Zuerst war Ballarat eine Zeltstadt und es wimmelte darin wie in einem Ameisenhaufen. Alle Welt war zufrieden und auch anscheinend glücklich. Doch das dauerte nicht lange. Die Regierung forderte plötzlich eine Grubensteuer und zwar eine der schlimmsten Art, denn nicht von dem, was der Goldgräber gefunden hatte, sollte er die Abgabe zahlen, sondern von dem, was er möglicherweise finden könnte. Es war eine Konzessionssteuer, und wer sie nicht bezahlt hatte, durfte nicht anfangen auf seiner Parzelle zu graben.
Machen wir uns einmal klar, was das heißen will: Kein anderes Geschäft auf Erden ist so unsicher wie das Goldgraben. Die Parzelle kann gut sein, aber auch völlig wertlos; sie macht ihren Eigentümer vielleicht in einem Monat zum wohlhabenden Mann, aber er kann auch ein halbes Jahr im Schweiße seines Angesichts arbeiten und Zeit und Kraft vergeuden, weil das zu Tage geförderte Gold nicht die Kosten deckt. Es wäre gar kein übler Plan, wenn die Regierung dem Bergmann monatlich eine Summe vorschießen wollte, um ihm Lust zu machen, die Schätze der Erde auszugraben; aber ihn monatlich im voraus zu besteuern, an so etwas hätte man in Amerika auch nicht im Traum gedacht. Dort wurde weder für die Parzelle selbst, noch für den Ertrag, mochte er groß oder klein sein, irgend welche Abgabe bezahlt.
Die Goldgräber von Ballarat sandten Proteste, Klagen, Bittschriften ein – alles umsonst. Die Regierung beharrte auf ihrem Willen; sie fuhr fort die Steuer zu erheben und zwar unter Gewaltmaßregeln, die jeden freien Menschen aufs äußerste erbittern mußten. Da zog sich ein grollendes Gewitter zusammen und der Ausbruch des Sturms ließ nicht lange auf sich warten.
Es war nur eine kleine Revolution, aber politisch von großer Bedeutung – ein Kampf um die Freiheit, eine Auflehnung gegen Willkürherrschaft und Bedrückung, wie ihn die englischen Barone einst gegen König Johann geführt, wie er bei Concord und Lexington ausgefochten worden. Dies neue Beispiel einer verlorenen Schlacht, durch die der Sieg gewonnen wurde, ist zugleich das schönste, ruhmreichste Blatt in der Geschichte Australiens – das Volk weiß es und ist stolz darauf. Das Andenken der Männer, die auf den Schanzen von Eureka gefallen sind, wird treulich bewahrt, und Peter Lalor, ihrem Führer, hat man ein Denkmal errichtet.
Die oberen Bodenschichten bei Ballarat waren durch und durch voll Gold; sie wurden umgegraben, zerwühlt, durchpflügt, zerkrümelt und ihres kostbaren Schatzes beraubt. Dann ging man tiefer in die Erde hinein, bis zu dem Kiesbett der alten Bäche und Flüsse; man folgte ihrem Lauf, grub den Kies aus, förderte ihn eimerweise durch den Schacht zu Tage, wo er ausgewaschen wurde und einen reichen Goldertrag lieferte. Einige der größten Goldklumpen fand man in einem alten Flußbett, 180 Fuß unter der Erde.
Zuletzt kamen die Quarzgänge an die Reihe. Das ist keine Arbeit für mittellose Leute. Quarzbau und Pochwerke erfordern große Ausdauer, Geduld und Kapitalien. Es bildeten sich bedeutende Aktiengesellschaften und mehrere Jahrzehnte lang sind die Gruben jetzt mit Erfolg ausgebeutet worden und haben reiche Schätze geliefert. Seit 1853 hat man aus den Goldbergwerken von Ballarat, alles in allem, Gold im Wert von über dreihundert Millionen Dollars gewonnen. Also hat dieser kleine, auf der Erdkarte kaum erkennbare Fleck, in vierundvierzig Jahren etwa ein Viertel von dem Ertrag gehabt, den ganz Kalifornien in siebenundvierzig Jahren lieferte. Die Summe, welche von 1848 bis 1895 incl. aus Kalifornien bezogen wurde, beträgt nach statistischen Angaben aus der Münze der Vereinigten Staaten 1 265 217 217 Dollars.
Ballarat ist jetzt eine Stadt von kaum 40 000 Einwohnern. Da es aber in Australien liegt, besitzt es alle Einrichtungen und Vorzüge der modernsten Kultur, was sich ganz von selbst versteht. Ich sollte wohl endlich aufhören, diese Tatsache immer wieder zu erwähnen, aber es wird mir schwer, weil es mich stets von neuem überrascht. So will ich denn nur noch berichten, daß die kleine Stadt einen Park von 326 Morgen Flächeninhalt besitzt und einen Blumengarten, der 83 Morgen groß, mit den kostbarsten Farnkrautanlagen und ungewöhnlich schönen Statuen geschmückt ist. Besonders bemerkenswert ist auch der künstliche See, mit einer Ausdehnung von 600 Morgen, auf dem eine kleine Flotte von Kähnen, Segelbooten und kleinen Vergnügungsdampfern schwimmt.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Klassisch nennt man Bücher, welche viel gelobt werden, die aber kein Mensch liest.
Querkopf Wilsons Kalender.