Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos stecken geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch dachten wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, damit er vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die kleineren Buben schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch wie möglich in seine Kleider zu kommen; wir zogen die ersten besten an, meist das Unterste zu oberst, das Innere nach außen. Dann trabten wir eilig davon und verbreiteten die Unglückskunde, aber keiner von uns kehrte wieder mit um. Wir wollten das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas Wichtigeres zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen.
Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche und mir ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden auf einem Irrtum beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. Alle Elemente waren entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut, die Blitze zuckten und der Donner tobte wie unsinnig. Ich hatte Mut und Hoffnung völlig verloren; verzweifelnd dachte ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend Bibelsprüche auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem Verhängnis entrinnen?«
Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm einzig und allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, oder irgend ein anderes gleich unbedeutendes Wesen, einer so erhabenen Kundgebung aus der Höhe nicht wert sei, kam mir nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte nur die Lehre, die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz all seiner Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz vergebliches Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja nun und nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. Dennoch schien es mir rätlich, den Versuch der Besserung zu machen. Als nun aber Tage voll Sonnenschein und Heiterkeit folgten, hatte ich alle guten Vorsätze vergessen noch ehe ein Monat um war, und fühlte mich in meiner sündhaften Verstocktheit so behaglich wie je zuvor.
Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die Gegenwart zurück und ging den Hügel hinunter.
Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem Hause vorbei, das wir zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine jetzigen Insassen sind heutzutage nicht mehr wert als ich, aber zu jener Zeit hätten sie mindestens fünfhundert Dollars die Person gegolten. Es waren nämlich Farbige.
Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen zu besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge mit denen meiner damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die Kinder waren besser gekleidet und sahen sauberer aus als wir vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich tief. Es waren ja die Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor vielen, vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem Herzen gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen – wo aber waren jene hingekommen?
Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit ein flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt und mich ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. Statt dessen mußte ich nun den Kindern eine Ansprache halten, und für unvorbereitete Reden habe ich gar kein Talent. Ich konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht auf das sinnlose Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren zu beleidigen pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor mir aufgereiht saßen, noch länger anzusehen.