»Ich sagte: ›Pfui, wie schmutzig – laßt mich niemals wieder ihn nennen hören.‹
»Und ach – denken zu müssen: Er war unschuldig!
»Neun Monate – neun öde traurige Monate gingen dahin und endlich kam der Tag des großen Jahresopfers, wo alle Jungfrauen des Stammes ihr Antlitz waschen und ihr Haar kämmen. Mit dem ersten Strich meines Kammes kam zum Vorschein der verhängnisvolle Angelhaken, kam heraus aus seinem Versteck, wo er diese ganzen neun Monate genistet hatte – und ich fiel ohnmächtig in die Arme meines von Reue gequälten Vaters! Stöhnend sagte er: ›Wir mordeten ihn, und ich werde niemals wieder lächeln.‹ Er hat sein Wort gehalten … Höre: von diesem Tage bis heute verging kein Monat, daß ich nicht mein Haar kämmte! Aber ach, was nützt das alles jetzt! …«
So endete der armen Jungfrau bescheidene kleine Geschichte – und wir lernen daraus: Sintemalen hundert Millionen Dollars in New York und zweiundzwanzig Angelhaken am Rande der arktischen Zone dieselbe finanzielle Uebermacht darstellen, so ist ein Mann in bedrängten Verhältnissen ein Narr, wenn er in New York bleibt, da er doch nur für zehn Cents Angelhaken zu kaufen und auszuwandern braucht.
Die Erzählung des Kaliforniers.
Vor dreiundzwanzig Jahren war ich den Stanislaus aufwärts auf die Goldsuche aus. Den lieben langen Tag wanderte ich mit Spitzhaue, Waschpfanne und Horn, wusch hier einen Hutvoll Erde aus und dort einen, und dachte immer, ich würde einen reichen Fund machen. Aber ich machte keinen. Es war eine liebliche Gegend, waldreich mit köstlich würziger Luft. Vor vielen Jahren war sie dicht bevölkert gewesen, aber jetzt waren die Menschen verschwunden und es war einsam in dem entzückenden Paradiese. Als das oberflächliche Graben sich nicht mehr lohnte, gingen die Goldsucher fort. An einer Stelle, wo eine betriebsame kleine Stadt mit Bankhäusern und Zeitungen und Feuerwehr und einem Bürgermeister nebst Stadträten gestanden hatte, da war jetzt bloß noch ein weitausgedehnter smaragdgrüner Rasen und nicht das leiseste Zeichen verriet, daß jemals menschliches Leben sich hier gerührt hatte. Es war in der Nähe von Tuttletown. In der Nachbarschaft daherum, längs den staubigen Landstraßen fand man in Zwischenräumen verstreut die niedlichsten kleinen Landhäuser, nett und kosig und so mit rosenübersätem Weinlaub umsponnen, daß Thüren und Fenster völlig dahinter verschwanden – ein Zeichen, daß diese Heimstätten verlassen waren, seit vielen Jahren von enttäuschten Familien aufgegeben, die sie weder verkaufen noch auch nur verschenken konnten. Ab und zu, so etwa jede halbe Stunde einmal, kam man bei einsam liegenden Blockhütten vorbei, die in der Morgenröte der Goldgräberzeit von den ersten Goldgräbern, den Vorläufern der Landhausbesitzer, gebaut waren. In einigen wenigen Fällen waren diese Hütten noch jetzt bewohnt; und wenn man so eine traf, so konnte man sich darauf verlassen, daß der Bewohner der Pionier selbst war, der einst die Hütte gebaut hatte; und noch auf eins konnte man sich verlassen: er war da, weil er einmal seine Gelegenheit, reich nach den ›Staaten‹ zurückzukehren, verpaßt hatte. Er hatte später seinen Reichtum wieder verloren und dann in seiner Zerknirschtheit beschlossen, alle Verbindungen mit den Verwandten und Freunden daheim abzubrechen und hinfort bei ihnen für tot zu gelten. Ueber ganz Kalifornien war damals eine Schar von solchen lebendig-toten Männern verstreut. In ihrem Stolz getroffene arme Burschen, grau und alt mit vierzig, hatten sie keine anderen Gedanken als Reue und Sehnsucht: Reue wegen ihres vergeudeten Lebens und Sehnsucht, mit dem Kampf und allem anderen fertig zu sein.
Es war ein einsames Land! In all diesen friedlichen weiten Grasebenen und Wäldern kein Laut als das einschläfernde Summen der Insekten; kein Schimmer von Menschen oder Vieh; nichts, was einem den Sinn aufmuntert und Freude am Leben giebt. So empfand ich denn ein beinahe dankbares Gefühl der Erleichterung, als ich am frühen Nachmittag ein menschliches Wesen zu Gesicht bekam. Es war ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren und er stand an der Gartenpforte von einem jener traulichen rosenumrankten Häuschen, von denen ich vorhin sprach. Dieses hier machte aber keinen verödeten Eindruck; man sah ihm im Gegenteil an, daß Menschen darin wohnten und es pflegten und mit Lust und Liebe sauber hielten; und in dem Vorhof war ein Garten mit überreichem, buntem Blumenflor. Natürlich wurde ich gebeten hereinzukommen und es mir behaglich zu machen – so ist es dort zu Lande Brauch.
Es war ein köstliches Gefühl, in solchem Hause zu weilen, nachdem ich wochenlang täglich und nächtlich nur in Goldgräberhütten verkehrt hatte – und das bedeutete schmutzige Fußböden, nie gemachte Betten, Blechteller und -Becher, Speck und Bohnen und schwarzen Kaffee, und nichts zum Schmuck als Kriegsbilder, die aus östlichen Zeitschriften herausgerissen und mit Nägeln an den Holzwänden befestigt waren. Ueberall harte, freudlose, trostlose Verdumpfung – aber hier war ein Nest, wo das ermüdete Auge sich ausruhen konnte. Es ist in der menschlichen Natur ein gewisses Etwas, das, wenn es nach langer Entbehrung auf Erzeugnisse der Kunst trifft – mögen sie auch billig und bescheiden sein – sofort sich bewußt wird, daß es unbewußt nach solcher Speise gehungert und daß es sie jetzt gefunden hat. Ich hätte niemals gedacht, daß ein Lappenteppich mich so heiter, so zufrieden machen könnte oder daß ein Seelentrost in Tapeten und eingerahmten Lithographien läge und in hellfarbigen Sofaschonern und Lampenschirmen, in Lehnstühlen und in lackierten Nippschränkchen mit Seemuscheln und Büchern und Porzellanvasen darauf und überhaupt in all den unbezeichenbaren Kleinigkeiten, die eine Frauenhand in einem Hauswesen anzubringen weiß – man sieht sie, ohne es zu wissen, und würde sie doch augenblicklich vermissen, wenn sie weggenommen würden. Das Entzücken, das ich im Herzen empfand, sprach sich auf meinem Gesicht aus und der Mann sah es und freute sich darüber; und als antwortete er auf eine Bemerkung von mir, sagte er in liebevollem Ton: