Nun zeigte er mir ein Album mit dreiundzwanzig Photographien meiner Person. Fünf davon waren älteren Datums, die übrigen aus späteren Jahren; das letzte Bild der Sammlung war erst vor einem Monat bei Falk in Sydney gemacht.
»Die fünf ersten haben Sie uns geschickt; die übrigen sind gekauft.«
Ich fühlte mich wie im Paradiese. Bis spät in die Nacht hinein saßen wir beisammen und plauderten ohne Ende über den Mark Twain-Klub vom Corrigan-Schloß in Irland.
Die erste Kenntnis von diesem Klub hatte ich vor etwa zwanzig Jahren durch einen verbindlichen Brief auf einem Bogen von der oben beschriebenen Sorte erhalten, dessen Unterschrift lautete: »Im Auftrag des Präsidenten. – C. Pembroke, Sekretär.« Mir wurde darin gemeldet, der Klub sei mir zu Ehren gegründet worden und man hoffe, ich werde gegen diesen Beweis der Anerkennung, die man meiner schriftstellerischen Tätigkeit zolle, nichts einzuwenden haben.
Natürlich sandte ich den gebührendsten Dank und gab mir dabei große Mühe, meine innere Genugtuung nicht allzusehr durchblicken zu lassen.
Nun begann ein langer Briefwechsel. Mir wurden die Namen der zweiunddreißig Mitglieder und die Liste des Vorstands: Präsident, Vizepräsident, Sekretär, Schatzmeister u. s. w. zugeschickt, sowie der Plan für die Zusammenkünfte, nebst einer Abschrift der Statuten und anderweitigen Bestimmungen. Einmal monatlich sollten Artikel über meine Werke verlesen werden und allgemeine, zwanglose Besprechungen stattfinden; alle Vierteljahre aber eine Geschäftsverhandlung mit darauffolgendem Abendessen und Tischreden gehalten werden. Die Zuschrift machte mir große Freude, da sie bewies, mit wieviel Eifer und Interesse die Mitglieder bei der Sache waren. Zum Schluß bat man um meine Photographie und ich ging sofort hin, ließ mein Bild machen und schickte es – natürlich mit einem Briefe.
Zunächst erhielt ich das Abzeichen des Klubs, ein wahres kleines Kunstwerk in seiner Art. Auf einem vergoldeten Untergestell erhob sich ein malerisches Gewirr von Grashalmen und Binsen, daraus schaute ein emaillierter Frosch hervor, der eine goldene Nadel auf dem Rücken trug. Fiel das Licht seitwärts darauf, so sah man, daß die zarten Binsenstengel sich zu einem Monogramm verschlangen – es war das meinige! – Dies kostbare kleine Ding machte mir ein förmlich kindisches Vergnügen, und ich konnte mich gar nicht satt daran sehen.
Der Klub hielt nun regelmäßige Sitzungen und der Sekretär versah mich mit reichlicher Beschäftigung für alle meine Mußestunden. Er erstattete mir ausführlichen Bericht über die Besprechungen meiner Bücher im Klub. Meistens teilte er sie mir nur in geistvollen Auszügen mit, was ihm vortrefflich gelang, war aber eine Rede ungewöhnlich interessant, so stenographierte er sie und schrieb die schönsten Stellen wörtlich für mich auf. Letzteres tat er besonders bei den fünf besten Rednern, deren Stil und Ausdrucksweise ebenso verschiedenartig wie charakteristisch war. Im Laufe der Zeit ward ich mit den Eigentümlichkeiten dieser fünf Herren so genau vertraut, daß ich über die Person des jedesmaligen Redners nie den geringsten Zweifel hegte.
Die Berichte wurden mir monatlich eingeschickt, auf großen Foliobogen; fünfundzwanzig engbeschriebene Seiten, von denen jede etwa sechshundert Wörter enthielt. Eine Riesenarbeit! Das Schriftstück zu lesen war trotz seiner Länge sehr unterhaltend, aber es kam unglücklicherweise nicht allein, sondern war von einer ganzen Liste von Fragen über die Bedeutung einzelner Stellen und Aussprüche in meinen Büchern begleitet, auf die der Klub Antwort zu haben wünschte. Jedes Vierteljahr trafen auch noch die Aufzeichnungen des Schatzmeisters, des Komitees und des Revisors ein, sowie der Schlußbericht des Präsidenten. Ueber sämtliche Zuschriften sollte ich meine Meinung abgeben und auch sonst zum Besten des Klubs allen möglichen guten Rat erteilen.
Mit der Zeit bekam ich ein wahres Grauen vor diesen Sendungen, das mehr und mehr zunahm, bis mich schon im voraus ein kalter Schauer überlief, wenn ich nur daran dachte. Denn ich bin von Natur ein träger Mensch und Briefschreiben ist mir ein Greuel. Sobald die Schriftstücke ankamen, mußte ich aber, – um meiner eigenen Gemütsruhe willen – alles stehen und liegen lassen, mußte mich hinsetzen und mir den Kopf zerbrechen, bis ich die Antwort glücklich zu stande gebracht hatte. Im ersten Jahr ging es noch ziemlich gut, aber in den vier folgenden Jahren war der Mark Twain-Klub vom Corrigan-Schloß meine Qual, mein Schreckgespenst, der Fluch und das Elend meines Lebens. Auch bekam ich einen förmlichen Abscheu davor, mich ewig photographieren zu lassen. Fünf Jahre war ich regelmäßig zum Photographieren gegangen, in der Hoffnung, den unersättlichen Klub endlich zufrieden zu stellen, da riß mir der Geduldfaden. Ich empörte mich gegen den unerträglichen Druck, raffte alle meine Kraft zusammen, zerbrach die Ketten und war wieder ein freier, glücklicher Mensch. Von jenem Tage an verbrannte ich die dicken Briefe des Sekretärs sofort nach ihrer Ankunft, und mit der Zeit blieben sie ganz aus.