„Ich auch, Tom! Gott, ich hört‘, wie einer sagte, er ist der blutgierigste Lump im ganzen Land, und sie wunderten sich nur, daß er noch nicht aufgeknüpft ist.“

„Ja, das sagen sie immer. Ich hab‘ gehört, sie wollten ihn lynchen, wenn er freikäm‘.“

„Und das täten sie auch.“

Die Jungen schwatzten noch lange, aber es brachte ihnen wenig Befreiung. Als das Zwielicht anbrach, fanden sie sich auf einmal in der Nachbarschaft des kleinen, einsamen Gebäudes, vielleicht in der unbestimmten Hoffnung, es könne irgend was geschehen, wodurch ihre Kümmernisse gehoben würden. Aber nichts geschah, weder Engel noch gute Geister schienen sich mit diesem unglücklichen Gefangenen beschäftigen zu wollen.

Die Jungens taten, was sie schon oft vorher getan hatten — gingen zu dem Gitterfenster und steckten Potter ein bißchen Tabak und Zündhölzer zu. Er lag auf dem Fußboden — Wächter waren nicht da.

Seine Dankbarkeit für ihre kleinen Gaben hatte bisher immer ihr Gewissen entlastet — jetzt wurde es nur noch schwerer. Sie fühlten sich im höchsten Grade gemein und treulos, als Potter sagte: „Ihr seid doch immer gut gegen mich gewesen, Jungs, besser als sonst jemand im Dorf. Und ich werd‘s nicht vergessen, werd‘s nicht! Oft denk‘ ich, hab‘ allen Jungen Drachen gemacht und alles, und ihnen gute Fischplätze gezeigt, und ihnen geholfen, wo ich konnt‘, und nu‘ vergessen sie alle den alten Muff, wo er so in der Patsche sitzt, nur der Tom tut‘s nicht, und der Huck tut‘s nicht, die vergessen ihn nicht, sagt‘ ich, und ich werd‘ sie nicht vergessen! Na, Jungs, ich hab‘ was Schreckliches getan — betrunken und verrückt muß ich gewesen sein; ‘s ist die einzige Art, wie ich‘s mir denken kann, und jetzt soll ich dafür baumeln, und ‘s ist recht so. Recht und ‘s beste auch, glaub‘ ich, hoff‘ wenigstens. Na, wollen nicht davon sprechen. Möcht‘ euch ‘s Herz nicht schwer machen. Aber wollt euch doch sagen: Trinkt nicht, wenn ihr groß seid, dann kommt ihr nie hierher. Kommt mal näher ran — so, ‘s ist doch schon was, so ‘n paar gute Gesichter zu sehen — gute, freundliche Gesichter. Steigt mal einer auf den anderen und gebt mal eure Patschen her. Kommt leichter durch die Stangen, meine Faust ist zu groß. Kleine Hände — und zart — aber haben Muff Potter ‘ne Menge geholfen und würden noch mehr tun, wenn sie könnten.“

Tom schlich niedergeschlagen nach Hause, und seine Träume waren schrecklich. Am nächsten und übernächsten Tage lungerte er um das Gerichtsgebäude herum, von unwiderstehlichem Verlangen angetrieben, hineinzugehen, und doch sich selbst zwingend, es nicht zu tun. Huck hatte dieselben Versuchungen. Sie gingen sich geflissentlich aus dem Wege. Jeder ging von Zeit zu Zeit mal fort, aber derselbe verzweifelte Zauber trieb ihn immer sehr bald wieder hin. Tom hielt die Ohren offen, wenn irgend ein Müßiggänger herauskam, hörte aber immer nur betrübende Neuigkeiten. Die Schlinge zog sich immer und immer fester zusammen um den armen Potter. Am Abend des zweiten Tages war das Dorfgespräch, daß des Indianer-Joe Erscheinen feststehe, und daß über den zu erwartenden Spruch der Geschworenen nicht der geringste Zweifel entstehe.

Tom war diesen Abend lange aus und gelangte durchs Fenster ins Bett. Er befand sich in schrecklich aufgeregtem Zustande. Es dauerte Stunden, bis er einschlafen konnte.

Am nächsten Morgen strömte das ganze Dorf zum Gerichtsgebäude, denn es würde ein großer Tag sein. Beide Geschlechter waren zu dem aufregenden Verhör erschienen. Nach langer Zeit traten die Geschworenen ein und begaben sich auf ihre Plätze. Kurz danach wurde Muff Potter, blaß und hohläugig, verschüchtert und hoffnungslos, mit Ketten beladen, hereingebracht und setzte sich so, daß all die neugierigen Augen ihn treffen mußten; nicht weniger wurde der Indianer-Joe beobachtet, der gleichgültig, wie immer, dasaß. Noch eine Pause, und dann kam der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Sitzung. Es folgte das gewöhnliche Geflüster zwischen den Gerichtspersonen und Papierknistern. Diese Einzelheiten und Umständlichkeiten bewirkten eine erwartungsvolle Stimmung, die ebenso aufregend wie lähmend war.

Jetzt wurde jener Bürger aufgerufen, welcher beschwor, daß er Muff Potter in sehr früher Stunde am Morgen des Mordes getroffen hatte, wie er sich in einem Graben wusch, und daß er sofort davongelaufen sei. Nach einigen weiteren Fragen sagte der Staatsanwalt: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“ Der Gefangene erhob für einen Augenblick die Augen, schlug sie aber sofort nieder, als sein Verteidiger sagte: „Ich verzichte.“