»Sie? Das arme Ding – sie ist seit neunzehn Jahren tot.«
»Tot?«
»– oder schlimmer als tot. Sie ging ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit zu ihren Verwandten auf Besuch, und auf ihrer Rückreise, an einem Samstag-Abend, raubten die Indianer sie, fünf Meilen von hier, und man hat niemals wieder was von ihr gehört.«
»Und er hat darüber seinen Verstand verloren?«
»Er hat seither niemals wieder eine vernünftige Stunde gehabt. Aber schlimm wird es mit ihm nur, wenn die Zeit wieder herankommt. Dann fangen wir an, bei ihm vorzusprechen, drei Tage bevor sie kommen soll, und sprechen ihm Mut zu und fragen, ob er was von ihr gehört hat und am Samstag kommen wir alle und putzen das Haus mit Blumen heraus und machen alles zu einem Tanz fertig. So haben wir’s seit neunzehn Jahren jedes Jahr gemacht. Am ersten Samstag, da waren wir unser siebenundzwanzig, ungerechnet die Mädels. Jetzt sind wir bloß noch drei und die Mädels sind alle fort. Wir geben ihm einen Schlaftrunk, sonst würde er wild werden. Dann ist es wieder für ein Jahr ganz in Ordnung mit ihm – er denkt, sie ist bei ihm, bis die letzten drei oder vier Tage herankommen, dann fängt er an nach ihr auszusehen und kriegt seinen armen alten Brief heraus und wir kommen und bitten ihn, uns den Brief vorzulesen. Lieber Gott, was war sie für ’ne herzige Kleine …«
Die Appetit-Anstalt.
I.
Das Etablissement heißt Hochberghaus. Es liegt in Böhmen, eine kleine Tagereise von Wien und da es zum österreichischen Kaiserreich gehört, so ist es natürlich eine Kuranstalt. Das Reich besteht aus lauter Kurorten; es versorgt die ganze Welt mit Gesundheit. Die Quellen sind alle medizinisch. Ihr Wasser wird auf Flaschen gefüllt und über die ganze Erde versandt; die Einheimischen selbst trinken Bier. Dies sieht aus wie Aufopferung – aber Ausländer, die einmal Wiener Bier getrunken haben, sind anderer Meinung darüber. Besonders wenn es jenes Pilsener war, das man in einem kleinen Keller in einem dunklen Hintergäßchen im ersten Bezirk bekommt – der Name ist mir entfallen, aber das Lokal ist leicht zu finden: man frage nach der Griechischen Kirche; hat man sie gefunden, so gehe man rechter Hand gerade aus – das nächste Haus ist die kleine Bierschänke. Sie liegt fern von allem Verkehr und Lärm; hier ist ewiger Sonntag. Die Wirtschaft besteht aus zwei kleinen Zimmern mit niedrigen Decken, die von mächtigen Gewölbepfeilern getragen werden; Gewölbe und Pfeiler sind weiß getüncht, sonst könnte man die Räume für Kerkerzellen im Donjon einer Bastille halten. Die Einrichtung ist einfach und billig, Schmuck fehlt gänzlich – und doch ist hier ein Himmel für die aufopferungsvollen Biertrinker, denn das Bier ist unvergleichlich – wirklich, es giebt seinesgleichen nicht auf der ganzen Welt! Im ersten Zimmer wird man zwölf bis fünfzehn Damen und Herren von bürgerlichem Stande finden, im zweiten ein Dutzend Generäle und Botschafter. Man kann viele Monate in Wien leben, ohne von diesem Ort zu hören. Aber hat man einmal davon gehört und seine Reize erprobt – so wird man der Kneipe als Stammgast verfallen sein.
Indessen, dies alles sage ich nur so nebenbei – es ist nur eine flüchtige Bemerkung zum Zeichen der Dankbarkeit für genossenes Glück; mit meinem Aufsatz hat es nichts zu thun. Mein Aufsatz betrifft Kurorte. Alle ungesunden Leute sollten ihren Wohnsitz in Wien aufschlagen und von dieser Basis auf von Zeit zu Zeit nach den umliegenden Kurorten, je nach Bedürfnis, Ausflüge machen: einen Ausflug nach Marienbad, um das Fett loszuwerden; einen Ausflug nach Karlsbad, um den Rheumatismus loszuwerden; einen Ausflug nach Kaltenleutgeben, um die Wasserkur zu gebrauchen und alle übrigen Krankheiten loszuwerden. ’s ist alles so bequem zur Hand. Man kann in Wien stehen und einen Zwieback nach Kaltenleutgeben hineinwerfen; man braucht bloß eine Dreißigzentimeterkanone dazu. Man kann zu jeder Tageszeit dorthin eilen; man fährt mit phänomenal langsamen Zügen und braucht trotzdem kaum eine Stunde und ist dem Dunst und der Hitze der Stadt entronnen und hat dafür waldige Berge und schattige Waldwege und weiche kühle Lüfte und Vogelmusik und Ruhe und Frieden eines Paradieses.