Tom ging an diesem Abend zu Bett voll Rachegedanken gegen Alfred Temple; denn voll Scham und Reue hatte Becky ihm alles gesagt, ihre eigene Verräterei nicht vergessend. Aber selbst das Verlangen nach Rache mußte bald weicheren Gefühlen weichen, und er schlief ein, Beckys letzte Worte als süße Musik in seinen Ohren:

„Tom, wie konntest du so edel sein!“

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Ferien nahten heran. Der Lehrer, immer streng, wurde jetzt noch strenger und genauer, denn er wollte sich am Examenstage mit seiner Schule von der besten Seite zeigen. Rute und Lineal kamen jetzt selten zur Ruhe — besonders bei den kleinen Burschen. Nur die größten Jungen und die jungen Damen von achtzehn bis zwanzig kamen ohne Prügel davon.

Und Mr. Dobbins‘ Prügel waren noch dazu ganz ausgesucht. Denn obwohl er unter seiner Perücke einen vollkommen kahlen und glänzenden Schädel barg, stand er doch erst in mittleren Jahren und fühlte durchaus noch keine Schwäche in seinen Muskeln. Als der große Tag herannahte, trat alle Tyrannei, die in ihm war, zutage; er schien ein grausames Vergnügen daran zu finden, das kleinste Verbrechen zu bestrafen. Die Folge davon war, daß auch die kleinsten Burschen ihre Tage in Schrecken und Angst verbrachten, ihre Nächte in finsterem Rachebrüten. Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich zu spielen. Aber er blieb stets Sieger. Die Vergeltung, welche jeder Rachetat folgte, war so ausgiebig und großartig, daß die Jungen stets schmählich geschlagen den Kampfplatz verließen. Schließlich zettelten sie eine gemeinsame Verschwörung an und heckten einen Plan aus, der einen blendenden Erfolg versprach. Sie entdeckten sich dem Anstreicherlehrling, setzten ihm ihre Idee auseinander und forderten seine Beihilfe. Der hatte seine eigenen Gründe, davon entzückt zu sein, denn der Lehrer wohnte in seines Vaters Familie und hatte ihm hinreichend Anlaß gegeben, ihn zu hassen. Des Lehrers Frau wollte in wenigen Tagen zu einem Besuch aufs Land gehen, und so stand der Ausführung des Planes nichts entgegen. Der Lehrer pflegte sich für große Gelegenheiten dadurch vorzubereiten, daß er sich einen hübschen kleinen Rausch zulegte, und der Anstreicherlehrling sagte, daß, wenn am Examenstage des Lehrers Zustand die rechte Höhe erreicht haben würde, er die Sache schon machen wolle, während jener seinen Nicker mache; er wolle ihn dann noch eben zur rechten Zeit wecken und zur Schule expedieren.

Als die Zeit erfüllet war, trat dann das interessante Ereignis ein. Um acht Uhr des Abends war das Schulhaus festlich erleuchtet und mit Girlanden und Festons von Papier und Blumen geschmückt. Der Lehrer thronte in seinem großen Sessel auf einem erhöhten Podium, die schwarze Tafel hinter sich. Er sah leidlich angeheitert aus. Zwei Reihen Bänke auf jeder Seite und sechs ihm gegenüber wurden durch die Würdenträger des Ortes und die Eltern der kleinen Gesellschaft eingenommen. Zu seiner Linken, hinter den Reihen der Erwachsenen, war für diese Gelegenheit eine geräumige Plattform aufgestellt, auf der die Schüler saßen, die an den Übungen des Abends teilnehmen sollten. Reihen von kleinen Stöpseln zu einem höchst unleidlichen Zustand des Mißbehagens zurecht gewaschen und angezogen; Reihen von tölpelhaften größeren Jungen; weiß-strahlende Bänke von Mädchen und jungen Damen, in Leinen und Musselin gekleidet und augenscheinlich stolz auf ihre nackten Arme, ihren von der Großmama geerbten Schmuck, ihr Spitzwerk von rotem und blauem Band, und die Blumen in ihrem Haar. Der Rest des Saales war von unbeteiligten Schülern und Schülerinnen angefüllt.

Die Prüfung begann. Ein sehr kleiner Bengel stand auf und deklamierte mit schafsmäßigem Gesicht:

Kaum glaubt ihr, daß so‘n kleiner Mann
Hier vor euch stehn und sprechen kann — usw.

sich selbst mit den peinlich abgemessenen, krampfhaften Bewegungen begleitend, wie sie eine Maschine gemacht haben würde — noch dazu eine etwas aus der Ordnung geratene Maschine. Aber er schlüpfte leidlich, wenn auch zu Tode geängstigt, durch und erhielt ‘ne hübsche Menge Applaus, als er seine gezwungene Verbeugung produzierte und sich zurückzog.

Ein kleines, verschämtes Mädchen lispelte darauf: „Mary hat ein kleines Lamm“ usw., machte einen mitleiderregenden Knicks, erhielt ebenfalls ihren Anteil am Beifall und setzte sich, hochrot und glücklich.