»Jones Plantage!«
Ich bedauerte innerlich auf das tiefste, nicht eine Wette anbieten zu können, daß dies nicht Jones Plantage sei. Aber ich muckste nicht. Ich wartete einfach ab. Herr Bixby zog die zum Maschinenraum führende Glockenleitung, und im nächsten Moment stieß der Bug des Schiffes an das Land. Eine Fackel leuchtete auf dem Vorderdecke auf, – ein Mann sprang auf das Ufer hinüber, – die Stimme eines Negers klang ihm dort entgegen: »Geben Sie mir die Reisetasche, Massa Jones,« – und in der nächsten Minute befanden wir uns feierlich und stattlich wieder mitten im offenen Fahrwasser. Eine Weile dachte ich ernstlich nach, dann sagte ich – natürlich nicht laut –: »Wenn es je einen glücklichen Zufall gegeben, so war es dieses Auffinden von Jones Plantage. Hundert Jahre mögen vergehen, ehe sich wieder etwas ähnliches ereignet!« Und nicht genug, daß ich dies bei mir selbst sagte, – ich war auch durchdrungen davon, daß es nur ein Zufall gewesen.
Nach und nach waren wir sieben- bis achthundert Meilen den Fluß hinaufgekommen. Allem zum Trotz hatte ich es allmählich doch gelernt, ein erträglicher Tages-Steuermann zu sein, und ehe wir St. Louis erreichten, sogar in der Nachtarbeit einige Fortschritte gemacht. Ich besaß ein Notizbuch, welches in der gediegensten Weise von allerlei Namen von Städten, Landspitzen, Punkten, Sandbänken, Inseln, Buchten, Krümmungen u. s. w. u. s. w. starrte. Aber diese wichtigen Informationen waren alle nur in dem Notizbuch zu finden, – in meinem Kopfe hätte man vergebens danach gesucht. Auch machte es mir nicht geringen Kummer, bloß die Hälfte des Flusses in meinem Buch zu wissen, denn da unsere Wache jedesmal nur vier Stunden währte, denen eine ebenso lange Pause folgte, so gähnte mir in meinen Aufzeichnungen eine ununterbrochene Kette von Vier-Stunden-Lücken entgegen, die ich vom Beginn der Reise an verschlafen hatte.
In St. Louis übernahm mein Chef die Lotsenstelle auf einem der größten New Orleans Dampfer. Ich packte meine kleine Handtasche und folgte ihm. Das neue Boot war die Pracht selbst. Als ich zuerst in dem Steuermannshäuschen stand, befand ich mich so hoch über dem Wasserspiegel, daß ich mich auf die Spitze eines Berges versetzt wähnte, und die Verdecke dehnten sich unter mir so weit nach allen Richtungen hin, daß ich es gar nicht mehr begreifen konnte, wie ich am alten ›Paul Jones‹ jemals Gefallen zu finden vermochte. Alles war anders. Das Steuerhäuschen des ›Paul Jones‹ war eine armselige, lumpige Rattenfalle, in der man die Ellenbogen nicht regen konnte. Hier hatten wir einen schimmernden Glastempel, geräumig genug, um darin zu tanzen, mit rotgemalten und vergoldeten Fensterrahmen, einem üppigen Sofa, ledernen Polstern und einem gastfreundlichen Ofen für den Winter. Das sah denn doch nach etwas aus, – und aufs neue wuchs mir der Mut, den Lotsenberuf allen bisherigen Erfahrungen zum Trotz für etwas Romantisches zu halten. Kaum hatten wir unsere Fahrt angetreten, so begann ich auch das ganze große Fahrzeug zu durchstreichen und mich förmlich vor Freude zu berauschen. Alles war neu und sauber wie ein Putzzimmer. Wenn ich den langen, reich mit Vergoldungen gezierten Hauptsalon entlang sah, so meinte ich durch einen schimmernden Tunnel zu blicken. Jede Kajütenthür war von der Hand irgend eines hochbegabten Künstlers bemalt. Ueberall blitzten die Kristall-Prismen von Arm- und Kronleuchtern. Der Schreibtisch des Buchhalters war ein Schmuckkästchen, der Schenktisch prachtvoll, und der Kellner mit großem Aufwand frisiert und herausgeputzt worden. Das Kesseldeck, d. h. die zweite Etage des Bootes, erschien mir geräumig wie eine Kirche. Ebenso das Vordeck. Und wir hatten nicht bloß eine Handvoll Mannschaft, sondern ein ganzes Bataillon Matrosen, Heizer, Deckarbeiter und sonstiger Angestellten. Die Feuer strahlten rotglühend aus einer langen Reihe von Heizflächen her, und über ihnen erhoben sich acht mächtige Kessel. Es war eine unsägliche Großartigkeit. Die riesigen Maschinen, – doch genug! Ich hatte mich nie vorher so gehoben gefühlt! Und als ich schließlich gar noch die Entdeckung machte, daß die sauber gekleidete Schiffsdienerschaft mich in respektvoller Weise per ›Sir‹ behandelte, da fühlte ich mich auf dem Gipfel aller Genugthuung!
Ich vollende meine Lehrzeit.
Als ich von meiner Umschau auf dem Dampfer nach dem Steuerhäuschen zurückkehrte, hatten wir St. Louis bereits aus den Augen verloren. Aber ich, ich selber war auch verloren. Da hatten wir gerade eines jener Stücke vom Fluß, die auf das genaueste in meinem Buche standen, und doch konnte ich weder Kopf noch Schwanz daraus machen. Es ist leicht einzusehen, warum, – es war jetzt die umgekehrte Geschichte. Ich hatte alles gesehen und aufgeschrieben, als wir den Fluß hinaufgekommen waren, aber ich hatte nie versucht, mir einzuprägen, wie es stromabwärts aussehen möchte. Mein Herz brach aufs neue. Es war klar, – ich hatte diesen entsetzlichen Fluß zweimal zu lernen!
Das Steuerhaus war voller Lotsen, die abwärts fuhren, um ›einen Blick auf den Fluß zu werfen.‹ Der sog. ›obere Strom‹ (die zweihundert englischen Meilen zwischen St. Louis und Kairo, wo der Ohio einmündet) hatte einen niedrigen Stand und der Mississippi ändert sein Fahrwasser so beständig, daß die Lotsen, wenn ihre Boote eine Woche im Hafen liegen mußten, es stets für nötig hielten, nach Kairo hinabzufahren, um sich den Strom aufs neue anzusehen – d. h. nur wenn der Wasserstand niedrig war. Unter diesen Lotsen, welche sich den Fluß ›besahen‹, war stets eine Anzahl armer Teufel, die selten eine Stelle hatten, und deren einzige Hoffnung, eine zu bekommen, darin bestand, daß sie stets auf dem Laufenden und jederzeit zur Aushilfe bereit waren, um an die Stelle eines Steuermanns zu treten, der durch plötzliche Krankheit oder sonstige dringende Umstände verhindert war. Außerdem fuhren manche fortwährend auf und ab und ›sahen sich den Strom an‹ – nicht weil sie wirklich hofften, einmal eine Stelle auf einem Dampfer zu bekommen, sondern weil es ihnen als Gäste des Dampfboots billiger war, ›den Strom anzusehen‹, als am Lande zu bleiben und Logis und Kostgeld zu bezahlen. Diese Leute wurden nach und nach wählerisch und suchten nur Dampfer heim, deren Küche und Tafel in gutem Rufe standen. Die als Gäste an Bord befindlichen Lotsen machten sich übrigens nützlich und waren Sommer und Winter, bei Tag und bei Nacht, gern bereit, mit der Jolle hinauszufahren und beim Auslegen der Bojen zu helfen oder den Steuerleuten des Dampfers jeden sonstigen Beistand zu leisten. Sie waren auch sonst willkommen, weil die Lotsen, wenn eine Anzahl von ihnen zusammentrifft, unermüdlich im Plaudern sind; und da sie nur vom Mississippi reden, verstehen sie sich stets und sind immer interessant. Für den echten Lotsen hat nichts in der Welt Interesse als nur der Strom, und er ist auf seine Beschäftigung stolzer als ein König.
Wir hatten diesmal eine hübsche Gesellschaft solcher Flußinspektoren – acht oder zehn, die alle Raum in Fülle in unserem großen Steuerhause hatten. Zwei oder drei von ihnen trugen glänzende Seidenhüte, kunstvolle Hemdeneinsätze, Diamantbusennadeln, Glacéhandschuhe und Lackstiefel. Sie sprachen ein gewähltes Englisch und benahmen sich mit solcher Würde, wie es sich für Männer von soliden Mitteln und ausgezeichnetem Ruf geziemt. Die andern waren mehr oder wenig nachlässig gekleidet und trugen hohe Filzkegel, die an die Zeit der Puritaner erinnerten.