John Smith, Kapitän.
Lotsen: John Jones und Thomas Brown.
| Kreuzungen. | Lotungen. | Marken. | Bemerkungen. |
Diese Formulare wurden während des Fortgangs der Reise Tag für Tag ausgefüllt und in die verschiedenen Werftbootkasten niedergelegt. Sobald z. B. die erste Kreuzung von St. Louis aus passiert war, wurden die Daten in die gehörigen Rubriken eingetragen, wie folgt:
»St. Louis. Neuneinhalb (Fuß). Heck aufs Gerichtshaus, Bug auf den abgestorbenen Baumwollbaum oberhalb des Holzhofs gerichtet, bis man ans erste Riff gelangt, dann geradeaus steuern.« Dann unter der Rubrik Bemerkungen: »Außerhalb des Wracks halten; das ist wichtig. Ein neuer Baumstamm, gerade wo man den Kurs abwärts richtet; daher oberhalb passieren.«
Der Lotse, welcher dieses ausgefüllte Formular im Werftbootkästchen zu Kairo niederlegte (nachdem er die Einzelheiten aller Kreuzungen von St. Louis bis Kairo hinzugefügt), fand dort ein halbes Dutzend frischer Berichte von stromaufwärtsfahrenden Dampfern über den Zustand des Stroms zwischen Kairo und Memphis, informierte sich vollständig, legte die Berichte wieder in das Kästchen und kehrte auf sein Boot zurück, gegen jede Gefahr so gewappnet, daß er sein Boot nicht zu Schaden bringen konnte, ohne die genialste Sorglosigkeit zu Hilfe zu nehmen.
Man stelle sich die Wohlthaten eines so bewunderungswürdigen Systems vor, auf einer zwölf- bis dreizehnhundert Meilen langen Strecke eines Flusses, dessen Fahrwasser sich täglich verändert! Der Lotse, welcher sich früher damit begnügen mußte, eine flache Stelle ein- oder möglicherweise auch zweimal monatlich zu sehen, verfügte jetzt über hundert scharfe Augen, die für ihn beobachteten, und ihn belehrten, wie die Stelle zu passieren war. Seine Information war selten vierundzwanzig Stunden alt. Wenn die Berichte im letzten Kästchen noch ein Bedenken bezüglich einer heimtückischen Kreuzung übrig ließen, so hatte er dagegen ein Mittel: er gab, sobald er ein Dampfboot nahen sah, ein gewisses Zeichen mit der Dampfpfeife; dieses Zeichen wurde in besonderer Weise beantwortet, wenn die Lotsen auf jenem Boot dem Verein angehörten; und dann legten die beiden Dampfer Bord an Bord, und alle Ungewißheiten wurden durch frische Information, die der Frager mündlich und ganz eingehend erhielt, vollständig behoben.
Wenn ein Lotse New Orleans oder St. Louis erreichte, war es sein erstes, seinen endgültigen und ausführlichen Bericht nach dem Vereinslokal zu bringen und dort aufzuhängen – dann erst war er frei und konnte seine Familie aufsuchen. In dem Vereinslokal war stets eine Menge Lotsen versammelt, welche die Veränderungen im Fahrwasser diskutierten; sobald ein neuer Ankömmling erschien, hörten alle auf zu reden, bis dieser Zeuge die neuesten Nachrichten erzählt und die letzte Ungewißheit beseitigt hatte. Andere Gewerbsleute können manchmal die Bude schließen und sich mit andern Dingen befassen; nicht so der Lotse: er muß sich ganz seinem Berufe widmen und darf von nichts anderem reden; denn es würde ihm wenig nützen, den einen Tag vollkommen und den nächsten unvollkommen zu sein. Er hat weder Zeit noch Worte zu verlieren, wenn er sich auf dem Laufenden erhalten will.
Die Nichtvereinsmitglieder hatten jetzt eine schwere Zeit: keinen Mittelpunkt, wo sie sich treffen und ihre Nachrichten austauschen konnten, keine Werftbootberichte, nichts als zufällige und ungenügende Mittel, um Nachrichten zu erlangen. Die Folge davon war, daß ein Lotse manchmal eine Strecke von fünfhundert Meilen zu fahren hatte auf Grund von Auskünften, die acht bis zehn Tage alt waren. Bei ziemlich hohem Wasserstand hätte das angehen können; als aber der niedrigste Wasserstand kam, wurde es verhängnisvoll.
Und jetzt kam ein anderes, vollkommen logisches Resultat. Die Nichtvereinslotsen begannen, ihre Dampfboote auf den Grund zu setzen und in alle möglichen Gefahren zu bringen, während sich die Unfälle von den Vereinslotsen gänzlich fern zu halten schienen. Und jetzt wurde selbst den Eigentümern und Kapitänen von Dampfbooten mit nur Nichtvereinslotsen, die bisher geglaubt hatten, ganz unabhängig vom Verein zu sein und darüber lachen und spotten zu können, recht unbehaglich zu Mute. Sie ließen sich das aber nicht merken, bis eines schönen Tages diese sämtlichen Kapitäne den förmlichen Befehl erhielten, ihre Nichtvereinslotsen auf der Stelle zu entlassen und dafür Vereinslotsen zu engagieren. Und wer war es, der die ungeheure Anmaßung besaß, das zu thun? Nun, es kam von einer Macht hinter dem Thron, die größer war als der Thron selbst – von den Versicherungsgesellschaften!