Gedankenvoll geht er auf und ab, beobachtet das Aussehen des Himmels und die Windrichtung; sieht sich nach schwimmenden Pflanzen um, sowie nach andern Anzeichen nahenden Landes; gibt zum Zeitvertreib dem Manne am Steuer einen Rüffel; holt ein nachgemachtes Ei aus der Tasche und übt sich in seinem alten Kniff, es auf die Spitze zu stellen; ab und zu läßt er eine Rettungsleine herunter und rettet einen Matrosen auf dem Quarterdeck vom Ertrinken. Die übrige Zeit hindurch gähnt und streckt und dehnt er sich und sagt, er wolle die Fahrt nicht wieder machen und wenn es sechs Amerikas zu entdecken gäbe … Das war Kolumbus in seiner menschlichen Natürlichkeit, wenn er nicht für die Nachwelt posierte!
Um 12 Uhr mittags mißt er den Stand der Sonne und stellte fest, daß das gute Schiff in 24 Stunden 300 Ellen gemacht hat. Das genügt aber für ihn, um als Sieger anzukommen. Ein jeder kann als Sieger ankommen, wenn außer ihm kein Mensch da ist, der über den Weg und das Ziel etwas zu sagen hat.
Der Admiral hat allein gefrühstückt, ein feierliches Frühstück: Speck, Bohnen und Branntwein; um zwölf speist er allein und feierlich zu Mittag: Speck, Bohnen und Branntwein; um sechs ißt er allein und feierlich zu Abend: Speck, Bohnen und Branntwein; um elf nimmt er allein und feierlich sein Nachtmahl ein: Speck, Bohnen und Branntwein. Musik gibt es bei keiner dieser Orgien; das Schiffsorchester ist eine Erfindung der Neuzeit. Nach seiner letzten Mahlzeit spricht er ein Dankgebet für all die guten Sachen – deren Wert er vielleicht ein bißchen übertreibt. Dann legt er die Seidenpracht oder das vergoldete Eisengeschirr ab, steigt in seinen kleinen Bettsarg, bläst die flackernde Oelfunsel aus und beginnt seine Lungen in tiefen Atemzügen mit der von den köstlichen Düften ranzigen Oels und Schlagwassers geschwängerten Luft zu erfrischen. Die Atemzüge werden zu Schnarchen, und dann schwärmen die Ratten und die Kakerlaken brigade- und divisions- und armeekorpsweise aus und spielen Zirkus auf seinem ganzen Leibe.
Das war mehrere historische Wochen lang der tägliche Lebenslauf des großen Entdeckungsreisenden in seiner Nußschale, und der Unterschied zwischen den Bequemlichkeiten auf seinem Schiff und denen auf unserer ›Havel‹ springt einem sozusagen in die Augen.
Als er wiederkam – so berichtet die Weltgeschichte – da sagte der König von Spanien voll Verwunderung: »Das Schiff scheint leck zu sein. Leckte es schlimm?«
»Sire, Eure Majestät können selber urteilen: Ich pumpte während der Fahrt sechzehnmal den Atlantischen Ozean durch das Schiff.«
So berichtet General Horace Porter. Andre Autoritäten sprechen nur von fünfzehnmal.
Verschollene Gefühle.
Eins ist vorbei, auf Nimmerwiederkehr: die Romantik des Meeres. Die zarte Gefühlsseligkeit, die das Seewesen umwob, ist aus unserem Werkeltagsleben verschwunden und gehört nur noch als eine ferne halbverwischte Erinnerung der Vergangenheit an. Aber viele von uns Mitlebenden können sich noch sehr gut der Zeit erinnern, da diese Gefühlsseligkeit in jedermanns Brust lebte; und je weiter die Menschen vom Salzwasser entfernt wohnten, desto höher hielten sie diese Liebe. Sie drang, wie die Luft, überall hin. Man brauchte in einer Gesellschaft bloß von der See, der romantischen See zu sprechen, und sofort verfielen die Leute in eine Rührung, die höchst komisch war. Weitaus die meisten Lieder, die vom Jungvolk in den weltabgelegenen Siedelungen gesungen wurden, hatten zum Helden den schwermütigen Wandrer, und dessen Aussprüche über das Meer bildeten die Kehrreime. Wenn Ausflügler in einem Kahn ein Flüßchen entlang plätscherten, sangen sie unfehlbar, sobald sich die Dämmerungsschatten herniedersenkten:
Der Heimat zu, der Heimat zu,