Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Frohlockens, aber seine Nächte waren Zeiten des Schreckens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen Träumen und immer mit haßerfüllten Augen. Schwerlich hätte irgend etwas den Jungen veranlassen können, nach Anbruch der Nacht noch hinauszugehen. Der arme Huck befand sich gleichfalls im Zustand der Verzweiflung und Angst, denn Tom hatte in der Nacht vor der Gerichtsverhandlung dem Verteidiger alles gesagt, und Huck hatte gräßliche Angst, daß seine Beteiligung bei der Sache bekannt werden möchte, obwohl ihn des Indianers Flucht von der Qual befreit hatte, vor Gericht Zeugnis ablegen zu müssen. Der arme Bursche hatte vom Verteidiger das Versprechen des Schweigens erhalten, aber was war das? Seit Tom, durch sein beladenes Gewissen getrieben, in jener Nacht ins Haus des Verteidigers gegangen war und die schreckliche Geschichte, die doch mit den bindendsten, furchtbarsten Eiden in ihm verschlossen sein sollte, gebeichtet hatte, war Hucks Glauben an die menschliche Rasse nahezu vernichtet. Jeden Tag ließen Muff Potters Dankesbezeugungen Tom sich freuen, daß er gesprochen hatte, aber nachts wünschte er, das Geheimnis bewahrt zu haben. Manchmal fürchtete er, der Indianer-Joe möchte niemals gefunden werden, dann wieder zitterte er, daß er gefunden werden könnte. Er fühlte nur zu sicher, daß er nicht mehr ruhig atmen könne, bis dieser Mensch tot sei und er seine Leiche gesehen habe.
Belohnungen waren ausgesetzt, das Land durchsucht, aber kein Joe gefunden. Eins jener geheimnisvollen, ehrfurchtgebietenden Wunder, ein Detektiv, kam von St. Louis herauf, schnüffelte herum, schüttelte den Kopf, tat sehr weise und hatte den überraschenden Erfolg, den Angehörige dieser Berufsklasse stets haben, das heißt, „er fand den Schlüssel“. Aber man kann einen Schlüssel nicht als Mörder hängen und so, nachdem der Detektiv heimwärts gegangen war, fühlte sich Tom genau so unsicher wie vorher. Trübselig schlichen die Tage, aber jeder nahm ein klein wenig von seiner Besorgnis mit sich.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
In jedes normal veranlagten Jungen Leben kommt eine Zeit, wo er den rasenden Wunsch empfindet, irgendwo nach vergrabenen Schätzen zu suchen.
Dieser Wunsch überfiel Tom eines Tages ganz plötzlich. Er machte sich auf den Weg, um Joe Harper zu suchen, hatte aber keinen Erfolg. Dann suchte er Ben Rogers; der war zum Fischen gegangen. Plötzlich stieß er auf Huck Finn, den ‚Bluthändigen‘. Tom schleppte ihn an einen versteckten Ort und vertraute sich ihm an. Huck war sofort bereit. Huck war immer bereit, sich an einem Unternehmen zu beteiligen, das Zerstreuung versprach und kein Kapital verlangte, denn er hatte schrecklichen Überfluß von der Art Zeit, die nicht Geld ist.
„Wo wollen wir graben?“ fragte Huck.
„O — halt überall.“
„Was, ist überall welches vergraben?“
„Ach was, das nicht! ‘s ist an ganz besonderen Plätzen vergraben, Huck — manchmal auf Inseln, manchmal in alten verfaulten Kisten, unter den Wurzeln eines abgestorbenen Baumes, grad‘ da, wohin der Schatten bei Mondschein fällt; besonders aber unter dem Fußboden in ‘nem verfallenen Haus.“
„Wer vergräbt‘s denn?“