»Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften Lächeln begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn aufblitzte und ich rief: –
»›Hab’ ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? denn jener Stoß war nur dir zugedacht.‹
»Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte so zufrieden, als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. Ich begrub schluchzend das Gesicht in den Händen.
»›O ich Elender!‹ rief ich, ›der ich die mitleidige Seele erschlug, die als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos waren, und sie, wenn es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich Elender!‹
»Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens zu hören; ich nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein Feind auf sein schräges Brett zurücksank.
»Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er besaß eine wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. Ich holte mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich neben ihn und begann zu lesen. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein: das war notwendig der Kälte wegen; ich that es aber teilweise, weil ich sah, daß er zuerst bei jedem Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein wenig davon geben. Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von Leuten, die durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. Ja, er hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf – drei Stunden sechs Minuten von der Zeit an, da er die Glocke läutete.
»Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark und Bein gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen Rückfall in die Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, aber bis zu jener Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen war. Jener Mann mordete mein Weib und Kind, und in drei Tagen von heute an werde ich meinen Lieben nachfolgen. Thut nichts – Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran! – ich hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen.
»Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett gefesselt; sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug ich in den Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in dem Adler erkrankt war. Es war eine elende Herberge. Ich dachte, Adler werde als Krügers Vetter dessen Habseligkeiten in Besitz genommen haben. Ich wollte mir womöglich Krügers Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag, waren Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden – alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. Mittels jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf – den einzigen Verwandten, den er hinterließ. Er ist jetzt ein Mann von dreißig Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, ein Witwer mit mehreren kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm einen Grund zu sagen, habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem Lebensunterhalt beigesteuert.
»Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für seltsame Dinge geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes Jahr mit Mühe und Kosten in ganz Deutschland nach ihr – und fand sie endlich, bekam sie und war unsäglich froh; ich öffnete sie und fand nichts darin. Hätte mir freilich sagen können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit hindurch darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt dem Schatz verschmäht – jetzt hätte ich das Geld gerne für Krügers Sohn gehabt.