Am 17. Mai vermerkt Kapitän Mitchell in seinem Logbuch: »Nur noch ein halber Scheffel Zwieback übrig!« – Und sie haben noch einen Monat über die See zu wandern!

Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag; ein unbehaglicher Zustand für sie alle. Ein Schwertfisch jagte einen Boniten; das arme Ding suchte Rettung unter dem Steuerruder des Langboots. Der große Schwertfisch schoß fortwährend um das Boot herum, zum nicht geringen Schrecken aller Insassen. Den Leuten lief das Wasser im Munde zusammen, denn das Tier hätte ein ganzes Festessen gegeben; aber niemand wagte natürlich die Bestie anzurühren, denn sie hätte ja sofort das Boot in Grund gebohrt, wenn sie belästigt worden wäre. Die Vorsehung behütete den armen Boniten vor dem wilden Schwertfisch. Das war recht und billig. Dann kam die Vorsehung den schiffbrüchigen Seeleuten zu Hilfe: sie fingen den Boniten. Das war ebenfalls recht und billig. Aber dabei kam der Schwertfisch zu kurz. Er machte sich davon; wahrscheinlich dachte er über diese knifflichen Fragen nach.

Die Mannschaft in allen drei Booten ist allem Anschein nach wohlauf; der schwächste von den Kranken, der so lange Zeit an Bord keinen Dienst hatte thun können, ›ist prächtig wiederhergestellt‹. Es ist der vom Dritten Steuermann verabscheute Portugiese, der die ›ganze Familie von Eiterbeulen gezüchtet hatte.‹

Am 19. Mai ließ der Kapitän die beiden kleinen Boote herankommen und erklärte, eins von ihnen müsse auf eigene Hand weiterfahren; das Langboot könne nicht länger alle beide schleppen. Der Zweite Steuermann weigerte sich, aber der Obersteuermann war bereit; er war überhaupt stets bereit, wenn eine Männerarbeit zu thun war. Er übernahm das hinterste Boot; sechs von den Leuten erklärten sich bereit darin zu bleiben, zwei von seiner eigenen Mannschaft kamen mit ihm; im ganzen waren also acht, den Obersteuermann eingerechnet, neun Mann im Boot. Er segelte ab und kam gegen Sonnenuntergang den anderen außer Sicht. Dem Tagebuchschreiber that es leid, daß er ging; das war natürlich: sie hätten besser den Portugiesen missen können.

Jetzt nach 32 Jahren lebt meine Abneigung gegen diesen Portugiesen wieder auf. Seit langer Zeit weiß ich nicht einmal mehr, wie er aussieht – aber einerlei, ich hasse ihn wieder inbrünstig wie nur je.

Wasser wird jetzt kostbar werden, denn da wir jetzt aus den Doldrums herauskommen, so kriegen wir höchstens ab und zu einen Regenschauer mit einem Passatwind.

Am 20. Mai erreichen sie 12° 0´ 9´´ n. Br. Sie müßten jetzt völlig aus den Doldrums heraus sein – aber sie sind noch drin. Keine Brise; die langersehnten Passatwinde wollen immer noch nicht kommen. Sie schauen immer noch sehnsüchtig nach einem Segel aus, aber sie haben nur ›Visionen von Schiffen, die sich zu nichts verflüchtigen‹. Am Nachmittag fängt der Zweite Steuermann einen Tölpel, einen Vogel, der hauptsächlich aus Federn besteht; ›aber da sie kein anderes Fleisch haben, so ist es willkommen‹.

Am 21. Mai erreichen sie endlich die Passatwinde. Der Zweite Steuermann fängt noch drei Tölpel und giebt dem Langboot einen ab. Zum ›Mittagessen‹ giebt es eine halbe Kanne kleingeschnittenes Fleisch, das unter die Leute verteilt wird und ihnen ›einige Kraft giebt‹. Ein Mann muß fortwährend Wasser schöpfen, denn der Leck, den das Boot beim Aussetzen bekam, war schlecht zugestopft. Der nächste Tag war ein recht ereignisvoller.

22. Mai. Diese Nacht hatten wir den Wind von vorne, so daß wir ost-südöstlich, dann wieder west-nordwestlich zu steuern hatten, und so immer abwechselnd. Heute morgen weckte uns plötzlich der Ruf: »Segel voraus!« Und wirklich, wir konnten es sehen! Wir machten uns vom Boot des zweiten Steuermanns frei und steuerten so, daß wir auf dem Schiff bemerkt werden mußten. Es war ungefähr um halb sechs in der Frühe. Nachdem wir ungefähr 20 Minuten lang in höchster Aufregung auf das Segel zu gehalten hatten, erkannten wir, daß wir das Boot des Obersteuermanns vor uns hatten. Natürlich freuten wir uns, sie zu sehen und zu vernehmen, daß alle gesund waren; aber es war doch für uns alle eine bittere Enttäuschung! Jetzt, wo wir unter den Passatwinden sind, können wir, wie es scheint, unmöglich so scharf nördlich halten, um die Inseln zu erreichen. Wir haben beschlossen, unser Bestes zu thun, um den von Schiffen befahrenen Strich der See zu erreichen. Infolgedessen wurde es notwendig, auch das andere Boot seinem Schicksal zu überlassen. So geschah es denn auch, aber erst nach recht unerquicklichen Auseinandersetzungen und nachdem wir noch einmal Wasser und Lebensmittel geteilt und den Matrosen Cox aus ihrem Boot in das unsrige genommen hatten. Mit ihm sind wir jetzt fünfzehn! Die Leute vom Boot des zweiten Steuermanns verlangten, wir sollten sie alle bei uns aufnehmen und ihr Boot treiben lassen. Es war ein sehr schmerzlicher Abschied.

Durch den westlichen Kurs verbessern sich unsere Aussichten, von einem Schiff aufgenommen zu werden, aber jeden Tag schmelzen unsere spärlichen Vorräte so sehr zusammen. Wenn wir nicht die Fische, Delphine und Vögel gehabt hätten, so weiß ich nicht, wie wir so weit hätten kommen können. Vorgestern erbot ich mich, das Morgen- und Abendgebet zu lesen und that das gestern abend zum erstenmal. Die Leute, obwohl verschiedenen Nationen und Glaubensbekenntnissen angehörend, sind sehr aufmerksam und nehmen die Hüte ab. Möge Gott meinen schwachen Bemühungen Erfolg verleihen!