Auf unserm Rückweg nach Stawell sahen wir die ›drei Schwestern‹, eine merkwürdige Gruppe von Felsblöcken, die auf einer Hochebene liegen, welche sich allmählich abdacht. Weit und breit ist kein Berg zu sehen, von dem sie sich hätten loslösen können, vielleicht hat sie das Gletschereis vor Urzeiten hergeführt. Es sind ganz ansehnliche Felsstücke. Das eine ist so groß, glatt und ausgebaucht wie ein Riesenballon in Kugelgestalt.
Die Straße führte durch einen Wald von großen, ausgetrockneten Gummibäumen, die sehr trübselig dreinschauten; der Boden war gelblichweiß, vermutlich eine Art Lehmerde. Von Zeit zu Zeit begegneten wir großen Lastwagen, die von einer langen, doppelten Reihe Ochsen gezogen wurden; sie fahren oft zweihundert Meilen weit, wie man mir sagt, und tun den Eisenbahnen großen Abbruch, welche Eigentum der Regierung sind und auf Staatskosten betrieben werden.
Die traurigen Gummibäume im gelben Lehmboden können als Sinnbild der Geduld und Ergebung dienen. Zur Not behilft sich der Baum auch ohne Wasser, doch hat er eine wahrhaft leidenschaftliche Begierde danach. Auf eine Entfernung von fünfzig Fuß merkt der kluge Gummibaum, wo Wasser im Boden verborgen ist, und sendet seine langen, dünnen Wurzelfasern auf die Suche aus. Die finden es richtig und wissen ihm beizukommen, wäre es auch durch eine sechs Zoll dicke Zementmauer. In Stawell nahm eines Tages die Wassermenge einer Zementröhrenleitung bedeutend ab und versiegte zuletzt ganz. Als man die Sache untersuchte, ergab sich, daß das Rohr verstopft war; man fand es ganz angefüllt mit einer undurchdringlichen Masse zarter, haarfeiner Wurzelfasern. Zuerst konnte man sich gar nicht erklären, wie der Faserstoff in das Rohr gekommen sei, bis man einen fast unsichtbaren Ritz entdeckte, durch den die Wurzeln sich Einlaß verschafft hatten. Ein Gummibaum, dessen Standort vierzig Fuß entfernt war, hatte das Rohr angezapft und seither das Wasser getrunken.
In Australien bekommt der Reisende oft höchst ungewöhnliche Wolkenbildungen zu Gesicht. So erging es uns auf dem Wege nach Ballarat, weshalb wir bei dieser Reise mehr vom Himmel als von der Erde sahen. Anfänglich war das ganze hohe Gewölbe mit winzigen, blendend weißen Wölkchen bedeckt; sie hatten alle dieselbe Form, waren an den Enden ausgefasert und durch gleiche Zwischenräume von einander getrennt, wo das wundervolle Blau durchschimmerte. Es sah aus, als würden zahllose Schneeflocken vom Sturmwind über den Himmel gejagt; allmählich flossen die Flocken ineinander, es bildeten sich lange Streifen und dazwischen mattfarbige Höhlungen, die sich in scheinbarer Wellenbewegung fortwälzten, wie eine mächtig wogende See. Dann wurden die Streifen immer dichter und teilten sich schließlich in unzählige, hohe weiße Säulen von gleicher Größe, die sich quer über den Himmelsraum perspektivisch aufstellten, so daß sie einen ungeheuren Säulengang zu bilden schienen – ohne Zweifel eine Luftspiegelung, die aus den fernen Toren des Jenseits zurückgeworfen wurde.
Ehe man Ballarat erreicht, kommt man durch große dünne Strecken hügligen Weidelands; hier und da weilt das Auge mit innigem Vergnügen auf den goldgelben und dunkelgelben Ginsterhecken – und auf dem reizenden See. Der Gedankenstrich ist mit Fleiß eingefügt, um den Leser aufzurütteln, damit er ja nicht vorübergeht ohne den See zu beachten. Das wäre ein großer Verlust, denn die australische Eisenbahn führt zwar häufig an trockenem Land, aber nur äußerst selten an einem schönen See vorbei. Zweiundneunzig Grad im Schatten und dabei frische, balsamische, köstliche Luft – ein ganz herrliches Klima!
Vor sechsundvierzig Jahren war die Stelle, wo das heutige Ballarat liegt, eine paradiesisch schöne Waldeinsamkeit. Keiner hatte je etwas davon gehört. Aber am 25. August 1851 wurde in Australien hier zum erstenmal eine größere Menge Gold entdeckt. Die wandernden Erzschürfer, die es fanden, gewannen gleich am ersten Tage dritthalb Pfund Gold im Wert von 600 Dollars. Schon nach ein paar Tagen wimmelte es dort wie in einem Bienenstock – eine Stadt war entstanden. Die Nachricht von dem Goldfund hatte sich mit Blitzesschnelle nach allen Enden der Welt verbreitet. So urplötzlich ist vielleicht nie zuvor ein Ort zu allgemeiner Berühmtheit gelangt. Es war, als sei der Name BALLARAT mit Riesenbuchstaben an den Himmel geschrieben worden, wo alle Welt ihn gleichzeitig lesen konnte.
Schon auf die Nachricht von den kleineren Goldfunden, die man drei Monate früher in Australien gemacht hatte, waren Scharen von Auswanderern nach Neusüdwales aufgebrochen; jetzt strömten ganze Fluten herbei. In einem einzigen Monat kamen hunderttausend Menschen aus England in Melbourne an und überschwemmten die Bergwerke. Die Mannschaft der Schiffe, die sie herübergebracht hatten, zog mit ihnen, dann folgten die Angestellten aus den Regierungsbureaus, die Köche, Dienstmädchen, Kutscher, Kammerdiener und das übrige Hausgesinde; desgleichen die Zimmerleute, Klempner, Buchdrucker, Berichterstatter, Verleger, Anwälte, Klienten, Schenkwirte, Bummler, Schwindler, Gauner, Dirnen, Krämer, Metzger, Bäcker, Doktoren, Apotheker und Wärterinnen; auch die Polizei ging mit, und sogar hohe Beamte gaben ihre vielbeneideten, angesehenen Stellungen auf, um sich dem Zuge anzuschließen. Die lawinenartig wachsende Menge stürmte aus Melbourne hinaus und ließ die Stadt verödet zurück. Es herrschte eine Sabbatstille, alles war gelähmt und zum Stillstand gebracht; die Schiffe lagen müßig vor Anker, jedes Leben schien erstorben, nur Wolkenschatten huschten noch über die leeren Straßen.
Bald war die paradiesische Waldeinsamkeit in Ballarat zerstört: der Boden aufgerissen, zerkratzt, durchwühlt und ausgeplündert in der fieberhaften Gier nach den verborgenen Schätzen. Eine himmlische Gegend zu Schanden zu machen, ihr alle Anmut, Schönheit und Fruchtbarkeit zu rauben, und sie in eine Stätte des Grauens und Entsetzens umzuwandeln, versteht wohl niemand besser als die Goldgräber.
Was für Reichtümer wurden aber auch gewonnen! Während der Zeit, die man brauchte, um das Schiff zu entladen und neu zu befrachten, hatten die Auswanderer schon ihr Glück gemacht und konnten mit Schätzen beladen in derselben Kajüte auf immer heimkehren, in der sie arm übers Meer gekommen waren. Das heißt nicht alle – aber doch manche. Die Zurückgebliebenen – soweit sie Zeit und Tod noch verschont und ihre unstäte Wanderlust sie nicht fortgetrieben hatte – habe ich selbst fünfundvierzig Jahre später in Ballarat gesehen. Einst waren sie jung und lustig gewesen, jetzt sind sie altersgrau und ernsthaft. Nichts bringt sie mehr in Aufregung; sie reden von früheren Tagen und leben in der Vergangenheit, in Rückerinnerungen; die Gegenwart ist für sie nur ein Traum.
In Ballarat kam das Gold häufig in Klumpen vor; man fand dort größere als in Kalifornien, ja die größten in der ganzen Welt. Zwei solcher Goldklumpen hatten zusammen einen Wert von 90 000 Dollars und wogen jeder etwa 180 Pfund. Man bot sie dem ersten besten Armen zum Geschenk an, wenn er sie auf seine Schultern laden und forttragen könne. So freigebig hatte der Ueberfluß an Gold die Leute bereits gemacht.