»Warten Sie noch einen Augenblick, ehe Sie sich endgiltig entscheiden. Es ist noch eine andere Vorschrift da: Wenn Sie jetzt etwas wählen, wird Ihre Bestellung sofort ausgeführt werden; wenn Sie aber warten, so müssen Sie warten bis es mir beliebt. Sie können von der ganzen Speisekarte kein Gericht ohne meine Einwilligung bekommen.«
»Schon recht. Zeigen Sie mir mein Zimmer und schicken Sie die Köchin zu Bett; ich habe es ganz und gar nicht eilig.«
Der Professor führte mich eine Treppe hinauf und brachte mich in eine sehr einladende und behagliche Wohnung, bestehend aus Wohnzimmer, Schlafstube und Baderaum.
Die Vorderfenster gewährten eine weite Aussicht über grüne Lichtungen und Thäler, über waldbedeckte Hügelkuppen – eine vornehme Einsamkeit, unberührt von der Qual der lärmenden Welt. Im Wohnzimmer waren eine Anzahl Gestelle voller Bücher. Der Professor sagte, er wolle mich jetzt mir selber überlassen; dann fuhr er fort:
»Rauchen und lesen Sie soviel Sie mögen, trinken Sie soviel Wasser, wie Sie Lust haben. Wenn Sie Hunger bekommen, so klingeln Sie und bestellen Sie was und ich werde entscheiden, ob Sie es bekommen dürfen oder nicht. Ihr Zustand ist ein hartnäckiger böser Fall und ich denke die ersten vierzehn Gerichte, die auf der Karte stehen, sind ohne Ausnahme nicht stark genug für die Verhältnisse. Ich bitte Sie um die Gefälligkeit, sich einzuschränken und keins von ihnen zu bestellen.«
»Mich einschränken – sagten Sie nicht so? Seien Sie darum ohne Sorgen. Bei mir werden Sie Geld sparen! Der Gedanke, eines kranken Mannes verlorenen Appetit mit solchem Raubvogelfraß zurückschmeicheln zu wollen ist heller Wahnsinn!«
Ich sagte dies voll Bitterkeit, denn es brachte mich außer mir, daß er so ruhig und kalt von seinen herzlosen neuen Mordmethoden sprach. Der Doktor sah mich bekümmert, aber nicht beleidigt an. Er legte die Speisekarte auf das Nachttischchen, das am Kopfende meines Bettes stand, ›so daß es bequem zur Hand sein möchte‹ und sagte:
»Ihr Fall ist durchaus nicht der schwerste, der mir bis jetzt vorgekommen ist; aber immerhin ist er schlimm und erfordert kräftige Behandlung; ich werde Ihnen deshalb verbunden sein, wenn Sie die Selbstbeherrschung üben, die ersten vierzehn zu überschlagen und erst von Nr. 15 an zu beginnen.«
Hierauf ging er, und ich fing sofort an mich auszuziehen, denn ich war hundemüde und sehr schläfrig. Ich schlief fünfzehn Stunden und wachte am nächsten Morgen um zehn herrlich erquickt auf. Wiener Kaffee! Das war das erste, woran ich dachte – dieser unerreichbare Wonnetrank, dieser prachtvolle Kaffeehauskaffee, mit dem verglichen aller andere europäische Kaffee und aller amerikanische Hotelkaffee bloß eine flüssige Armseligkeit ist. Ich klingelte und bestellte welchen; auch Wiener Brot dazu – diese köstliche Erfindung. Der Aufwärter sprach mit mir durch das Schiebefenster in der Thür und sagte – aber man weiß schon, was er sagte. Er verwies mich auf die Speisekarte. Ich gestattete ihm zu gehen – ich hätte ihn nicht weiter nötig.
Nach dem Bade zog ich mich an und gedachte einen Spaziergang zu machen – und kam bis an die Thür. Sie war von außen verschlossen. Ich klingelte und der Diener kam und setzte mir auseinander, das sei wieder eine andere Vorschrift. Der Patient müsse eingeschlossen bleiben, bis er die erste Mahlzeit eingenommen habe. Es war mir vorher am Ausgehen nicht übermäßig viel gelegen gewesen; aber nun war es etwas anderes! Ein Mensch, der eingeschlossen ist, wünscht immer dringend, auszugehen. Bald begann ich es schwierig zu finden, die Zeit totzuschlagen. Um zwei Uhr war ich sechsundzwanzig Stunden ohne Nahrung gewesen. Eine Zeitlang war ich immer hungriger geworden; jetzt merkte ich, daß ich nicht nur Hunger hatte, sondern daß mein Hunger sogar mit einem sehr kräftigen Adjektiv bezeichnet werden mußte. Indessen war ich doch nicht hungrig genug, um es mit der Speisekarte aufnehmen zu können.