»Das wird nichts nützen. Bevor die Flut die Bergspitzen erreicht, werden die süßen Gewässer mit dem salzigen Meerwasser zusammengelaufen sein und werden ebenfalls salzig werden. Sie müssen sich Dampfbetrieb zulegen und Ihr Wasser destillieren … Nun will ich mich von Ihnen verabschieden, verehrter Herr. Wenn ich Sie recht verstand, so sagten Sie ja wohl, dies sei Ihr allererster Versuch in der Schiffsbaukunst?«
»Mein allererster, Herr Inspektor: darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Ich baute diese Arche, ohne vorher jemals die geringste Uebung oder Unterweisung in Schiffsbaukunde gehabt zu haben.«
»Es ist eine bemerkenswerte Leistung, geehrter Herr, eine sehr bemerkenswerte Leistung. Es sind darin meiner Meinung nach mehr neue – völlig neue und unabgedroschene – Züge als in jedem andern Schiff, das auf den Meeren schwimmt.«
»Dies Kompliment erweist mir unendliche Ehre, lieber Herr, – unendliche! – und ich werde es mit Freuden in meiner Erinnerung bewahren, so lange mein Leben währet. Mein Herr, ich sage Ihnen meinen gebührenden und tiefst empfundenen Dank. Adieu!«
Nein, der deutsche Inspektor würde gegen Noah über die Maßen höflich sein; Noah würde das Gefühl gewinnen, daß er unter Freunden sei; aber in See würde der Inspektor ihn mit seiner Arche nicht gehen lassen.
Kolumbus und sein Schiffchen.
In der Zwischenzeit von Noahs Erbauung der Arche bis zu Kolumbus’ Entdeckungsfahrt machte die Schiffsbaukunst etliche Veränderungen zum Bessern durch; war sie zuerst unaussprechlich kläglich gewesen, so erhob sie sich jetzt auf einen Standpunkt, den man als ›weniger unaussprechlich kläglich‹ bezeichnen kann. Ich habe mal irgendwo gelesen, eins von Kolumbus’ Fahrzeugen sei ein Neunzigtonnenschiff gewesen. Vergleicht man dieses Schiff mit den Ozean-Windhunden unsrer Tage, so kann man sich einigermaßen einen Begriff machen, wie klein die spanische Bark war und wie wenig sie geeignet sein würde, im heutigen Passagierverkehr über das Atlantische Meer den Wettbewerb aufzunehmen. Nicht weniger als 74 von ihrer Sorte wären nötig, um den Tonnengehalt der ›Havel‹ zu erreichen. Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, brauchte sie 10 Wochen zur Ueberfahrt. Nach unsern heutigen Begriffen würde das als schauderhafte Bummelei gelten. Wahrscheinlich hatte das Schiff als Besatzung einen Kapitän, einen Steuermann, vier Matrosen und einen Schiffsjungen. Die Bemannung eines modernen Schnelldampfers besteht aus 250 Menschen.
Da Kolumbus’ Schiff klein und sehr alt war, so können wir aus diesen beiden Tatsachen mit unumstößlicher Sicherheit auf verschiedene weniger wichtige Umstände schließen, von denen die Weltgeschichte nicht berichtet. Zum Beispiel: Da das Schiff klein war, so wissen wir, daß es bei jedem gewöhnlichen Seegang rollte und stampfte und schlingerte und daß es bei tüchtigem Sturm entweder auf dem Kopf oder auf dem Hinterteil stand, oder mit der Seite auf dem Wasser lag. Fortwährend schlugen Sturzseen über Bord und wuschen das Deck vom Steven bis zum Stern. Die ganze Reise über waren die Sturmleisten auf dem Eßtisch, und trotzdem bekam einer seine Suppe öfter auf die Hosen als in den Magen. Der Speisesaal maß ungefähr 10 zu 7 Fuß, war dunkel, unlüftbar und von einem erstickenden Oeldunst erfüllt. Ferner war nur eine einzige Kajüte vorhanden; sie hatte die Größe eines Grabes und enthielt zwei oder drei übereinander gestellte Betten von der Größe und Bequemlichkeit von Särgen; wenn das Licht ausgelöscht war, herrschte in dieser Kajüte eine Finsternis von einer Dicke und Greifbarkeit, daß einer hineinbeißen und sie wie Gummi kauen konnte. Der einzige Raum, wo ein Mensch sich frei bewegen konnte, befand sich hinten auf dem hochaufragenden Hüttendeck – ein Streifen von 16 Fuß Länge und 3 Fuß Breite; überall sonst auf dem Schiff lagen Taurollen und bespülten die Wellen das Deck.
Daß dies alles so war, geht für uns aus der bloßen Tatsache hervor, daß das Schiff klein war. Da es zugleich auch alt war, so ergeben sich daraus natürlich etliche andre Gewißheiten. Zum Beispiel: es war voll von Ratten; es war voll von Kakerlaken; bei schwerer See öffneten und schlossen sich die Fugen der Planken wie wenn ein Mensch seine Finger auseinanderspreizt und wieder schließt. Es leckte wie ein Korb. Wo ein Leck ist, ist notwendigerweise auch Schlagwasser; und wo Schlagwasser ist, kann bloß ein Toter sich des Lebens freuen. Von wegen der Gerüche. Vor Schlagwasser schämt Limburger Käse sich seiner Ruchlosigkeit.
Von diesen unumstößlich sichern Voraussetzungen ausgehend, können wir ein wahrheitsgetreues Bild von dem Tageslauf des großen Entdeckers entwerfen. In der Morgenfrühe verrichtete er seine Andacht vor dem Gnadenbild der Heiligen Jungfrau. Um acht erschien er auf der Hinterdeckspromenade. War das Wetter kühl, so erschien er, vom Helmbusch bis zum bespornten Absatz, in einer prachtvollen, mit Goldarabesken verzierten Rüstung, die er vorher am Küchenfeuer hatte wärmen lassen. War das Wetter warm, so kam er in der gewöhnlichen Seemannstracht jener Zeit auf Deck: Großer Schlapphut von blauem Samt mit einem wehenden Busch von schneeweißen Straußfedern, der durch einen blitzenden Klumpen von Diamanten und Smaragden zusammengehalten wird. Goldgesticktes Wams von grünem Samt mit geschlitzten Aermeln, die ein karmesinrotes Seidenfutter sehen lassen; breiter Kragen und Handkrausen aus kostbaren Spitzen; Pluderhosen aus rosenrotem Samt mit großen Knieschleifen aus gelbem Seidenbrokat; perlgraue seidene Zwickelstrümpfe mit zarter Stickerei; zitronengelbe Schlappstiefel aus Lammleder, herunterhängend, damit die schönen Strümpfe zu sehen sind; Stulphandschuhe aus feinstem weißem Ketzerleder, aus der Werkstatt der heiligen Inquisition, (früher zur Haut einer Dame von hohem Stande gehörend); Raufdegen mit juwelengeschmückter Scheide an einem breiten Wehrgehänge, das mit Rubinen und Saphiren besetzt ist.