Aus dem Tagebuch. Horsham 17. Oktober. – Wundervolles Wetter. Dem Hotelfenster gegenüber, vor der Londoner Bank von Australien prangt eine schöne kanadische Pappel im herrlichsten Frühlingsgrün; jedes einzelne Blatt ist deutlich erkennbar, man meint ordentlich es wachsen zu sehen. Am Ufer entlang und im hintern Teil des Gartens stehen hohe, vielästige Bäume mit zartem, gefiedertem Laub, das jeder Windhauch bewegt und auf deren üppigem Grün die Streiflichter in wechselnden Farben spielen und funkeln gleich Opalen. Auf meine Frage erfuhr ich, es seien Pfefferbäume, die aus China stammen; sie haben einen weichen Seidenglanz und einige tragen lange Büschel mit roten Trauben wie Johannisbeeren, die sich unter den Blättern verbergen. In der Entfernung sieht der Baum dadurch bei gewisser Beleuchtung aus, als sei er in Rosenfarbe getaucht, was seine Schönheit noch erhöht.
Acht Meilen von Horsham ist eine landwirtschaftliche Schule, die wir besichtigen wollten. Der Vorsteher fuhr uns im offenen Wagen um die Mittagszeit dorthin; die Luft war ganz still, der Himmel wolkenlos und strahlender Sonnenschein – 92° F. im Schatten. In anderen Ländern würde eine solche anderthalbstündige Fahrt ohne Schutz und Schirm die grenzenloseste Erschöpfung zur Folge haben; aber hier, in diesem köstlichen Klima, ist davon keine Rede. Man fühlte die Hitze gar nicht; ja, die Luft war überhaupt nicht heiß, sondern herrlich rein und frisch. Hätte die Fahrt auch den halben Tag lang gedauert, wir würden kein Unbehagen empfunden haben oder matt und schläfrig geworden sein. Nur aus der ungewöhnlichen Trockenheit der Atmosphäre, welche in jener Ebene herrscht, läßt es sich erklären, daß 112° im Schatten dem Menschen dort nicht beschwerlicher sind als eine Temperatur von 80° oder 90° in New York.
Unterwegs sahen wir die gewöhnlichen australischen Vögel – hübsche kleine grüne Papageien, Elstern und andere; auch den schlanken, einheimischen Vogel mit dem dunkeln Gefieder und dem Namen, den ich nie behalten kann; ich weiß nur, daß er mit einem M. anfängt. Er ist der schlauste von allen Vögeln und plappert geläufiger als ein Dutzend Papageien.
Die Elster war überall auf Feldern und Zäunen in Menge zu sehen. Dieser schöne große Vogel hat schneeweiße Flecken und eine tiefe, volltönende Singstimme. Früher soll er bescheiden und schüchtern gewesen sein, aber seit er entdeckt hat, daß er der einzige Sänger von Australien ist, fehlt es ihm nicht an Selbstbewußtsein. Eine zahme Elster zu haben ist ein großes Vergnügen, denn sie besitzt alle Eigenschaften des verzogenen Lieblings – sie ist klug, mutwillig, unverschämt, kommt nie, wenn man sie ruft, ist immer da, wo man sie nicht braucht und übt sich mit großem Eifer im Ungehorsam. Man hält sie nicht im Käfig, sondern läßt sie sich frei im Garten und Haus herumtreiben, gleich dem Lachvogel. Ob sie sprechen kann weiß ich nicht, aber sie lernt verschiedene Melodien singen und das Stehlen braucht man sie nicht erst zu lehren. In Melbourne machte ich die Bekanntschaft einer zahmen Elster, die seit mehreren Jahren bei einer Dame wohnte und der Meinung war, das Haus gehöre ihr. Die Dame hatte sie abgerichtet und mußte nun alles tun, was die Elster wollte. Der Vogel setzte seinen Willen stets durch; sobald man seine Gegenwart nicht wünschte, kam er zum Vorschein, er tyrannisierte den Hund und quälte die Katze schier zu Tode. Er konnte viele Melodien und sang sie alle hinter einander ganz richtig und im Takt, aber nur wenn er still sein sollte; forderte man ihn auf zu singen, so war er verhindert und ging seiner Wege.
Lange war man der Meinung gewesen, daß in der dürren, wasserlosen Umgegend von Horsham keine Obstbäume gedeihen könnten, aber die landwirtschaftliche Schule hat den Gegenbeweis geliefert. Man zieht Apfelsinen, Aprikosen, Zitronen, Mandeln, Pfirsiche, Kirschen, achtundzwanzig verschiedene Apfelsorten, kurz alle möglichen Früchte in reichster Fülle. Die Bäume schienen das Wasser nicht zu entbehren; sie sahen sehr kräftig und wohlerhalten aus. Auch stellte man dort Versuche an, um zu sehen, in welchem Erdboden dies oder jenes Gewächs am besten gedeiht, und welches Klima ihm am meisten zusagt. Die Landwirte kommen aus allen Gegenden Australiens herbei und holen sich in der Schule guten Rat, wie sie ihr Land am vorteilhaftesten anbauen und den größten Ertrag erzielen können.
Außer einigen Landwirten, welche die Anstalt besuchen, um sich gründlicher auszubilden, kommen die meisten Zöglinge – es waren ihrer vierzig – als gänzliche Neulinge aus den Städten. Mir schien es sonderbar, daß junge Leute, die in der Stadt aufgewachsen sind, Lust haben sollten, eine landwirtschaftliche Schule zu besuchen, aber die Tatsache steht fest. Es sind sogar sehr tüchtige Schüler, die in geistiger Beziehung über dem Durchschnittsstandpunkt der ländlichen Bevölkerung stehen; sie bringen keine ererbten Vorurteile mit und hängen nicht an uralten, törichten Mißbräuchen, die durch lange Gewohnheit geheiligt sind.
An drei Tagen in der Woche arbeiten die Zöglinge von morgens bis abends auf dem Felde, in der Baumschule und bei der Schafschur, um die praktische Seite ihres Berufs zu erlernen. Die andern drei Tage studieren sie und hören Vorlesungen über Chemie und ähnliche Wissenschaften, die für die Landwirtschaft unentbehrlich sind. Wir sahen die Schüler der zweiten Klasse bei der Schafschur ein Dutzend Schafe scheren. Es geschah mit der Hand, nicht mit Maschinen. Das Schaf wurde ergriffen, hingeworfen, festgehalten, und die Schüler nehmen ihm rasch und geschickt seine Wolle ab. Manchmal schnitten sie freilich auch ein Stückchen vom Schaf mit fort, aber das tun alle Schafscherer ohne Gewissensbisse. Sie machen sogar noch weniger Aufhebens davon als das Schaf selbst, schmieren rasch eine Salbe auf die Stelle und fahren in ihrem Geschäft fort.
Das Vließ der Tiere war ganz unglaublich dick. Ehe das Schaf geschoren ist, sieht es aus wie die dicke Frau im Zirkus, nachher gleicht es einer hölzernen Bank. Die Wolle war bis auf die Haut glatt und gleichmäßig abgeschnitten, sie kommt in einem Stück herunter und läßt sich ausbreiten wie eine Decke.
Von Horsham fuhren wir mit der Bahn nach Stawell, das gleichfalls in der Kolonie Viktoria liegt; in der Umgegend sind reiche Goldbergwerke. Auf der Bank bewahrt man ein Fünflitermaß, das mit reinem, glänzendem Goldstaub und Goldsand gefüllt ist, im Kassenschrank; es war ein angenehmes Gefühl, ihn durch die Finger gleiten zu lassen, vielleicht würde es noch angenehmer gewesen sein, wäre er daran kleben geblieben. Auch ein paar Goldklumpen waren da, die sich nicht leicht heben ließen. Sie hatten einen Wert von 7500 Dollars das Stück und kamen aus einem ergiebigen Quarzbergwerk, von welchem zwei Drittel einer Dame gehören. Ihr Einkommen beläuft sich monatlich auf 75 000 Dollars; damit läßt sich der Haushalt schon bestreiten.
In der Nähe von Stawell gibt es nicht nur Gold, sondern auch ausgedehnte Weinberge, die ein treffliches Gewächs liefern. Am berühmtesten ist der Musterweinberg des Herrn Irving, dessen vorzüglicher Champagner und köstlicher Rotwein auch im Auslande beliebt sind. Für Weißwein hat er vor zwei oder drei Jahren in Frankreich einen Preis erhalten. Der Champagner wird in einem in den Felsen gesprengten, unterirdischen Labyrinth aufbewahrt, um ihm während der dreijährigen Lagerzeit, deren er zu seiner völligen Reife bedarf, eine stets gleichmäßige Temperatur zu sichern. Ich habe in jenen Gewölben 120,000 Flaschen Champagner liegen sehen. Man sagt, daß die Bevölkerung der Kolonie Viktoria, die sich auf eine Million beläuft, jährlich 25,000,000 Flaschen Champagner trinkt. Das müssen einmal durstige Kehlen sein! – Kürzlich hat die Regierung den Einfuhrzoll auf fremde Weine heruntergesetzt. Solche Härten bringt der Schutzzoll mit sich. Wenn ein Mann, im Vertrauen auf die bestehenden Gesetze, jahrelange Arbeit und große Summen Geldes auf ein tüchtiges Unternehmen verwendet hat, wird eines schönen Tages das Gesetz zu seinem Schaden umgeändert, und die eigene Regierung raubt dem Unternehmer seinen rechtmäßigen Gewinn.