Ich mußte mir irgendwie die Zeit vertreiben. Ich dachte an Lesen und Rauchen. Ich that es; Stunde auf Stunde. Die Bücher waren alle von derselben Art: von Schiffbrüchen; von Menschen, die sich in Wüsten verirrt hatten; von Leuten, die in verschüttete Bergwerksschächte eingeschlossen waren; von Leuten, die in belagerten Städten verhungert waren. Ich las von allen ekelerregenden Speisen, womit jemals hungerleidende Menschen ihre Gier nach Essen gestillt haben. Während der ersten Stunden machten diese Geschichten mir übel; dann folgten Stunden, wo sie nicht mehr solchen Eindruck auf mich machten; dann kamen Stunden, wo ich mich ab und zu darüber ertappte, daß ich bei der Beschreibung irgend welcher leidlich höllenmäßigen Gerichte mit den Lippen schmatzte. Als ich fünfundvierzig Stunden lang ohne Essen gewesen war, lief ich munter an die Klingel und bestellte das zweite Gericht auf der Speisekarte: eine Art Knödel mit Füllungen von Kaviar und Theer.
Es wurde mir verweigert. Während der nächsten fünfzehn Stunden machte ich alle Augenblicke ’mal einen Besuch bei der Klingel und bestellte ein Gericht, das weiter unten auf der Karte stand. Immer wieder abgeschlagen! Aber ich überwand stracks ein Vorurteil nach dem andern; ich machte sichere Fortschritte; ich kroch mit tödlicher Sicherheit näher an Nr. 15 heran, und mein Herz schlug schneller und schneller, meine Hoffnungen stiegen höher und höher.
Schließlich, als seit sechzig Stunden keine Nahrung über meine Lippen gekommen war – da war der Sieg mein und ich bestellte Nr. 15:
»Weich gekochte Kücken, fertig zum Auskriechen – mit den Eiern; sechs Dutzend, heiß und duftig!«
In fünfzehn Minuten waren sie da; und mit ihnen kam, vor Freude sich die Hände reibend, der Doktor. Er sagte in großer Erregung:
»Das ist ’ne Kur! Das ist ’ne Kur! Ich wußte, sie würde mir gelingen. Lieber Herr, mein großes System schlägt niemals fehl – niemals! Sie haben Ihren Appetit wieder – Sie wissen, Sie haben ihn; sagen Sie’s und machen Sie mich glücklich!«
»Her mit Ihrem Fraß! Ich kann alles essen, was auf der Speisekarte steht!«
»O, das ist edel, das ist prächtig! Aber ich wußte, es gelänge mir; das System ist unfehlbar. Wie sind die Vögel?«
»So was Köstliches war noch niemals auf der Welt – und doch mache ich mir sonst im allgemeinen nicht viel aus Geflügel. Aber unterbrechen Sie mich nicht, bitte! Ich kann meinen Mund nicht entbehren, wirklich, ich kann’s nicht.«
Da sagte der Doktor: