Die Eintragung vom nächsten Tag betrifft die Katastrophe. Die drei Boote stießen ab, ruderten ein kleines Stück hinweg und hielten dann. Die beiden beschädigten hatten jedes einen bösen Leck; einige von den Leuten mußten fortwährend das Wasser ausschöpfen, andere verstopften die Löcher, so gut sie konnten. Der Kapitän, die beiden Passagiere und elf Mann waren im Langboot; sie hatten einen Teil der Lebensmittel und des Wassers und es war kein Platz übrig, denn das Boot war nur 21 Fuß lang, 6 breit und 3 tief. Der Obersteuermann und 8 Mann waren in dem einen von den kleinen Booten, der Zweite Steuermann und 7 Mann im anderen. Die Passagiere hatten von ihren Kleidern bloß die Mäntel gerettet, dazu die Sachen, die sie auf dem Leibe trugen. Das Schiff in seinem Flammenmantel und mit der gewaltigen Säule von schwarzem Qualm, die sich gen Himmel erhob, bot in der Einsamkeit des Weltmeers einen großartig malerischen Anblick und Stunde auf Stunde saßen die von ihrem Obdach Vertriebenen und starrten auf dieses Bild. Inzwischen berechnete der Kapitän die ungeheure Entfernung, die zwischen ihm und dem nächsten erreichbaren Land lag und setzte dann die Rationen fest, die ihnen in ihrer Not zur Verfügung standen: einen halben Zwieback zum Frühstück, einen Zwieback und ein bißchen Büchsenfleisch zum Mittag, einen Zwieback als Abendessen; zu jeder dieser Mahlzeiten ein paar Schluck Wasser. Und so begann der Hunger bereits zu nagen, während das Schiff noch brannte.
4. Mai. Das Schiff brannte die ganze Nacht lichterloh und wir hegen einige Hoffnung, daß irgend ein Schiff den Feuerschein gesehen hat und auf uns zu hält. Wir haben indessen bis heute Vormittag keins bemerkt und uns deshalb entschlossen, alle zusammen Nord zum West zu halten; es liegen einige Inseln 18° oder 19° n. Br. und 114° oder 115° w. L. und wir hoffen in der Zwischenzeit von einem Schiff aufgelesen zu werden. Das Schiff sank plötzlich um 5 Uhr in der Frühe. Wir finden die Sonne sehr heiß, sie versengt uns die Haut; aber wir alle wollen nach Kräften versuchen, unser Leben zu retten.
Sie thaten nunmehr etwas sehr Natürliches: sie warteten noch etliche Stunden auf das Schiff, das möglicherweise den Feuerschein gesehen hatte und natürlich nur langsam durch die fast totenstill daliegende See herankommen konnte. Endlich gaben sie diese Hoffnung auf und setzten ihren Plan fest. Ein Blick auf die Karte wird dem Leser zeigen, daß ihr Kurs leicht zu bestimmen war. Die Albemarleinsel (von der Galapagosgruppe) liegt genau östlich beinahe 1000 Meilen entfernt; das im Tagebuch ziemlich unbestimmt als ›einige Inseln‹ bezeichnete Land (die Revilla-Gigedo-Inseln) liegen, nach der Schätzung der Schiffbrüchigen, in einer nur sehr unsicher bestimmten Richtung ungefähr 1000 Meilen nördlich und 100 oder 150 Meilen westlich; Acapulco, an der mexikanischen Küste, liegt ziemlich genau nordöstlich, nicht ganz 1000 Meilen entfernt. Man wird sagen: »Felseninseln, die einsam im Weltmeer liegen, können ihnen nichts nützen; mögen sie doch auf Acapulco und das Festland zuhalten!« Es sieht allerdings aus, als ob dies der natürliche Kurs sei, aber wenn man die Tagebücher liest, so errät man sofort, daß eine solche Fahrt ganz unvernünftig gewesen wäre – in der That, der reine Selbstmord! Hätten die Boote auf Albemarle zugehalten, so wären sie den ganzen Weg über in den Doldrums[2] gewesen; und das hätte sicheren Untergang in den Fluten bedeutet, denn die Winde sind dort völlig verrückt, blasen aus allen Richtungen der Windrose gleichzeitig und außerdem noch von obenher. Hätten die Boote versucht, Acapulcos zu erreichen, so wären sie auf halbem Wege aus den Doldrums herausgekommen – vorausgesetzt, sie hätten diesen Punkt erreicht – und wären dann in kläglicher Lage gewesen, denn dort hätten ihnen die nordöstlichen Passatwinde gerade in die Zähne geweht, und die Boote waren so mangelhaft aufgetakelt, daß sie nicht binnen 8 Strichen des Kompasses segeln konnten. Sie steuerten also sehr vernünftigerweise nordwärts mit einer kleinen Abweichung nach Westen. Ihre Lebensmittel reichten bei knapper Einteilung nur für zehn Tage; das Langboot hatte die beiden anderen im Schlepptau; sie konnten nicht mit Sicherheit darauf rechnen, in den Doldrums ein nennenswertes Stück vorwärts zu kommen – und sie hatten noch vier- bis fünfhundert Meilen in den Doldrums vor sich. Diese Doldrums sind der wirkliche Aequator, ein tausend oder zwölfhundert Meilen breiter wogender, brüllender, regengepeitschter Belt, der den Erdball umgürtet.
[2] Mit ›Doldrums‹ bezeichnet man den Teil des Oceans nahe dem Aequator, wo häufig Windstillen, Böen und schwache, unstätige Winde vorkommen.
Die erste Nacht hindurch regnete es stark, und alle wurden durchnäßt, aber sie füllten dadurch ihr Wasserfaß. Die Brüder saßen am Heck beim Kapitän, der das Ruder führte. Das Boot war gedrängt voll; kein einziger bekam viel Schlaf.
Der nächste Morgen war stürmisch, böig und regnerisch. Schwerer und gefährlicher ›kurzer‹ Seegang. Man wundert sich, wie solche Boote ihn überstehen konnten. Es gilt als ein verzweifeltes Wagestück, wenn ein Mann mit einem Hund in einem Nachen von der Größe eines Langboots den Atlantischen Ocean durchquert – und es ist auch wirklich eins. Aber dieses Langboot war überladen mit Menschen und Sachen und nur drei Fuß tief.
Natürlich dachten wir oft an alle Lieben zu Hause; wir freuten uns als uns einfiel, daß heute Abendmahlssonntag ist und daß unsere Freunde Gebete für uns zum Himmel senden, obwohl sie von unserer Gefahr nichts wissen.
Der Kapitän gönnte sich während der ersten drei Tage und Nächte nicht einmal ein Nickerchen, aber in der vierten Nacht nahm er ein paar Augen voll Schlaf. Ungefähr um 10 Uhr änderte er den Kurs und steuerte ost-nordöstlich, in der Hoffnung die Felseninsel Clipperton zu erreichen. Verfehlte er sie, so machte das nichts aus; er würde es dann näher nach den anderen Inseln haben, die das ursprüngliche Ziel bildeten. Ich will hier gleich erwähnen, daß er den Felsen nicht fand.
Am 8. Mai war den ganzen Tag kein Wind, glühend sengte die Sonne; sie griffen zu den Riemen. Delphine waren in Menge sichtbar, aber sie konnten keinen einzigen fangen.
Ich glaube wir alle beginnen uns mehr und mehr der furchtbaren Lage bewußt zu werden, worin wir uns befinden … Ein Schiff braucht oftmals eine volle Woche, um durch die Doldrums zu kommen – wie lange also erst eine Nußschale wie die unsrige? … Wir sitzen so gedrängt, daß wir uns nicht ausstrecken können, um ’mal einen guten Schlaf zu thun.