Tom stand still, ganz erstaunt über diesen Ausbruch. Dann sagte er zu sich: „Was für ‘n sonderbares Stück von ‘ner Närrin so ‘n Mädel ist. Niemals geprügelt in der Schule! Gott, was sind Prügel! Das ist recht so ‘n Mädel — alle sind sie dünnhäutig und schwachherzig. Na, ich werd‘ nicht hingehn und diese Närrin beim alten Dobbins verklatschen, aber ‘s kommt auf irgend ‘ne andere Art ja doch raus; na, was geht‘s mich an? Der alte Dobbins wird fragen, wer das Buch zerrissen hat. ‘s wird‘s niemand sagen. Dann fragt er der Reihe nach, wie er‘s immer tut — fragt die erste und dann so weiter, und dann, wenn er ans rechte Mädel kommt, weiß er‘s, ohne daß sie‘s sagt. Die Mädel verraten sich ja immer! Sie haben auch gar keinen Schneid. Sie verrät sich gleich. Na, ‘s ist ‘ne nette Patsche für Becky Thatcher, ‘s gibt kein Mittel, da raus zu kommen.“ Tom dachte noch einen Augenblick darüber nach und fügte dann hinzu: „Na, meinetwegen; ‘s wird ihr Spaß machen, mich in so ‘ner Patsche stecken zu sehn — mag sie‘s auch mal ausbaden!“

Tom begab sich wieder zu der Gesellschaft spektakelnder Jungen draußen. Bald kam der Lehrer und die Schule begann. Tom fühlte kein besonderes Interesse fürs Studium. Fortwährend schielte er auf die Mädchenseite, Beckys Gesicht störte ihn. Alles in allem, fühlte er kein Mitleid mit ihr und dann konnte er ihr ja auch nicht helfen. Aber er konnte auch keine rechte Schadenfreude, die diesen Namen wirklich verdient hätte, auftreiben.

Plötzlich wurden die Tintenkleckse in seinem Buche entdeckt, und jetzt war sein Geist mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Becky fuhr aus ihrer Zerstreutheit auf und verfolgte mit großem Interesse die weitere Entwickelung. Sie glaubte nicht, daß sich Tom herausreden könne, und sie hatte recht. Das Leugnen schien die Sache für Tom nur schlimmer zu machen. Becky bemühte sich nach Kräften, sich drüber zu freuen, und versuchte auch, zu glauben, daß sie sich drüber freue, aber sie fand, daß es doch nicht so ganz gewiß sei. Als die Situation ganz kritisch wurde, fühlte sie die Versuchung, aufzuspringen und Alfred Temple anzuzeigen, aber sie machte eine Anstrengung und bezwang sich, zu schweigen, denn, sagte sie zu sich: „Er wird mich mit dem Bild anzeigen, ganz gewiß. Ich würd‘ kein Wort sagen, und könnt‘ ich sein Leben retten.“

Tom nahm seine Prügel in Empfang und ging auf seinen Platz zurück, nicht so ganz mit gebrochenem Herzen, denn er sagte sich, es wäre möglich, daß er selbst die Tinte über das Buch gegossen habe, ohne es zu wissen — in Gedanken; geleugnet hatte er nur der Form wegen und weil‘s mal so Sitte war, und beim Leugnen geblieben war er aus Prinzip.

Eine ganze Stunde schlich herum; der Lehrer saß nickend auf seinem Thron, die Luft wurde nur von dem Gemurmel der Lernenden bewegt. Allmählich richtete sich Mr. Dobbins auf, gähnte, schaute in seinem Reiche umher und griff nach seinem Buch, schien aber unentschlossen, ob er es herausnehmen oder liegen lassen solle. Die meisten Augen leuchteten schwach auf, aber zwei waren unter den Kindern, welche alle seine Bewegungen mit Interesse verfolgten. Mr. Dobbins fingerte ein paar Augenblicke in Gedanken am Buche herum, dann nahm er‘s heraus und setzte sich im Stuhl zurecht, um zu lesen.

Tom schielte auf Becky. Er fing einen suchenden, hilflosen, furchtsamen Blick auf, der wie eine Kugel sein Herz durchbohrte. Sofort vergaß er seinen Streit mit ihr. Ruhig — etwas mußte geschehen! und zwar sofort geschehen! Aber seine Tatkraft wurde durch die Unmittelbarkeit der Gefahr gelähmt. Gott — er hatte eine Idee! Er wollte hinstürzen, das Buch ergreifen, aus der Tür rennen und fort! Aber er zauderte einen einzigen Moment, und die Gelegenheit war vorbei — der Lehrer öffnete das Buch. Hätte Tom doch die Gelegenheit nochmals zurückrufen können! Zu spät — er wußte, für Becky gab‘s keine Rettung mehr! Im nächsten Augenblick hatte der Lehrer das Verbrechen entdeckt. Jedes Auge senkte sich unter seinem starren Blick. Es lag etwas darin, was auch den Unschuldigsten mit Furcht erfüllte. Stillschweigen herrschte, daß man hätte bis wenigstens zehn zählen können. Der Lehrer wurde beständig zorniger. Nun fragte er: „Wer zerriß dieses Buch?“

Kein Ton. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Das Stillschweigen dauerte fort. Der Lehrer prüfte ein Gesicht nach dem anderen auf etwaiges Schuldbewußtsein hin.

„Benjamin Rogers, zerrissest du dieses Buch?“

Kopfschütteln. Neue Pause.

„Josef Harper, tatest du es?“