Achtes Kapitel.

Gleich nachher richtete sich all unser Sinnen und Trachten darauf, mit langgestrecktem Halse nach dem ›Ponyreiter‹[8] auszuschauen, dem Eilboten, der mit der Briefpost in acht Tagen neunzehnhundert Meilen weit über den Kontinent von St. Joseph bis nach Sakramento hinjagte! Man stelle sich diese Leistung vor für Pferd und Reiter von Fleisch und Blut! Der Ponyreiter war meist ein leibarmes Männchen, dabei aber voll höchster Kühnheit und Ausdauer. Einerlei, zu welcher Tages- oder Nachtzeit sein Dienst an ihn herantrat, und einerlei, ob es Winter war oder Sommer, ob es regnete, schneite oder hagelte, ob sein ›Strich‹ ihn auf ebener gerader Straße führte, oder über halsbrechende Felsklippen und Abgründe im Gebirge, ob durch friedliche Gegenden oder durch solche, die von feindlichen Indianern wimmelten – stets mußte er bereit sein, in den Sattel zu springen und davon zu jagen wie der Wind! Muße gab es für den Ponyreiter im Dienste niemals. Fünfzig Meilen weit ritt er ohne anzuhalten, bei Tageshelle wie bei Mondenlicht, bei Sternenschein oder im Dunkel der finstern Nacht, wie es gerade kam. Das prächtige Tier, das er ritt, war ein geborener Renner und wurde in Verpflegung und Nahrung gehalten wie ein Gentleman; zehn Meilen weit hielt er es zur höchsten Schnelligkeit an, und wenn er dann bei der Station angesaust kam, wo bereits zwei Mann ein frisches feuriges Tier am Zügel hielten, so war der Reiter samt dem Postsack in einem Augenblick umgestiegen, um sofort weiter zu jagen, so daß Roß und Reiter dem Zuschauer aus dem Gesichte waren, ehe er sie recht gesehen. Wie ein Flugfeuer huschten sie davon. Der Reiter war leicht und knapp gekleidet; er trug eine Jacke ohne Schöße und eine kleine Mütze, die Beinkleider hatte er in die Stiefel gesteckt wie die Reiter bei den Rennen. Er führte keine Waffen bei sich – überhaupt nichts, was nicht durchaus notwendig war, denn selbst von den Briefen, die er bei sich hatte, war »Stück für Stück fünf Dollars wert.« Er hatte nur wenig gleichgültige Briefschaften zu befördern, seine Tasche barg meistenteils Geschäftsbriefe. Sein Tier war ebenfalls jedes überflüssigen Gewichts entledigt. Es trug einen Rennsattel, klein wie eine Oblate, unter dem keine Decke sichtbar war, und ganz leichte oder gar keine Hufeisen. Die kleinen, flachen, unter den Schenkeln des Reiters festgeschnallten Brieftaschen faßten an Briefschaften etwa soviel, als eine Kinderfibel Raum einnimmt. Sie enthielten viele wichtige geschäftliche Mitteilungen und Zeitungskorrespondenzen, aber sämtlich auf Papier so luftig und dünn wie Goldschaum, um damit an Raum und Gewicht zu sparen. Während die Postkutsche innerhalb vierundzwanzig Stunden hundert bis hundertfünfundzwanzig Meilen zurücklegte, machte der Ponyreiter etwa zweihundertfünfzig in derselben Zeit.

[8] Diese, wie so manch andere Figur, welche Mark Twain in diesem Buche schildert, hat Buffalo Bill mit seiner Truppe den Europäern anschaulich vorgeführt.

Der Herausg.

Ungefähr achtzig Ponyreiter saßen beständig im Sattel, Nacht und Tag, und bildeten eine lange, durch weite Strecken unterbrochene Linie vom Missouri bis nach Kalifornien; vierzig derselben flogen gen Osten und ebenso viele gen Westen, und vierhundert feurige Pferde verdienten sich unter diesen Reitern mit Anspannung aller Kräfte ihr Futter und bekamen dabei jeden Tag im Jahr ihr schönes Stück Gegend zu sehen.

Wir hatten von Anfang an den ungeduldigen Wunsch gehegt, einen Ponyreiter zu sehen, aber aus irgend welchem Grunde traf es sich stets, daß dieselben, mochten sie von hinten an uns vorbei oder uns entgegen kommen, während der Nacht vorüberschossen, so daß wir immer nur einen Husch und ein Hallo vernahmen und das flüchtige Wüstenphantom bereits entschwunden war, ehe wir den Kopf aus dem Fenster stecken konnten. Aber nun war jeden Augenblick einer zu erwarten, den wir bei hellem Tag zu sehen bekommen sollten. Eben ruft auch schon der Postillon: »Da kommt er!« Alle Hälse recken sich länger und alle Augen öffnen sich weiter. Weit weg jenseits der endlosen, toten Fläche der Prairie erscheint ein schwarzer Punkt am Himmelsrande, der sich sichtlich fortbewegt. Nun, und wie! Binnen einer oder zwei Sekunden wird Roß und Reiter daraus, auf und ab geht es, auf und ab – immer näher stürmt es auf uns zu – immer deutlicher wird es, immer schärfer umrissen – noch immer näher kommt es, und das Klappern der Hufe schlägt schwach an unser Ohr – noch einen Augenblick, und vom Dach unseres Wagens herab erschallt ein Hussa und ein Hurra, das der Reiter nur durch ein Winken mit der Hand erwidert, dabei sausen Roß und Reiter an unsern aufgeregten Blicken vorüber und fliegen wirbelnd dahin, wie ein verspätetes Herbstblatt im Sturm. So schnell geht alles, so ganz wie eine Geistererscheinung, daß wir ohne die Flocke weißen Schaums, die zitternd und zerfließend noch an einem der Postbeutel hing, nachdem die Erscheinung vorübergehuscht war, vielleicht allen Ernstes im Zweifel gewesen wären, ob wir überhaupt wirklich ein Pferd mit einem Reiter darauf gesehen.