Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter zu sein. Der Musterknabe, den wir damals hatten – mehr als einen hat es nie gegeben – war völlig fehlerlos; fehlerlos im Benehmen, im Anzug, im Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, in äußerer Frömmigkeit; aber im Grunde war er ein eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze im Kopf, daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte aufsetzen können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. Die Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des Städtchens ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten ihn und von allen ihren Söhnen wurde er verabscheut. Man hat mir auch gesagt, was aus ihm geworden ist, es war aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete, daher will ich alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur erwähnen, daß er sein Glück in der Welt gemacht hat.

Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden Morgen mit der Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, denn in meinen Träumen waren alle Gesichter wieder jung und sahen gerade so aus, wie in den vergangenen Zeiten. Abends aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir mindestens hundert Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur Genüge davon überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen.

Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, fiel ich immer aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete jungen Damen, die sich gar nicht verändert zu haben schienen, aber es stellte sich bald heraus, daß sie die Töchter meiner damaligen Bekannten waren oder auch ihre Enkelinnen. Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig Jahren Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie aber als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie kann ein kleines Mädchen eine Großmutter sein? – Es ist gar nicht leicht, sich die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht allein alt werden, sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns gleichen Schritt halten.

Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit weniger bei den Männern. Diese schienen in dreißig Jahren nicht viel gealtert zu sein; aber ihre Frauen waren alt geworden – wenigstens die braven. Brav zu sein ist sehr angreifend, es erhält nicht jung.

Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt als ihre Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen Bürgermeister, einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und wahrscheinlich Schulden. Die Zahl ihrer Einwohner beträgt 15,000; überall herrscht rege Thätigkeit und Gedeihen; auch das Pflaster ist nicht schlechter wie in andern Städten des Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte Straße und bequeme Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. Hannibal ist jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 Dollars gekostet hat. Ich ging auch nach der Bärenbucht, die wahrscheinlich so heißt, weil sich nie ein Bär dorthin verirrt hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz förmlich zugebaut. Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser zu fallen, aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus, pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. Jetzt ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß jemand darin ertrinken kann.

III.

»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger meines Heimatortes, mit dem ich mich in ein Gespräch einließ.

Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der Zeit durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! Finn verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines natürlichen Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von Delirium tremens und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines natürlichen Todes, so meine ich damit, daß es für Jimmy Finn ein natürlicher Tod war. Das Stadthausopfer war gar kein Einheimischer, sondern ein armer Fremder, ein harmloser Landstreicher und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall genauer als sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon wußte als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen Abends in den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er bekam weder Zündholz noch sonstige Aufmerksamkeiten – im Gegenteil: ein Trupp böser kleiner Buben folgte ihm auf den Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken und zu ärgern. Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um Schonung, die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den Rest von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich ging fort, holte ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach Hause und zu Bette, schwer belastet im Gewissen und in nicht sehr gehobener Stimmung. Ein paar Stunden später wurde der Mann arretiert und von dem Marschall – ein großer Name für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel – in das Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser – ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen in verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack angezündet, und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung des Zimmers ergriffen. Als ich den Platz erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und Kinder, von Entsetzen durchdrungen, dicht beisammen und starrten auf die vergitterten Kerkerfenster. Hinter den Eisenstäben, an denen er wie rasend zerrte, stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah aus wie ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall war nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. Rasch wurde ein Mauerbrecher improvisiert, und der Donner seiner Stöße gegen die Thür tönte so ermutigend, daß die Zuschauer in wildes Jauchzen ausbrachen und die barmherzige That schon gelungen glaubten. Aber dem war nicht so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Man sagte, daß der Mann noch im Tode die Eisenstäbe fest umklammert hielt und daß das Feuer ihn in dieser Stellung umhüllte und verzehrte. Ich selbst weiß nichts Bestimmtes darüber.

Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung eine lange Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich so schuldig an dem Tode des Mannes, als ob ich ihm die Streichhölzchen absichtlich gegeben hätte, damit er sich damit verbrennen sollte. Ich zweifelte nicht im geringsten, daß ich gehängt werden würde, falls etwa meine Beteiligung an dieser Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn jemand von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn ich erwartete und fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; so fein und empfindlich war die Wahrnehmungsgabe meines schuldigen Gewissens, daß es oft in den unverfänglichsten Aeußerungen einen Verdacht entdeckte, sogar in Mienen, Gebärden und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die mich aber trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen jagten. Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich ans Licht kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen Knaben von zehn Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges Sorgenbündel.