»Ich will euren Lotwerfern keinen Vorwurf machen, aber das ist, wie mir scheint, reichlich viel Wasser für Plum Point.«

Ein billigendes Kopfnicken rund herum zollte dieser ruhigen, aber gründlichen Abfertigung Beifall. Was mir mittlerweile durch den Sinn fuhr, war etwa: Wenn meine Ohren recht hören, muß ich nicht nur die Namen aller der Städte, Inseln und Krümmungen u. s. w. auswendig lernen, sondern sogar die persönliche, innige Bekanntschaft jedes gesunkenen alten Baumstammes, jedes einästigen Baumwollenbaumes und jedes obskuren Holzhaufens machen, welcher die Ufer dieses Flusses auf zwölfhundert Meilen Länge schmückt; ja noch mehr – ich muß sogar wissen, wo diese Dinge in der Dunkelheit sind, wofern ein Lotse nicht mit Augen begabt wird, die durch zwei Meilen dichter Schwärze sehen können. Ich wollte, die Lotserei wäre im Pfefferland, und ich hätte nie daran gedacht.

Bei Eintritt der Dämmerung schlug Herr Bixby die große Glocke dreimal an (das Signal zum Landen); der Kapitän tauchte aus seiner Kajüte am vorderen Ende des Hauptdecks auf und blickte fragend empor. Herr Bixby sagte:

»Wir wollen hier die Nacht über liegen bleiben, Kapitän.«

»Ganz recht, Herr Bixby.«

Das war alles. Das Dampfboot drehte ans Ufer und wurde für die Nacht festgemacht. Es schien mir großartig, daß der Lotse thun konnte, was ihm beliebte, ohne den mächtigen Kapitän um Erlaubnis fragen zu müssen. Nach dem Abendessen ging ich sogleich zu Bett, entmutigt von dem, was ich den Tag über beobachtet und erfahren hatte. Die Notizen über meine letzte Reise waren nur ein Wirrwarr bedeutungsloser Namen; sie hatten mich jedesmal, wenn ich sie während des Tages zu Rate gezogen, vollkommen verwirrt. Ich hoffte, im Schlaf Erholung zu finden; aber nein – es arbeitete bis zum Sonnenaufgang fortwährend in meinem Kopfe umher – ein abscheuliches, unablässiges Alpdrücken.

Am nächsten Morgen war ich recht verdrießlich und niedergeschlagen. Wir fuhren mit vollem Dampf dahin, ziemlich waghalsig, da wir vor Anbruch der Nacht ›aus dem Strom‹ (d. h. nach Kairo) zu kommen wünschten. Herrn Bixbys Kollege, der andere Lotse, setzte jedoch sehr bald den Dampfer auf den Grund, und wir verloren mit dem Flottmachen des Schiffes so viel Zeit, daß die Nacht offenbar hereinbrechen mußte, lange bevor wir die Mündung erreichen konnten. Das war ein großes Mißgeschick, besonders für einige der als Gäste bei uns weilenden Lotsen, deren Boote auf ihre Rückkehr warten mußten, gleichviel wie lange es dauerte. Das ernüchterte das Geplauder im Lotsenhaus bedeutend. Stromaufwärts kümmerten die Lotsen sich weder um flaches Wasser, noch um die tiefste Finsternis; nur der Nebel hielt sie zurück. Stromabwärts lag die Sache aber ganz anders; wenn eine starke Strömung hinten nachdrängte, waren die Boote nahezu hilflos, und es war daher nicht gebräuchlich, bei niedrigem Wasserstand nachts stromabwärts zu fahren.

Eine kleine Hoffnung schien aber noch übrig zu sein: wenn wir vor Dunkelwerden die äußerst schwierige und gefährliche Kreuzung bei Hat Island passierten, konnten wir das übrige wagen, weil wir dann mehr geraden Kurs und tiefes Wasser hatten. Diese Kreuzung aber bei Nacht zu versuchen, wäre Wahnsinn gewesen. Den ganzen noch übrigen Tag wurde viel auf die Uhren gesehen und fortwährend die Fahrgeschwindigkeit berechnet; das Gespräch drehte sich nur um Hat Island; manchmal stieg die Hoffnung hoch, um dann wieder zu sinken, wenn wir in einer schwierigen Kreuzung aufgehalten wurden. Stundenlang lastete auf allen diese unterdrückte Erregung, die sich selbst mir mitteilte; ich sehnte mich so mächtig nach Hat Island und fühlte eine solch schreckliche Verantwortung mich drücken, daß ich auf 5 Minuten am Lande zu sein wünschte, um tüchtig, voll, erleichternd Atem schöpfen zu können. Wir gingen keine regelmäßigen Wachen: jeder unsrer beiden Lotsen steuerte auf derjenigen Stromstrecke, auf welcher er stromaufwärts gesteuert hatte und mit welcher er deshalb besser vertraut war; beide aber blieben fortwährend im Steuerhause.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang übernahm Bixby das Ruder, und W. – – trat zur Seite. Während der nächsten dreißig Minuten hielt jeder die Uhr in der Hand; jeder war nervös, schweigsam und unruhig. Endlich sagte einer mit einem traurigen Seufzer: –