Alle Wilden pflegen Gegenstände in Umrissen auf die Rinde der Bäume zu zeichnen, aber die Aehnlichkeit mit dem Vorbilde ist nicht groß und in den Gesichtern fehlt der Ausdruck. Nur der Australier hat es verstanden, Tiere zu zeichnen, die in Gestalt, Gang und Haltung richtig sind und voller Geist und Leben. Auch seine Bilder von Weißen und Eingeborenen sind nicht weniger gut; er kleidet die Weißen sogar – Herren wie Damen – nach der neuesten Mode. Kein ungelehrter Naturmensch hat wohl je den Stift mit so großem Geschick geführt wie diese Wilden.
Man wird zugeben müssen, daß sie eine hohe Stelle unter den Zeichenkünstlern einnehmen, wenn man alle Umstände in Betracht zieht. Ich würde dem Eingeborenen seinen Platz etwa zwischen Botticelli und Du Maurier anweisen. Das heißt, er zeichnet nicht so gut wie Du Maurier, aber besser als Botticelli. Im Ausdruck sowohl als auch in Bezug auf die Anordnung der Gruppen und sein Lieblingsthema, erinnert er an beide. Seine ›Kriegstänze‹ aus der australischen Wildnis finden ihr Gegenstück in Du Mauriers vornehmen Londoner Ballsälen; nur sind die Tanzenden dort von der Kultur beleckt und haben Kleider an. In Botticellis ›Frühling‹ ist das Gegenstück zwar noch idealisierter, trägt aber weniger Kleider und ziert sich um so mehr. Die Absicht der Künstler mag gut sein, aber – das ist auch alles!
Der Wilde versteht – wie bekannt – Feuer zu machen, indem er zwei Holzstücke aneinander reibt. Das ist keine Kleinigkeit – ich habe es selbst versucht und spreche aus Erfahrung.
Wieviel körperlichen Schmerz der Eingeborene ertragen kann, ist kaum zu glauben. Henry Wollaston aus Melbourne, der Wundarzt war, ehe er Prediger wurde, erzählt davon wahrhaft nervenerschütternde Einzelheiten, mit denen ich den Leser jedoch verschonen will.
Nun werde ich mich wohl endlich von den Wilden losreißen müssen, was ich höchst ungern tue, denn sie haben für mich eine ganz außergewöhnliche Anziehung. Seit einem Vierteljahrhundert hat ihnen die Regierung in allen Kolonien Stationen angewiesen, wo die Ueberlebenden behaglich untergebracht, gut genährt und auf jede Weise versorgt werden. Hätte ich das nur gewußt als ich in Australien war, so würde ich mir die Leute angesehen haben. Ich ginge jetzt gern dreißig Meilen weit zu Fuß, wenn ich auch nur einen einzigen ausgestopften Wilden zu Gesicht bekommen könnte.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Deinen Anzug magst du meinetwegen vernachlässigen, doch im Herzen muß alles sauber sein.
Querkopf Wilsons Kalender.
Als wir nach längerem Aufenthalt Adelaide verließen, war unser nächstes Ziel Horsham in der Kolonie Viktoria, eine ziemlich weite, aber nicht unangenehme Reise. Das friedliche Landstädtchen liegt in einer vollkommen flachen Gegend, wie wir sie in australischen Büchern so oft beschrieben finden: während der kurzen Dürre ist sie grau, kahl, düster, trübselig, der Boden rissig und versengt, und der erste Regen verwandelt sie in ein endloses, wogendes Meer von grünem Gras. Horsham sieht freundlich und einladend aus mit seinen hübschen Häusern und den Gärten voller Blumen und Gebüschen.