»Alles ihr Werk! Sie machte es alles selber – jedes bißchen,« und er umfaßte das Zimmer mit einem Blick voll verehrungsvoller Liebe. Ein japanisches Tuch, so ein Stück von jenem weichen Stoff, womit Frauen sorgfältig-nachlässig den oberen Teil eines Bilderrahmens zu verhängen pflegen, war in Unordnung geraten. Er bemerkte es und brachte es mit vorsichtiger Hand wieder in die richtige Lage, wobei er mehreremale zurücktrat, um den Eindruck zu beurteilen. Endlich fand er es nach Wunsch, strich zum Schluß noch ein- oder zweimal leicht mit der Hand darüber und sagte: »Sie macht es immer so. Man kann nicht genau sagen, was daran fehlt, aber es fehlt wirklich etwas daran, bis man’s ebenso gemacht hat; man sieht es selbst, wenn man damit fertig ist – aber das ist auch alles, was man davon weiß. Warum es so ist, das weiß man nicht; ’s ist wie wenn eine Mutter zum Schluß ihrem Kind übers Haar streicht, nachdem sie’s gekämmt und gebürstet hat; so ist’s, wie mir scheint. Ich habe ihr so oft zugesehen, wenn sie all die Dinger hier festmacht, daß ich selber ganz richtig damit umgehen kann, obwohl ich nicht weiß, warum das so und jenes so sein muß. Aber sie kennt auch das Warum. Sie weiß mit dem Wie sowohl wie mit dem Warum Bescheid; ich verstehe vom Warum nichts, ich kenne bloß das Wie.«

Er führte mich in ein Schlafzimmer, wo ich mir die Hände waschen könnte. So ein Schlafzimmer hatte ich seit Jahren nicht gesehen: weiße Bettdecke, weiße Kissen, dielenbelegter Fußboden, Tapeten an den Wänden, Bilder, Putztisch mit Spiegel und Nadelkissen und zierlichen Toilettegegenständen; und in der Ecke ein Waschtisch mit Schüssel und Krug aus echtem Porzellan und mit Seife in einem Porzellannapf und an einem Gestell mehr als ein Dutzend Handtücher – Handtücher so sauber und weiß, daß einem, der an so etwas nicht mehr gewöhnt war, ihr Gebrauch wie eine Verschwendung vorkam. Man mußte meinem Gesicht ansehen, was ich empfand, und er freute sich wieder darüber und sagte:

»Alles ihr Werk; sie machte es alles selber – jedes bißchen, kein Ding hier, das nicht die Berührung ihrer Hand gefühlt hat. Nun werden Sie denken … aber ich darf nicht so viel sprechen …«

Ich trocknete gerade meine Hände ab und ließ dabei meine Augen im Zimmer herum von einem Gegenstand zum andern wandern, wie man’s gerne thut, wenn man an einem neuen Ort ist, wo jedes Ding, das man sieht, ein Labsal für Auge und Gemüt ist. Und ich merkte – man merkt so etwas manchmal auf unerklärliche Weise – daß da irgendwo irgendwas vorhanden wäre, was ich nach des Mannes Wunsch selber entdecken sollte. Ich wußte das ganz genau und ich merkte auch, daß er mir durch verstohlene Andeutungen mit seinen Augen dabei zu helfen suchte; so gab ich mir denn viele Mühe, dahinter zu kommen, denn ich wollte ihm gerne ein Vergnügen machen. Mehreremale riet ich falsch – ich sah es aus dem Augenwinkel, ohne daß er ein Wort sagte. Zuletzt aber mußte ich meinen Blick auf die richtige Stelle gelenkt haben; ich merkte das an dem Behagen, das in unsichtbaren Wellen von ihm ausströmte. Er brach in ein glückliches Lachen aus, rieb sich die Hände und rief:

»Das ist’s! Sie haben’s herausgefunden. Ich wußte, Sie würden’s finden! ’s ist ihr Bild.«

Ich ging zu dem kleinen Schwarznußpaneel an der anderen Wand und fand dort etwas, was ich bisher noch nicht beachtet hatte – einen Photographieständer. Der Rahmen umschloß das süßeste Mädchenantlitz und – wie mir’s vorkam – das schönste, das ich je gesehen. Der Mann trank die Bewunderung von meinem Gesicht und war völlig befriedigt.

»Neunzehn war sie an ihrem letzten Geburtstag,« sagte er, als er das Bild wieder auf seinen Platz stellte, »und das war der Tag, an dem wir heirateten. Wenn Sie sie sehen – aber warten Sie nur, wenn Sie sie sehen!«

»Wo ist sie? Wann wird sie zurück sein?«

»O, sie ist jetzt gerade verreist. Sie besucht ihre Leute. Sie wohnen vierzig oder fünfzig Meilen von hier. Heute vor vierzehn Tagen reiste sie ab.«

»Wann erwarten Sie sie zurück?«