Nach einer für unser Gefühl so langen Bekanntschaft mit einer tiefen, stillen, fast leblosen und unbewohnten Einöde berührte uns der Anblick einer Stadt ganz merkwürdig! Wir stolperten hinaus auf die belebte Straße und es war uns dabei zu Mut, als seien wir von einem fremden Weltkörper herabgeflogen und plötzlich auf dieser Erde erwacht. Eine ganze Stunde lang musterten wir Overland City mit einem Interesse, als hätten wir in unserem Leben noch nie eine Stadt gesehen. Wir hatten nämlich eine Stunde übrig, weil wir hier unsere Kutsche mit einem minder anspruchsvollen Fuhrwerke – einem sogenannten Dreckwagen – vertauschten und die Frachtstücke ausgeladen werden mußten.

Bald gingen wir wieder unter Segel. Wir kamen an den seichten, gelben, schmutzigen Platte mit seinen niedrigen Ufern, seinen überall verstreuten flachen Sandbänken und winzigen Inselchen – ein trübseliger Fluß, der sich mitten durch die unermeßliche Ebene windet und den man niemals mit bloßem Auge entdecken würde, wären nicht seine Ufer beiderseits von einer Baumreihe gleich wie von zerstreuten Schildwachen umsäumt. Es hieß, der Platte sei ›hoch‹, so daß ich gerne hätte sehen mögen, ob er sich bei niedrigem Stande noch kränklicher und trauriger hätte ausnehmen können.

Es hieß auch, es sei zur Zeit gefährlich, über den Fluß zu setzen, weil bei einem Versuch, denselben zu durchwaten, sein Treibsand leicht Pferde und Wagen samt den Passagieren verschlingen könnte. Allein die Post mußte gehen, und so machten wir den Versuch. Wirklich sanken mitten im Flusse die Räder ein- oder zweimal in so bedrohlicher Weise ein, daß wir fast gar vermeinten, wir hätten darum unser Leben lang alles, was Meer heißt, ängstlich vermieden, um zum Schlusse mitten in der Wüste in einem Dreckwagen Schiffbruch zu leiden. Doch wir schleppten uns durch und eilten weiter der untergehenden Sonne zu.

Den nächsten Morgen, gerade vor Dämmerung, etwa fünfhundertfünfzig Meilen weit von St. Joseph, brach unser Dreckwagen zusammen. Wir sollten einen Aufenthalt von fünf bis sechs Stunden haben. Wir folgten daher einer Einladung, uns zu Pferde bei einer Büffeljagd zu beteiligen, zu der eine Gesellschaft sich eben aufmachte. Es war ein edles Vergnügen, in der tauigen Frische des Morgens über die Ebene hinzujagen; unsrerseits nahm die Jagd jedoch ein Ende mit Schrecken und Aerger, denn ein angeschossener Stier trieb den Reisenden Bemis fast zwei Meilen weit vor sich her, bis dieser schließlich seinen Gaul im Stiche ließ und sich auf einen einzelnstehenden Baum flüchtete. Etwa vierundzwanzig Stunden lang war Bemis höchst verdrießlich über die Sache, dann fing er jedoch ganz allmählich an, sich zu besänftigen, und schließlich sagte er:

»Na, es war kein Spaß, und es war recht albern von diesen Einfaltspinseln, sich darüber so lustig zu machen. Ich sage euch, eine Weile war ich ernstlich böse darüber. Diesen langen schlotterigen Lümmel, Namens Hank, würde ich gern über den Haufen geschossen haben, wenn ich es hätte fertig bringen können, ohne noch sechs oder sieben andere zu Krüppeln zu schießen – das war natürlich rein unmöglich, der alte Allen holt so verdammt weit aus. Ich wollte nur, diese Bummler wären oben auf dem Baume gesessen, dann wäre ihnen die Lust vergangen, so zu lachen. Wenn mein Gaul auch nur einen Pfifferling wert gewesen wäre, – aber nein, sobald er sah, wie der Stier brüllend auf ihn loskam, stieg er kerzengerade in die Luft und blieb auf den Hinterbeinen stehen. Jetzt fing der Sattel an zu rutschen; ich faßte den Gaul um den Hals und legte mich mit einem Stoßgebet fest auf ihn. Nun ließ er sich vorne nieder und streckte die Hinterhand eine Zeit lang in die Luft, so daß der Stier wirklich sein Scharren und Brüllen aufgab, um sich das unheimliche Schauspiel zu betrachten. Dann aber machte der Stier aus nächster Nähe einen mächtigen Satz auf den Gaul zu unter wahrhaft entsetzlichem Gebrüll; das muß meinem Gaul buchstäblich den Verstand verrückt und ihn völlig toll und rasend gemacht haben, und ich will des Todes sein, wenn er nicht eine ganze Viertelminute lang auf dem Kopfe stand und Thränen vergoß. Er war vollständig aus dem Häuschen – ja gewiß und wahrhaftig – und wußte wirklich nicht mehr, was er that. Jetzt kam uns der Stier auf den Leib, darauf ließ sich mein Gaul wieder auf alle Viere nieder und nahm einen neuen Anlauf, während der nächsten zehn Minuten machte er aber allen Ernstes einen Purzelbaum nach dem andern in solcher Geschwindigkeit, daß der Bulle ebenfalls außer Fassung kam und nicht mehr wußte, wo er anpacken sollte. So blieb er stehen, indem er nieste, sich Sand auf den Rücken schaufelte und dann und wann brüllte; gewiß meinte er, er habe ein Zirkuspferd für fünfzehnhundert Dollars als Frühstücksbissen vor sich. Nun, ich saß ihm also zuerst auf dem Halse – dem Gaul natürlich, nicht dem Bullen – dann unter seinem Bauch, dann auf seinem Steiß, und hatte bald den Kopf oben, bald die Fersen – aber ich sage euch, es hatte etwas großartig Haarsträubendes, sozusagen im Angesichte des Todes in dieser Weise herumgeschleudert, gerissen und gewirbelt zu werden. Bald darauf that der Bulle einen Stoß nach uns und riß meinem Gaul ein Stück von seinem Schweif ab – (ich meine so, gewiß weiß ich es nicht, ich war da gerade ziemlich in Anspruch genommen); auf einmal muß der Gaul von der Sehnsucht nach der Einsamkeit ergriffen worden sein, so daß er sich aufmachte, um derselben nachzujagen. Nun hättet ihr einmal dieses alte spinnenbeinige Gerippe ausgreifen sehen und beobachten sollen, wie der Büffel hinter ihm drein war – den Kopf am Boden, die Zunge außen, den Schwanz in der Luft, brüllend wie der Teufel, buchstäblich das Gras vor sich niedermähend, die Erde aufreißend und den Sand aufwühlend gleich einem Wirbelwind! Bei Gott, das war eine heiße Hatz! Ich saß samt dem Sattel dem Gaul auf dem Kreuze, die Zügel hatte ich zwischen den Zähnen und mit beiden Händen hielt ich mich am Sattelknopf. Zuerst ließen wir die Hunde hinter uns, dann kamen wir einem Eselskaninchen voraus; hierauf überholten wir einen Cayote, und wie wir eben im Begriffe waren, eine Antilope einzuholen, brach der morsche Sattelgurt, so daß ich an die dreißig Ellen weit links hinausflog, und als der Sattel dem Pferd über das Kreuz hinabrutschte, versetzte es ihm eins mit den Hufen, daß derselbe über vierhundert Ellen weit in die Luft hinauffuhr – ich will im Augenblick des Todes sein, wenn es nicht so ist. Ich fiel am Fuß des einzigen Baumes nieder, der meilenweit in der Runde stand und eine Sekunde darauf hatte ich alle zehn Fingernägel und die Zähne in die Rinde geschlagen, und saß im nächsten Augenblick rittlings auf dem Hauptast, so unbarmherzig fluchend über mein Mißgeschick, daß mein Atem stank wie ein Schwefelpfuhl. Jetzt hatte ich den Bullen dran gekriegt, wofern er nicht an eines dachte. Aber dies eine eben fürchtete ich. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Bulle nicht daran dachte, allein das Gegenteil hatte mehr Wahrscheinlichkeit für sich. Ich überlegte, was ich im letzteren Falle thun wollte. Es waren von meinem Platz aus etwas über vierzig Fuß bis auf den Boden. Vorsichtig wickelte ich den Lasso vom Knopfe meines Sattels los und –«

»Deines Sattels? Nahmst du denn deinen Sattel mit auf den Baum hinauf?«

»Mit auf den Baum hinauf? Na, wie ihr herausschwatzt. Natürlich nicht. Das hätte kein Mensch gekonnt. Er war aus der Luft auf den Baum heruntergefallen.«