Wie erfindungsreich sind doch die Menschen – d. h. die Menschen der Gegenwart! Heute fand ich im Kartenhaus an der Wand einen Rahmen mit beweglichen hölzernen Schildern, und auf den Schildern einige mir unverständliche Inschriften:

Kielbehälterleer
Doppelboden Nr. 1voll
Doppelboden Nr. 2voll
Doppelboden Nr. 3voll
Doppelboden Nr. 4voll

Während ich darüber nachdachte, was das wohl für ein Spiel sein möchte, und wie ein Fremder sich einige Fertigkeit darin erwerben könnte, kam ein Matrose herein, nahm das ›Leer‹ der obersten Zeile heraus und drehte das Schildchen um, worauf er es wieder an seinen Platz steckte; jetzt lautete diese Inschrift ebenfalls ›voll‹. Er nahm noch irgend eine andre Aenderung vor, doch bemerkte ich nicht, worin sie bestand. Die Bedeutung der Schildertafel war bald erklärt. Sie diente dazu um anzuzeigen, wie der Ballast auf dem Schiff verteilt war. Das Verblüffende dabei war, daß dieser Ballast aus Wasser bestand. Ich wußte nicht, daß jemals ein Schiff als Ballast Wasser eingenommen hatte. Ich hatte nur mal irgendwo gelesen, es sollten in dieser Richtung Versuche angestellt werden. Aber das kennzeichnet unsre Neuzeit: zwischen den Versuchen mit einer Neuerung und ihrer Einführung wird keine Zeit vertrödelt, sobald man die Brauchbarkeit erprobt hat.

An der Wand, dicht neben der Schildertafel, war ein Aufriß des Schiffes, und diese Zeichnung enthüllte mir die Tatsache, daß das Schiff 22 ganz ansehnliche Wasserseen in seinem Leibe hatte. Diese Seen sind zwischen dem Boden des Schiffes und einem falschen Boden eingesperrt. Sie sind von einander durch wasserdichte Querschotten und in der Mitte durch ein Längsschott getrennt, das vom Bug des Schiffes über vier Fünftel der ganzen Länge nach hinten läuft. Dadurch wird eine 400 Fuß lange Kette von 5 bis 7 Fuß tiefen Seen hergestellt. Vierzehn von diesen Seen enthalten vom Lande mitgebrachtes Trinkwasser im Gesamtgewicht von 400 Tonnen. In den andern befindet sich Salzwasser – 618 Tonnen. Alles zusammen mehr als 2000 Zentner Wasser.

Man bedenke wie bequem dieser Ballast zu handhaben ist. Wenn das Schiff den Hafen verläßt, sind die Seen alle voll. Wenn durch den Kohlenverbrauch unterwegs das Gewicht des Schiffes sich vermindert, kommt dieses aus dem Gleichgewicht – der Bug hebt sich empor, der Stern sinkt tiefer ein. Man läßt einfach einen von den am Stern angebrachten Wasserseen in das Meer auslaufen, und das Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Dies kann wiederholt werden, so oft die Gelegenheit es erfordert. Auch kann mittels Röhren und Dampfpumpwerk der Inhalt eines Sees von dem einen Ende des Schiffes nach dem anderen überführt werden. Die Aenderung, die heute der Matrose an der Schildertafel vornahm, bezog sich auf eine derartige Ueberführung. Der Seegang war stärker geworden, man mußte dem Schiffsbug mehr Gewicht geben, damit der Dampfer nicht die Wogen hinaufkletterte anstatt sie zu durchbrechen; deshalb waren 500 Zentner, die den Inhalt eines ganz hinten belegenen Behälters gebildet hatten, nach dem Bug gepumpt worden.

Ein Wasserbehälter ist entweder ganz voll oder ganz leer; die Wassermasse muß ein festes Ganzes bilden, so daß sie nicht hin- und herschlagen kann. Ein beweglicher Ballast würde natürlich nicht seinen Zweck erfüllen.

Das moderne Schiff ist voll von schönen sinnreichen Einrichtungen; aber die Einführung des Wasserballastes schießt meiner Meinung nach den Vogel ab. Wenn ich diesen Gedanken gehabt hätte, so würde ich darauf stolzer sein als auf irgend was andres. Vielleicht ist bis auf unsre Tage ein Schiff niemals in vollkommenem und stets leicht zu regelndem Gleichgewicht gewesen. Ein nicht im Gleichgewicht befindliches Schiff aber gehorcht dem Steuer nicht, seine Schnelligkeit wird beeinträchtigt, es kämpft einen mühseligen Kampf mit den Wogen. Das arme Ding! sechstausend Jahre lang hat es sich plagen müssen, und erst in diesen allerletzten Tagen hat man’s ihm bequem gemacht! Sechs Jahrtausende lang schwamm es in dem besten und billigsten Ballast von der Welt, dem einzigen wirklich vollkommenen Ballast, aber das Schiff konnte seinem Herrn nichts davon sagen, und dieser hatte nicht so viel Grütze, von selber auf den Gedanken zu kommen. Es ist ein eigentümliches Gefühl, wenn man sich bewußt wird, daß im Schiff beinahe ebensoviel Wasser ist wie draußen, und daß trotzdem keine Gefahr vorhanden ist.

Die Arche Noäh.

Der seit Noahs Zeiten in der großen Kunst des Schiffsbaues gemachte Fortschritt ist sehr bemerkenswert. Auch steht die in den Tagen des guten alten Noah in der Handhabung der Schiffahrtsgesetze übliche Laschheit in schneidendem Gegensatz zu der Festigkeit, womit sie in der Gegenwart zur Anwendung gebracht werden. Es ist ausgeschlossen, daß Noah jetzt tun dürfte, was ihm damals erlaubt war. Erfahrung hat uns von der Notwendigkeit überzeugt, es genauer zu nehmen und mehr auf die Erhaltung von Menschenleben bedacht zu sein. Heutzutage würde Noah nicht die Erlaubnis erhalten, von Bremen abzusegeln. Die Inspektoren würden kommen und die Arche untersuchen, um alle möglichen Einwendungen zu erheben. Wer Deutschland kennt, kann sich den Auftritt und das Gespräch ohne Schwierigkeit und in allen Einzelheiten vorstellen.

Der Inspektor in schöner militärischer Uniform, ehrerbietig würdevoll, freundlich, ein vollkommener Gentleman, aber unverrückbar wie der Polarstern in Bezug auf die geringsten Erfordernisse seiner Dienstpflicht. Noah würde ihm erzählen müssen, wo er geboren und wie alt er wäre, zu welcher Religionsgemeinschaft er gehörte, wie groß sein Einkommen wäre, auf welcher Stufe der gesellschaftlichen Rangleiter er stünde, welchen Beruf er ausübte, wie viele Frauen und Kinder er hätte, auch wie viele Dienstboten, und von ihnen allen würde er Namen, Geschlecht und Alter angeben müssen; wenn er keinen Paß hätte, würde er höflich ersucht werden sich schleunigst einen zu besorgen. Dann würde der Inspektor sich um die Arche selber bekümmern: