Dieser letzterwähnte Umstand wurde natürlich mit der Zeit immer beschwerlicher, aber es liegt in der menschlichen Natur, solche Unannehmlichkeiten nur im Anfang besonders zu erwähnen. Diese Qual dauerte noch fünf Wochen – dessen müssen wir uns erinnern, da der Tagebuchschreiber nichts davon sagt; unsere Betten werden uns dadurch um so weicher vorkommen.
Henry befindet sich gut; aber er brütet mehr über unsere Lage als mir lieb ist … Wir fingen zwei Delphine, sie schmeckten gut … Der Kapitän glaubte, der Kompaß sei nicht in Ordnung, aber der seit lange unsichtbar gewesene Polarstern trat hervor – ein willkommener Anblick! – und bestätigte die Angabe des Kompasses.
10. Mai. 7° 0´ 13´´ n. Br., 111° 32´ w. L. Wir haben also in den 6 Tagen, seitdem wir das Schiff verließen, ungefähr 300 Meilen nach Norden gemacht. Heute treiben wir den ganzen Tag in Kalmen. Dabei werden wir von der Hitze gebraten. Wie der Kapitän sagt: alles Romantische ist längst entschwunden; wir kommen nur sehr langsam vorwärts; vom hintersten Boot kommen schlimme Nachrichten; die Leute sind unverständig, sie haben all ihr Büchsenfleisch, das vom Schiff mitgenommen wurde, aufgegessen und werden jetzt unzufrieden. Nicht so die Leute des Obersteuermanns; diese stehen offenbar unter den Augen eines Mannes.
11. Mai. Wir liegen still! Oder noch schlimmer: wir verloren in der letzten Nacht mehr Fahrt, als wir gestern gemacht hatten – wir sind drei volle Meilen von den mühsam zurückgelegten 300 wieder zurückgekommen.
Der Hahn der von dem brennenden Schiff in unser Boot gerettet wurde, lebt noch immer und kräht jeden Morgen, wenn der Tag anbricht; das heitert uns wirklich auf … Wovon hat er die ganze Woche über gelebt? Haben die hungernden Männer ihn von ihren armseligen Bissen noch mitgefüttert? … Des Zweiten Steuermanns Boot hat wieder kein Wasser mehr – ein Zeichen, daß sie mehr trinken, als sie dürfen. Der Kapitän sprach ziemlich scharf zu ihnen.
Noch immer lugten sie hoffnungsvoll nach Schiffen aus. Der Kapitän war ein bedächtiger Mann und ließ sie bei ihrem Glauben; er selbst wußte ohne Zweifel, daß ihr Ausspähen im Grunde nur Zeitvergeudung war.
In diesen Breiten sind am Horizont oftmals aufrechtstehende Wölkchen, die genau wie Schiffsegel aussehen … Ich hatte drei Flaschen Branntwein von unserem Privatvorrat in Sicherheit gebracht; sie leisteten uns in diesen Tagen gute Dienste. Der Kapitän giebt jedem Mann von der Wache zwei Eßlöffel voll, halb Branntwein, halb Wasser … Die Leute halten regelmäßig Wache – vier Stunden Dienst, vier Stunden Ruhe … Der Obersteuermann ist ein ausgezeichneter Offizier. Ich bot ihm eine Flasche Branntwein an, aber er lehnte sie ab; er sagte, er könnte auch im hintersten Boot Ruhe halten und wir hätten nicht genug für alle.
13. Mai. Heute nacht brachte der Ruf: Ein Schiff! uns alle auf die Beine. Es schien, als ob die Signallaterne eines Schiffes sich aus der See erhebe. In atemloser Hoffnung standen wir, die Hand über den Augen haltend, und das Herz stak uns in der Kehle. Dann brach die Hoffnung zusammen: das Licht war ein aufgehender Stern. Ich dachte heute oft an unsere Leute daheim; wie enttäuscht werden sie nächsten Sonntag sein, wenn sie kein Telegramm von uns aus San Francisco bekommen.
Es sollte noch manche Woche dauern bis dies Telegramm ankam; aber dann kam es wie ein Blitz aus dem Himmel, wie ein freudenbringendes Wunderzeichen – ein Lebenszeichen von lieben Menschen, die schon als tot betrauert waren. Am 13. Mai verzeichnet Ferguson, daß die Tagesration auf einen Viertel-Zwieback für jede Mahlzeit heruntergesetzt ist; dazu haben sie täglich ungefähr ein Viertelliter Wasser. Und noch liegt mehr als ein Monat vor ihnen! Doch da sie dies nicht wissen, so sind sie ›alle ziemlich vergnügt‹.
Am 14. Mai versetzt ein Ereignis sie in einen Freudentaumel von Hoffnung: es kommt ein Landvogel! Er ruht sich eine Weile auf der Raa aus und sie können ihn in aller Bequemlichkeit ansehen und können ihn beneiden und ihm für die Botschaft danken. Als neuer Gesprächsstoff ist dieser Vogel unermeßlich wertvoll: eine Abwechselung für die Zungen, die bis zu tödlicher Ermüdung immer und immer wieder dieselbe Frage besprechen: »Werden wir jemals wieder Land sehen – und wann?« Ist der Vogel von Clipperton-Rock? Sie hoffen es und sie glauben von Herzen gern, was sie wünschen. Wie sich später herausstellte, war der Vogel kein Bote des Heils gewesen; er hatte sie gefoppt.