisch: gestovte Pflaumen – Sonntags ›Mehlbeutel‹, Donnerstags ›Plumpudding‹. Auf dem modernen Schiff ist das auserlesene ›Menu‹ mit vieler Kunst zusammengestellt und bietet täglich etwas anderes. In der alten Zeit glich das Mittagessen auf dem Schiff einer Leichenmahlzeit; heutzutage belebt ein unsichtbares Orchester es mit reizender Musik. Früher war das Verdeck immer naß; jetzt ist es da für gewöhnlich trocken, denn das Promenadendeck ist überdacht und nur selten schlägt eine Welle über Bord. Bei einigermaßen bewegter See konnte ein Landmensch früher sich kaum auf den Beinen halten; in unseren Tagen sind bei derartigem Seegang die Decks so eben wie ein Tisch. Früher war das Innere eines Schiffes höchst einfach und kahl; man schien sich die größte Mühe gegeben zu haben, etwas recht Häßliches und Unbequemes auszudenken. Das moderne Schiff ist ein Wunderwerk von reichem und kostbarem Schmuck und von prachtvoller Ausstattung; es ist mit jeder Behaglichkeit und Bequemlichkeit versehen, die für Geld sich beschaffen läßt. Auf den alten Schiffen war der einzige Versammlungsort der Speisesaal, die neuen besitzen mehrere geräumige und schöne Unterhaltungssäle. Rauchgelegenheit gab es in den alten Schiffen für den Passagier nur in der sogenannten ›Violine‹. Das war ein scheußliches Loch, eine rohgezimmerte Bretterbude, die zum Schutz der Hauptluke dienen sollte. Drinnen war es unbehaglich und schmutzig; Stühle gab es nicht; das einzige Licht gab eine Tranfunsel; es war sehr kalt und niemals trocken, denn durch die Bretterfugen brach alle Augenblicke das Wasser der Sturzseen herein und machte dieses Kellerloch gründlich naß. In den modernen Schiffen gibt es drei oder vier große Rauchzimmer mit Spieltischen und gepolsterten Sofas und Dampfheizung und elektrischer Beleuchtung. Wenig europäische Hotels haben solche Rauchzimmer.

Die früheren Schiffe waren aus Holz und hatten in ihrem Raum zwei oder drei wasserdichte Abteilungen mit Türen, die häufig offen standen – besonders wenn das Schiff gerade auf einen Felsen auflief. Der moderne Leviathan ist aus Stahl erbaut, und die wasserdichten Schotten haben keine Türöffnungen; sie teilen das Schiff in neun oder zehn wasserdichte Räume, so daß es zählebig geworden ist wie eine Katze. Daß diese Einrichtung völlig ihren Zweck erfüllt, wurde bei dem denkwürdigen Unfall dargetan, der vor ein paar Jahren der ›City of Paris‹ zustieß.

Was einem auf dem großen modernen Schiff vor allem andern sofort auffällt, ist das vollständige Fehlen von Wirrwarr, Geklapper, Füßegetrampel und Kommandogebrüll. All dieser Lärm gehört der Vergangenheit an. Die verwickelten Manöver beim Heranbringen des Schiffes an seinen Landungsplatz vollziehen sich geräuschlos; man sieht nichts von den Arbeiten, hört keine Befehle geben. Eine sonntäglich feierliche Stille herrscht statt des Lärmens und Tobens früherer Zeiten. Das neuzeitliche Schiff besitzt eine geräumige Kommandobrücke, die zu beiden Seiten bis zu Kinnhöhe mit Segeltuch abgesperrt und deren Fußboden mit einem hölzernen Rösterwerk bedeckt ist; und auf dieser Brücke nebst ihren ebenfalls eingefaßten Fortsetzungen vorn und hinten könnte bequem eine Versammlung von hundertundfünfzig Menschen sitzen. Es sind drei Steuervorrichtungen vorhanden, von denen jede für sich allein ausreicht, falls die beiden andern brechen sollten. Von der Brücke aus wird das Schiff gelenkt und auch gesteuert. Dabei wird aber nicht gerufen, oder gepfiffen, sondern die Zeichen werden mittels eigenartiger selbsttätiger Gongs gegeben. Der Offizier achtern beim Steuer kann von der Brücke aus nicht gesehen werden und ist so weit ab, daß er sogar Trompetensignale nicht hören würde; aber die Gongs neben ihm sagen ihm, was er zu machen hat; er hört, aber die Passagiere hören nichts, und so sieht es aus als ob das Schiff ohne menschliche Hilfe selber seine Landung bewerkstelligte.

Diese große Kommandobrücke befindet sich dreißig oder vierzig Fuß über der Wasserlinie; aber die See schlägt zuweilen so hoch hinauf, darum ist für solche Notfälle noch eine zweite Brücke 12 oder 15 Fuß höher angebracht. Mit der Gewalt des Wassers ist es eine eigentümliche Sache. Es schlüpft einem wie Luft zwischen den Fingern durch, gelegentlich aber wirkt es wie ein fester Körper und biegt einen dünnen Eisenstab krumm. Auf unserer ›Havel‹ zersplitterte es eine Reeling, daß sie aussah wie ein Besen, anstatt sie einfach entzwei zu brechen wie man doch hätte erwarten sollen. Aber das Wasser hat sogar noch sonderbarere Sachen gemacht und zwar in Fällen, die glaubhaft bezeugt worden sind. Ein Marlpfriem ist ein etwa fußlanges, schweres eisernes Werkzeug, das nach dem einen Ende zu dünner wird und in eine scharfe Spitze ausläuft. Eine Welle schlug über Bord eines Schiffes und raste in Brusthöhe nach hinten; sie riß einen Marlpfriem mit sich und zwar, die Spitze voran, mit solch blitzgleicher Schnelligkeit und Gewalt, daß das Eisen drei oder vier Zoll tief einem Matrosen in den Leib fuhr und ihn tötete.

Auf alle Fälle muß unser heutiger Weltmeer-Windhund auf jemanden, der keine Vorstellungen von modernen Schiffstypen in seinem Kopf hat, einen gewaltigen Eindruck machen. An Leibesumfang kann so ein Dampfer es beinahe mit der Arche aufnehmen, und doch wird diese ungeheuerliche Stahlmasse in 24 Stunden 500 Meilen durch die Wogen getrieben. Ich erinnere mich der Renommierreise eines Dampfers, in welchem ich einmal auf dem Stillen Ozean fuhr: 209 Meilen in 24 Stunden. Ungefähr ein Jahr später war ich Fahrgast auf der Vergnügungsgondel ›Quaker City‹, und eines Tages, bei spiegelglatter See, sollte sie, wie behauptet wurde, von einem Mittag zum andern 211 Meilen heruntergehaspelt haben, aber vermutlich war das eine Lüge zu Reklamezwecken. Der kleine Dampfer hatte 70 Passagiere und 40 Mann Besatzung, und man kam sich vor wie in einem Bienenstock. Aber hier auf unserm Schiff verbringen wir in einer Art Einsamkeit diese angenehmen Sommertage; manchmal sieht man 100 Passagiere über die weiten Räume verstreut, manchmal bemerkt man keinen einzigen; dabei sind sie irgendwo in des Schiffes Leib verborgen, denn einschließlich der Besatzung sind beinahe 1100 Menschen auf der ›Havel‹ vorhanden.

In der guten alten Zeit kletterten die Schifflein die Woge hinauf und wälzten sich auf der andern Seite in das Wellental hinunter; unsre jetzigen Riesenschiffe erklimmen nicht die Wellen, sondern brechen sich mit Gewalt ihren Weg durch die Fluten. Mit ihrer ungeheuren Wucht, Masse und Kraft meistern sie alle Wogen, wenn nicht gerade ein außergewöhnlicher Sturm herrscht.