„Garstiger Junge!“ Dabei gab sie ihm einen kleinen Klaps, schien aber doch nicht allzu böse zu sein.
Gerade in diesem schönen Moment fühlte Tom einen schweren Griff am Ohr und eine unwiderstehlich emporziehende Gewalt. So wurde er durch das Schulzimmer eskortiert und auf seinen eigenen Platz befördert, unter einem Kreuzfeuer von Spott und Gelächter der ganzen Schule. Dann blieb der Lehrer während eines schrecklichen Augenblickes neben ihm stehen und kehrte dann endlich auf seinen Thron zurück, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Aber obwohl Toms Ohr schmerzte, war sein Herz doch voll Jubel.
Als die Schule wieder beruhigt war, machte Tom einen sehr ehrenwerten Versuch, zu arbeiten, aber der Sturm in ihm war zu heftig. Dann sollte er lesen und brachte ein klägliches Gestümper zu Tage, in der Geographiestunde machte er Seen zu Bergen, Berge zu Flüssen, Flüsse zu Erdteilen, bis das Chaos wieder hereinbrach. Schließlich beim Buchstabieren wühlte er sich durch eine Menge einzelner Worte und Silben, bis er sich völlig festgerannt hatte und die Zinn-Medaille, die er vor Monaten als besondere Auszeichnung gewonnen hatte, wieder abgeben mußte.
Siebentes Kapitel.
Je gewissenhafter Tom sich bemühte, seine Gedanken an das Buch zu fesseln, um so mehr schweiften sie in die Ferne. So gab er es schließlich mit einem Seufzer auf und gähnte. Es wollte ihm scheinen, als werde es heute niemals Mittagszeit. Die Luft stand bewegungslos; kein Hauch. Es war der schläfrigste aller schläfrigen Tage. Das halb erstickte Murmeln der fünfundzwanzig Kinder, die da so eifrig studierten, lullte Toms Seele ein, gleich dem Gesumse der Bienen. Draußen im prallen Sonnenschein reckte Cardiff Hill sein im saftigsten Grün prangendes Haupt durch den schimmernden Schleier der Luft, die aus der Ferne gesehen, die Farbe des Purpurs angenommen hatte — infolge der großen Hitze. Ein paar Vögel wiegten sich auf müßigen Schwingen hoch im Zenith. Sonst war kein Lebewesen sichtbar, außer ein paar Kühen, und die schliefen auch. Toms Herz lechzte nach Freiheit oder wenigstens irgend welcher Beschäftigung, um damit diese traurigen Stunden totzuschlagen. Seine Hand wanderte in die Tasche, und über sein Gesicht huschte ein Schimmer freudiger Dankbarkeit, ihm selbst unbewußt. Dann wurde die Zündholzschachtel ans Tageslicht befördert. Er befreite die Wanze und setzte sie vor sich auf die Bank. Das unvernünftige Tier wurde wahrhaftig von demselben Ausdruck des Dankes verschönt, aber es hatte zu früh frohlockt, denn als es Miene machte, sich dankerfüllt davonzubegeben, schubste Tom es mit dem Griffel zurück und zwang es, eine andere Richtung einzuschlagen. Toms Busenfreund saß neben ihm, seufzend, wie es Tom noch eben getan hatte; jetzt war er sofort von tiefstem und dankbarstem Interesse erfüllt für diesen reizenden Zeitvertreib. Dieser Busenfreund war Joe Harper. Die beiden Burschen waren die Woche hindurch unzertrennliche Freunde — Samstags waren sie erbitterte Feinde. Joe zog einen Griffel aus seinem Kasten und begann sich an den Exerzitien des Gefangenen zu beteiligen. Der neue Sport gewann von Minute zu Minute an Interesse. Aber bald bemerkte Tom, daß sie einander ins Gehege kamen und eigentlich keiner recht was von der Wanze habe. So legte er Joes Tafel auf den Tisch und zog daran entlang einen senkrechten Strich mit dem Griffel. „So,“ sagte er, „so lange sie auf deiner Seite ist, kannst du mit ihr herumschubsen, und ich lasse sie in Ruhe, sobald du sie aber auf meine Seite entkommen läßt, mußt du sie in Ruhe lassen, und ich darf sie behalten, so lange ich sie auf meiner Seite halten kann.“
„Na, also — los!“
Die Wanze entschlüpfte sofort von Toms Gebiet und überschritt den Äquator. Joe drangsalierte sie eine Weile, und dann kroch sie wieder zu Tom. So ging es mehrmals hin und her. Während sich einer der beiden voll Eifer mit der Wanze herumschlug, schaute der andere begierig zu; beider Köpfe waren, dicht aneinander gedrängt, über den Tisch gebeugt, und beider Geist war von gleichem Interesse erfüllt. Schließlich schien sich das Glück für Joe zu entscheiden. Die Wanze versuchte dies und das, schlug immer neue Wege ein und wurde so hitzig und aufgeregt wie die Jungen selbst, aber jedesmal, wenn sie Joe überlistet und den Sieg davongetragen zu haben schien, und es Tom bereits in den Fingern zuckte, zu beginnen, trieb Joes Griffel die Wanze noch im letzten Augenblick zurück und hielt sie wiederum gefangen. Schließlich konnte Tom es nicht länger aushalten. Die Versuchung war zu groß. So holte er aus und half mit seinem Griffel ein bißchen nach. Das ärgerte Joe mächtig. „Tom, laß das!“
„Ich will sie jetzt auch mal wieder ein bißchen zum Spielen haben, Joe.“
„Halt, das gibt‘s nicht; laß sie los!“
„Sag, was du willst — ich muß sie jetzt mal haben!“