»Ei, die ›Sonnenblume‹ sank ja erst – –«
»Ich weiß, wann sie sank; es war drei Jahre vorher, am 2. Dezember; Asa Hardy war Kapitän und sein Bruder erster Buchhalter auf ihr; es war auch seine erste Fahrt auf ihr; Tom Jones erzählte mir alles dies acht Tage später in New Orleans; er war erster Steuermann auf der ›Sonnenblume‹. Kapitän Hardy trat sich am 6. Juli nächsten Jahres einen Nagel in den Fuß und starb am 15. an der Mundklemme. Sein Bruder John starb zwei Jahre später – 3. März – Rotlauf. Sah nie einen von den Hardys, – fuhren auf dem Alleghany, – aber Leute, die sie gekannt haben, erzählten mir alles. Und sie sagten auch, Kapitän Hardy habe Sommer wie Winter gestrickte Socken getragen; seine erste Frau hieß Johanna Schook, – sie war aus Neu England, – und seine zweite starb im Irrenhause. Es lag im Blut. Sie stammte aus Lexington in Kentucky und hieß Norton vor ihrer Verheiratung.«
Und so arbeitete seine Zunge stundenlang fort. Er konnte absolut nichts vergessen; das war ihm rein unmöglich. Die geringfügigsten Einzelheiten waren noch ebenso deutlich und klar in seinem Gedächtnis, nachdem sie jahrelang darin bewahrt waren, wie die denkwürdigsten Ereignisse. Er hatte nicht bloß ein Lotsengedächtnis; der Umfang desselben war universal. Wenn er von einem unwichtigen Brief sprach, den er vor sieben Jahren empfangen, durfte man sicher sein, daß er den ganzen Inhalt wortgetreu aus dem Gedächtnis hersagen konnte. Und dann war es mehr als wahrscheinlich, daß er – ohne selbst zu bemerken, daß er vom rechten Ziele seines Gesprächs abwich – eine weitschweifige Lebensbeschreibung des Schreibers jenes Briefes einfügte; und man konnte wirklich von Glück sagen, wenn er nicht des Schreibers Verwandte, einen nach dem andern, vornahm und auch ihre Lebensläufe schilderte.
Ein derartiges Gedächtnis ist ein großes Unglück; für ein solches sind alle Vorfälle von derselben Wichtigkeit: sein Besitzer kann einen interessanten Umstand von einem uninteressanten nicht unterscheiden. Im Gespräch kann er nicht umhin, seine Geschichte mit ermüdenden Einzelheiten zu überlasten und sich zu einem unausstehlichen Plagegeist zu machen. Und dann vermag er sich nicht an seinen Gegenstand zu halten: er liest jedes Körnchen der Erinnerung, das er auf seinem Wege sieht, auf und wird so abseits geführt. Herr Brown begann z. B. in der redlichen Absicht, uns eine ungeheuer spaßhafte Anekdote von einem Hund zu erzählen. Er kam dabei so sehr ins Lachen, daß er kaum anfangen konnte; dann begann sein Gedächtnis mit der Abstammung und körperlichen Erscheinung des Hundes, ging allmählich über in eine Geschichte seines Besitzers und dessen Familie mit Beschreibung von Hochzeiten und Begräbnissen, die sich in derselben ereignet hatten, und mit Rezitationen von dadurch hervorgerufenen poetischen Glückwünschen und Nachrufen. Dann erinnerte sich sein Gedächtnis, daß eines dieser Ereignisse während des berühmten ›strengen Winters‹ in dem und dem Jahre vorfiel, und nun folgte eine eingehende Beschreibung jenes Winters mit den Namen der Leute, die erfroren waren, und eine Statistik der hohen Preise, welche Schweinefleisch und Heu erreichten. Schweinefleisch und Heu erinnerten an Getreide und Futterpflanzen, diese an Kühe und Pferde; letztere brachten ihn auf den Zirkus und berühmte Reiter auf ungesattelten Pferden. Der Uebergang vom Zirkus zur Menagerie war leicht und natürlich; vom Elefanten nach Zentralafrika war nur ein Schritt; dann dachte er bei den heidnischen Wilden natürlich an Religion; und am Schlusse eines drei- oder vierstündigen langweiligen Geschwätzes wurde die Wache abgelöst, und Brown schritt aus dem Steuerhaus, Auszüge aus Predigten murmelnd, die er vor Jahren über die Wirksamkeit des Gebets als Gnadenmittel gehört hatte. Und die ursprüngliche erste Erwähnung des Hundes war alles, was man nach all dem Warten und Hungern über diesen erfahren hatte.
Der Lotse muß ein Gedächtnis haben; aber es giebt noch zwei höhere Eigenschaften, die er besitzen muß; gute und schnelle Urteilskraft und Entschlossenheit und einen kühlen, gelassenen Mut, den keine Gefahr erschüttern kann. Ist ein Mann von Anfang an nur ein bißchen herzhaft, so vermag er, wenn er Lotse geworden ist, durch keine Gefahr, in die ein Dampfboot geraten kann, entmannt zu werden. Von der Urteilskraft kann man nicht ganz dasselbe sagen: das Urteilsvermögen ist Sache des Gehirns, und man muß von diesem Artikel schon von Anfang an einen bedeutenden Vorrat haben, wenn man als Lotse Erfolg haben will.
Der Mut wächst im Steuerhause fortwährend und stetig, erreicht aber nicht eher einen hohen und befriedigenden Grad, als bis der junge Lotse eine Zeitlang allein und unter dem drückenden Gewicht der ganzen mit der Stellung verbundenen Verantwortlichkeit selbst die Wache befehligt hat. Wenn ein Lehrling mit dem Strom ziemlich gründlich bekannt geworden ist, jagt er mit seinem Dampfboot bei Tag oder Nacht so furchtlos dahin, daß er sich bald einzubilden beginnt, daß der eigene Mut ihn beseelt; aber sobald sein Meister einmal hinausgeht und ihn sich selbst überläßt, erkennt er, daß es der Mut des letzteren war. Er entdeckt, daß dieser Artikel in seiner Ladung gänzlich fehlt. Der ganze Strom wimmelt im Augenblick von drohenden Gefahren; er ist nicht darauf vorbereitet, weiß nicht, wie er ihnen begegnen soll; all sein Wissen läßt ihn im Stich, und in zehn Minuten ist er so bleich wie ein Leintuch und fast zu Tode erschreckt. Deshalb erziehen die Lotsen diese Anfänger weise durch strategische Finten dazu, der Gefahr etwas gelassener ins Angesicht zu sehen. Eine ihrer Lieblingsmethoden ist es, den Kandidaten auf den Leim zu locken.
Herr Bixby spielte mir einmal in dieser Weise mit, und noch Jahre nachher errötete ich selbst im Schlaf, wenn ich daran dachte. Ich war ein guter Steuerer geworden – ein so guter, daß ich auf unserer Wache bei Tag und Nacht so ziemlich alle Arbeit zu thun hatte. Herr Bixby machte mir gegenüber selten eine Andeutung; alles, was er je that, war, daß er in besonders schlimmen Nächten oder an besonders schwierigen Stellen das Rad ergriff, daß er das Boot ans Land legte, wenn es nötig war, daß er während neun Zehnteln der Wache den müßigen Herrn spielte und die Gage einstrich. Wenn jemand meine Fähigkeit, irgend eine Kreuzung zwischen Kairo und New Orleans ohne Hilfe und Anweisung zu passieren, bezweifelt hätte, würde ich mich schwer beleidigt gefühlt haben. Der Gedanke, daß ich mich vor einer dieser Kreuzungen bei Tage scheuen sollte, war zu unsinnig, um überhaupt in Betracht zu kommen. Nun, eines unvergleichlich schönen Sommertags dampfte ich die Krümmung oberhalb der Insel 66 hinab. Ich war voll Selbstgefühl und trug die Nase so hoch wie eine Giraffe. Auf einmal sagte Herr Bixby:
»Ich gehe ein wenig hinunter; ich glaube, du kennst die nächste Kreuzung, nicht wahr?«
Das war fast eine Beschimpfung: die Kreuzung war so ziemlich die einfachste und leichteste im ganzen Strom. Man konnte nicht zu Schaden kommen, ob man sie nun richtig durchfuhr oder nicht; und was die Tiefe anbelangt, so hatte man dort noch niemals beim Loten Grund bekommen. Ich wußte das alles sehr gut.
»Ob ich die Kreuzung kenne? Ei, ich könnte sie mit geschlossenen Augen passieren.«