Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas mehr als zwei Jahre vorher hatten Herr Goodman und ein anderer Setzer sich vierzig Dollars geborgt und waren damit von San Francisco aufgebrochen, um ihr Glück in der neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das ›Territorial Enterprise‹, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen, das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie kauften es: Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander für tausend Dollars, die ihnen lang gestundet bleiben sollten. Redaktion, Zeitungsstube, Druckerei, Expedition, Schlafkammer, Wohnzimmer und Küche, alles war in ein Gemach zusammengepreßt, und dies war nicht einmal groß. Die Redakteure und Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte die Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel. Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien täglich in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf Redakteure und dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der Abonnementspreis war sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren waren maßlos hoch, die Spalten stets gedrängt voll. Das Blatt warf monatlich zwischen sechs- und zehntausend Dollars ab und wurde in einem stattlichen feuerfesten Hause redigiert und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis elf Spalten neuer Anzeigen wegen Ueberhäufung entweder zurückgelegt oder in Extrablättern zusammen veröffentlicht.
Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹ stand im Begriffe, ein Riesenpochwerk mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten nicht viel unter einer Million Dollars betrugen. Die Kuxe dieses Bergwerks zahlten schwere Dividenden – ein seltener Fall, der nur bei den zwölf oder fünfzehn Parzellen vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock, lagen. Der Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen Hause, das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr mit stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, und sein Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der Direktor einer anderen großen Grube reiste wie ein Fürst herum, hatte einen Jahresgehalt von achtundzwanzigtausend Dollars und beanspruchte später überdies noch auf dem Rechtswege ein Prozent der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend.
Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen machte keine Mühe, wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. Und so traf es sich glücklich, daß gerade während jener Zeit der Draht die Nachricht brachte, daß eine große Sanitätskommission der Vereinigten Staaten gebildet worden sei, welche für die Soldaten und Matrosen der Union, die in den Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an dem Werk in großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm auch nur einen Tag alt gewesen sei. Virginia erhob sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee wurde in aller Eile organisiert, der Präsident desselben bestieg einen leeren Karren in der C straße und versuchte der ungeduldigen und lärmenden Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf einer Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, und das Komitee bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine Stimme wurde übertäubt, seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen Jubelgebrüll und dem Verlangen, daß das Geld sofort angenommen werden solle, verloren; die Leute waren wie rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte Vorstellungen und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber taub gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, in den sie Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, um noch mehr zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus dem Gedränge. Unterstützt von dieser beredten Gebärdensprache hofften viele sich einen Weg bahnen zu können. Selbst die Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung angesteckt und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit ihrem Gelde bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer Weile mit jämmerlich zerzaustem Anzuge wieder aus der Menge hervor. Es war der wildeste Auflauf, den Virginia jemals gesehen; als zuletzt die Wut nachließ und alle auseinander gingen, hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche. Um in der eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg.
Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu arbeiten und wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in seine Kasse. Einzelne Personen und ganze Genossenschaften legten sich eine regelmäßige Steuer für den Sanitätsfonds auf, die sich nach ihren Mitteln abstufte; als aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ zu uns kam, gab es einen zweiten großen allgemeinen Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich und interessant. In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat der demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er kam mit dem republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, daß der Unterliegende von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund schweren Mehlsack beschenkt werden und denselben auf seiner Schulter nach Hause tragen sollte. Gridley unterlag und erhielt den Mehlsack von dem neuerwählten Bürgermeister. Er lud ihn auf die Schulter und trug ihn gegen zwei Meilen weit von Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem Musikchor und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er, er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung des Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief:
»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des Sanitätsfonds!«
Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, und Gridley stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators zu übernehmen. Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die Leute sich mehr und mehr für die Sache erwärmten, bis der Sack zuletzt einem Müller zu zweihundertfünfzig Dollars zugeschlagen und dessen Anweisung in Empfang genommen wurde. Man fragte ihn, wo er das Mehl abgeliefert haben wolle, worauf er erwiderte:
»Nirgends, verkauft es noch einmal!«
Jetzt brachen donnernde Jubelrufe los, und die Menge geriet ins richtige Feuer. So stand Gridley bis zum Sonnenuntergang schreiend und schwitzend da, und als die Masse auseinanderging, hatte er den Sack an dreihundert verschiedene Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold dafür eingenommen. Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze.
Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein Telegramm zurück: