»Schickt euern Mehlsack her!«
Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im Opernhause wurde eine Nachmittagsversammlung gehalten und die Auktion begann. Aber der Mehlsack war früher gekommen als man erwartete, die Leute waren noch nicht ordentlich ins Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf matt hin. Bei Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in Händen und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde.
Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu lassen und dem Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen.
Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger am Werke, den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und als sie zu Bett gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht mehr bange. Um elf Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug offener Wagen, begleitet von lärmenden Musikbanden und geschmückt mit wehenden Fahnen, die C straße hinunter, wo sie bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden Menschenmenge eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden. Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß er recht ins Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. Die anderen Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure und Berichterstatter und andere Leute von Ansehen und Bedeutung. Die Menge drängte nach der Ecke der C- und Taylorstraße, in der Erwartung, daß der Verkauf dort beginnen werde; allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine unaussprechliche Ueberraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme Virginia überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg auf die kleine Stadt Gold Hill zu. Telegramme waren nach Gold Hill, Silver City und Dayton vorausgegangen, so daß deren Bevölkerung bereits in fieberhafter Erregung darauf wartete, sich ins Gefecht zu stürzen. Es war ein sehr heißer Tag und furchtbar staubig. Nach Verlauf einer kurzen halben Stunde stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden Fahnen, von mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold Hill hinab. Die ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und Indianer waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen der Stadt flatterten an den Masten und das Hurrarufen der Menge übertönte den Lärm der Musikbanden. Gridley erhob sich und fragte, wer auf den vaterländischen Sanitäts-Mehlsack das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte: »Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft bietet tausend Dollars in Münze.«
Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde nach Virginia, binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft auf der Straße versammelt und verschlang die Botschaft; es gehörte nämlich mit zum Programm, daß jeder Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort bekannt gemacht wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold Hill her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung. Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung von Gold Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, welche Virginias höchste Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis an den Plakatstellen zu lesen war. Nun rückte Gridleys Kavalkade weiter – erfrischt mit Strömen Lagerbiers, welches die Leute in verschwenderischem Maße an die Wagen brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt auf dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und veröffentlicht worden; als nun die Prozession um halb neun Uhr abends in Virginia einzog und die C straße hinunterkam, war die ganze Bevölkerung auf den Straßen, Fackeln loderten, Flaggen wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf Hurra erschütterte die Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit Beifallsausbrüchen begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen fünfzig Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, die in Staatsnoten fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. Es kamen ungefähr drei Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, Weiber und Kinder mitgerechnet. Das Gesamtergebnis würde zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen waren sehr schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten weder bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß der Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte Tag, den Virginia jemals erlebte.
Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach dem Osten und brachte ihn endlich nach St. Louis, wo ein Sanitätsbazar abgehalten und eine große Summe eingenommen wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte man dort die aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren ausgestellt. Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, die er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner ungeheuren, mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann wenn nicht ganz, so doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt.
Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man die Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der einzige Fall, den die Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches Brotmehl auf offenem Markte zu dreitausend Dollars das Pfund verkauft worden ist.
Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will ich noch einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft