Nun rasselten wir allmählich durch den Paß von Skotts Bluffs. Hier in der Gegend trafen wir irgendwo zum erstenmal auf echtes unverkennbares Alkaliwasser auf der Straße, das wir als eine Kuriosität ersten Ranges, die sich in den Briefen an die armen Ofenhocker zu Hause mit Eklat anbringen ließ, jubelnd begrüßten. Dieses Wasser ließ die Straße wie seifig erscheinen, und an vielen Stellen sah der Boden aus, als wäre er weiß getüncht. Ich glaube, das merkwürdige Alkaliwasser regte uns mindestens ebenso sehr auf, als irgend eines der Wunder, auf die wir zuvor gestoßen waren, und nachdem wir es in das Inventarium der Dinge aufgenommen, die wir gesehen hatten und andere Leute nicht, waren wir darüber voll selbstgefälliger Einbildung und sahen unser ganzes Lebensschicksal mit zufriedeneren Augen an als zuvor. Wir waren im kleinen ganz dieselben einfältigen Narren, wie die Leute, die unnötigerweise die gefährlichen Kuppen des Montblanc und Matterhorn erklettern, ohne einen andern Genuß davon zu haben als das Bewußtsein, daß es keine gewöhnliche Leistung ist. Aber manchmal gleitet auch einer von diesen Bergfexen aus und saust auf dem Sitzfleisch die ganze Länge der Bergabhänge herunter, daß der gefrorene Schnee hinter ihm raucht, fliegt von Absatz zu Absatz, von Terrasse zu Terrasse, so daß er jedesmal den Boden aufwühlt an den Stellen, wo er aufschlägt; dann glitscht er abermals aus und fliegt weiter, wobei er sich alle Augenblicke einen Eiszapfen in den Leib rennt und seine Kleider in Fetzen reißt; indem er nach irgend einem Gegenstand hascht, um sich zu retten, hält er sich an den Bäumen fest, die er dann samt den Wurzeln und allem sonstigen Zubehör mit sich fortreißt, bringt zuerst da und dort ein kleines Felsstück, dann immer stärkere Brocken, endlich ganze Eis- und Schneefelder und ganze Streifen Wald ins Rollen und sammelt auf seiner Fahrt immer mehr um sich an, bis er schließlich inmitten einer riesenhaften Masse an einem dreitausend Fuß tiefen Abgrunde anlangt, um unter stolzem Hutschwenken auf dem Rücken einer mächtig niederdonnernden Lawine der Ewigkeit zuzureiten!

Das ist alles recht schön, aber wir wollen uns nicht von der Aufregung hinreißen lassen, sondern uns in aller Ruhe die Frage vorlegen, wie es wohl so jemand am Tage nachher bei kühlerem Blute zu Mut ist, wenn er sechs oder siebentausend Fuß tief unter Schnee und Geröll begraben liegt?

Wir fuhren jetzt über die Sandhügel hin, in deren Nähe im Jahre 1856 der Ueberfall der Post und das Blutbad durch die Indianer stattfand, wobei der Postillon und der Kondukteur sowie sämtliche Fahrgäste bis auf einen einzigen umgekommen sein sollen; letzteres muß übrigens auf Irrtum beruhen, denn ich habe in der Folge zu verschiedenen Zeiten an der Küste des stillen Oceans mit vielleicht hundertdrei- oder -vierunddreißig verschiedenen Leuten Bekanntschaft gemacht, die alle bei dem Blutbad verwundet worden und kaum mit dem Leben davon gekommen waren. Ein Zweifel an der Wahrheit war in keinem dieser Fälle möglich, – ich hatte es jedesmal aus des Betreffenden eigenen Munde. Einer der Herren erzählte mir, er sei nahezu sieben Jahre lang nach dem Blutbad immer noch auf Pfeilspitzen in seinem Körper gestoßen, und ein anderer berichtete, er sei dermaßen mit Pfeilen gespickt gewesen, daß er nach dem Abzug der Indianer, als er wieder auf die Beine gekommen und sich habe betrachten können, die Thränen nicht zurückzuhalten vermocht habe, – sein Anzug sei nämlich gänzlich zu Grunde gerichtet gewesen.

Die glaubwürdigste Ueberlieferung versichert, es habe nur ein Mann Namens Babbitt das Blutbad überlebt, und zwar mit einer lebensgefährlichen Verwundung. Auf den Händen und dem einen Knie (sein eines Bein war gebrochen) schleppte er sich mehrere Meilen weit bis an eine Station. Er vollbrachte dies stückweise in zwei aufeinanderfolgenden Nächten, wobei er sich einen Tag ganz und den andern zum Teil versteckt hielt und über vierzig Stunden lang durch Hunger, Durst und Schmerzen unbeschreibliche Qualen litt. Die Indianer plünderten die Post vollständig aus, wobei ihnen ein nicht unbedeutender Betrag an Wertsachen und Geld in die Hände fiel.


Neuntes Kapitel.

Nachts kamen wir durch Fort Laramie und am siebenten Morgen unserer Fahrt befanden wir uns in den Schwarzen Bergen, wo – scheinbar dicht neben uns – der Laramie Peak in gewaltiger Einsamkeit aufstieg; in tiefem dunklem vollem Indigoblau starrte uns der alte Koloß unter den seine Stirn umschattenden Gewitterwolken hervor mächtig entgegen. In Wirklichkeit war er dreißig oder vierzig Meilen weit weg, aber es schien, als stünde er nur ein kleines Stück hinter dem niedrigen Höhenzug zu unserer Rechten. Das Frühstück nahmen wir an der Horseshoe-Station ein, sechshundertsechsundsiebzig Meilen von St. Joseph entfernt. Wir waren jetzt auf feindliches Indianergebiet gekommen und fuhren am Nachmittag an der Laparelle-Station vorbei, in deren Nähe es uns fortwährend recht unbehaglich zu Mute war; wußten wir doch, daß oft hinter einem der Bäume, an denen wir auf Armeslänge vorüberfuhren, ein oder zwei Indianer auf der Lauer standen. Gerade die Nacht vorher hatte ein Wilder aus dem Hinterhalt dem Ponyreiter eine Kugel durch die Jacke gejagt; dieser war aber trotzdem ganz ruhig weiter geritten, denn ein Ponyreiter darf sich mit der Untersuchung eines derartigen Vorkommnisses nur in dem Fall aufhalten, daß er totgeschossen wird. So lange er noch lebendig genug war, hatte er am Pferde festzukleben und weiter zu reiten. Vielleicht zweieinhalb Stunden vor unserer Ankunft an der Laparelle-Station hatte der dortige Wirt viermal auf einen Indianer gefeuert, allein dieser sei, fügte er mit gekränkter Miene hinzu, »so flink herumgetanzt, daß er ihm alles verdorben habe – und dabei sei die Munition so verteufelt rar.« Offenbar wollte er durch diese Ausdrucksweise andeuten, der Indianer habe sich mit seinem ›Herumtanzen‹ einen unerlaubten Vorteil verschafft. Unser Postwagen hatte – als Andenken an seine letzte Fahrt durch diese Gegend – im Vorderteil ein allerliebstes Loch. Die Kugel, von der es herrührte, hatte den Postillon gestreift, allein dieser machte sich nicht viel daraus. Er meinte, die richtige Gegend, um einen ›dickköpfig‹ zu machen, sei die südliche Ueberlandroute gewesen durch das Apachengebiet, ehe die Gesellschaft die Linie weiter nach Norden verlegt habe. Die Apachen hätten ihm die ganze Zeit da unten keine Ruhe gelassen, so daß er nahe daran gewesen sei, mitten im Ueberfluß Hungers zu sterben, denn sie hätten ihn mit Kugeln durchlöchert wie ein Sieb, so daß er »seine Nahrung nicht mehr habe bei sich behalten können« – eine Schilderung, die keinen ausnahmslosen Glauben fand.