»Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche zu lassen. Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München gewandert. Da ich ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und fand sie auch, that ein Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt die Stelle des Nachtwächters dort in jenem Leichenhause, das Sie kürzlich besuchten. Ich wanderte stundenlang unter jenen starren Leichnamen umher und sah in ihre bleichen Gesichter. Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner Gemütsstimmung. Ich war gerne bei den Toten – war gerne allein mit ihnen; je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte ich die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen Sie, und die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im Hintergrund sich verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich stets mit seltsamen fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren – ich war damals ein Jahr lang dort gewesen – saß ich ganz allein im Wachzimmer (’s war eine stürmische Winternacht), erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war nahe am Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer und schwächer an mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über meinem Haupt ein Geläute begann, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Die Erschütterung lähmte mich beinahe, denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte.
»Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. Etwa in der Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern umwickelte Gestalt aufrecht da und neigte langsam den Kopf von einer Seite zur andern – ein schauerlicher Anblick! Er hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte hinzu und sah ihm ins Gesicht: guter Gott! es war Adler!
»Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gebracht folgender: ›Es scheint also, du bist mir doch entkommen; diesmal soll es anders gehen!‹
»Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. Stellen Sie sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen und eine grimme Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit glänzte in seinem knöchernen weißen Gesicht, als er ein lebendes Wesen vor sich sah! Und wie die Glut dieser stummen Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen trug! Und dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam, als ich diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte:
»›Sprich doch, Franz Adler – ruf’ diese Toten an. Sie werden dich ohne Zweifel hören und Mitleid mit dir haben; sonst wirst du schwerlich jemand rühren.‹
»Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, der seine Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es ihm nicht. Er versuchte flehend die Hände zu erheben, aber sie waren ihm auf seiner Brust gekreuzt und zusammengebunden.
»›Rufe doch, Franz Adler!‹ sagte ich, ›daß die Schläfer in den fernen Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch – und verliere ja keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. Was? Du kannst nicht. Das ist schade; aber es macht nichts, denn es bringt ja doch nicht immer Hilfe. Als ihr, du und dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein Weib und ein Kind ermordetet – mein Weib war’s und mein Kind! – da riefen sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte nichts; du erinnerst dich dessen, – nicht wahr? Deine Zähne klappern ja – warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die Bandagen mit den Händen los – dann geht’s. Ah, ich sehe – deine Hände sind gebunden, sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich nach langen Jahren die Dinge wiederholen; denn auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden, nicht wahr? Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen – wie sonderbar das ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein, mich loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen. Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er ist! Man kann die Schritte zählen – eins – zwei – drei. Da – es ist gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf’, Mann, ruf’! – es ist die allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst, daß du zu lange gezögert hast – sie ist vorbei. Da – der Schall erstirbt; es ist aus! Denke daran – denke darüber nach – du hast zum letztenmale den Schall menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es sein muß, einem so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu wissen, daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!‹
»O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten Gesicht zu sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte eine neue Folter und wendete sie an, mit etwas lügenhafter Erfindung als Beihilfe.
»›Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum Dank leistete ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit kamen. Ich beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib halfen ihm, als er desertierte und brachten ihn in Sicherheit.‹