Wir sahen auch kleine Götzenbilder aus Nephrit oder Beilstein, die, aber nur von Eingeborenen hohen Ranges, um den Hals getragen wurden; ferner Waffen und allerlei Schmuck, aus dem gleichen, ausnehmend harten Stein ohne jedes eiserne Werkzeug verfertigt. Durch einige Stücke waren kleine runde Löcher gebohrt; niemand weiß wie das gemacht wurde, es ist ein Geheimnis, eine verlorene Kunst. Wer jetzt in ein Stück Nephrit ein Loch gebohrt haben will, muß erst zu einem Steinschneider nach London oder Amsterdam schicken, wie man mir sagt.
Auch ein ganzes Skelett der Riesen-Moa bekamen wir zu sehen. Es war zehn Fuß hoch und muß einen netten Anblick gewährt haben, als es noch ein lebendiger Vogel war. Wie der Strauß brauchte das Tier beim Kampf nicht den Schnabel, sondern die Füße. Einen solchen Fußtritt zu bekommen, mag kein schlechtes Vergnügen gewesen sein, etwa wie wenn man von Windmühlenflügeln in die Luft geschleudert wird.
In den alten, längst vergessenen Zeiten, als das Geschlecht der Moas noch auf Erden wandelte, müssen sie in großer Menge vorhanden gewesen sein. Man findet ihre Knochen haufenweise in ungeheuren Gräbern dicht beisammen liegen, und zwar nicht in Felsenhöhlen, sondern in der Erde. Niemand weiß, wer sie dort eingescharrt hat. Da es wirkliche Knochen und keine Versteinerungen sind, können die Moas noch nicht so gar lange ausgestorben sein. Merkwürdig, daß sie die einzigen Tiere Neuseelands sind, welche in den so zahlreichen Legenden der Eingeborenen gar keine Rolle spielen. Dieser Umstand ist sehr bedeutsam und kann als Indizienbeweis dafür dienen, daß die Moas seit vierhundert Jahren von der Erde verschwunden sind, denn der Maori selbst ist nach der Ueberlieferung seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in Neuseeland ansässig. Der erste Maori kam aus einem unbekannten Lande, ruderte in seinem Kanoe dahin zurück und kehrte in Begleitung aller Stammesangehörigen wieder; sie drängten die Ureinwohner in das Meer oder brachten sie unter den Boden und nahmen die Inseln in Besitz. So sagt die Ueberlieferung. Die Ankunft jenes ersten Maori ist begreiflich, denn jeder kann schließlich unversehens an einen Ort kommen, wohin er nicht will; aber wie der Entdecker ohne Kompaß den Weg nach der Heimat zurückfand, ist ein Rätsel, das er mit sich ins Grab genommen hat. Aus seiner Sprache ging hervor, daß er aus Polynesien stammte. Er hat auch gesagt, woher er kam, aber da er den Namen des Ortes nicht richtig buchstabieren konnte, fand man ihn nicht auf der Karte, welche von klugen Leuten gemacht ist, die den Namen ganz anders buchstabieren. Vor allem müssen doch die Namen richtig auf der Karte stehen, so daß man sich auf sie verlassen kann; das übrige ist Nebensache.
In Neuseeland haben die Frauen das Recht, die Mitglieder des gesetzgebenden Körpers zu wählen, sie selbst dürfen aber nicht Abgeordnete sein. Das Gesetz, welches ihnen das Stimmrecht verleiht, wurde 1893 erlassen, als die Einwohnerzahl von Christchurch sich nach dem Census von 1891 auf 31 454 belief. Die erste Wahl, nachdem das Gesetz in Kraft getreten war, fand im November statt. An der Wahlurne erschienen 6313 Männer und 5989 Frauen. Diese Zahlen liefern den Beweis, daß die Frauen der Politik nicht so gleichgültig gegenüberstehen, wie man uns glauben machen will. Die Gesamtzahl der stimmfähigen weiblichen Bevölkerung Neuseelands betrug 139 915; hiervon zeichneten 109 461 ihre Namen in die Wahllisten ein – 78,23 Prozent von allen. 90 290 erschienen wirklich an der Wahlurne und gaben ihre Stimmen ab – 85,18 Prozent. Eifriger erfüllen die Männer wohl kaum ihre politischen Pflichten, weder in Amerika noch in andern Ländern. Der amtliche Bericht spricht sich auch noch in anderer Beziehung günstig über jene Wahl aus:
»Besonders bemerkenswert,« heißt es, »war der Geist der Ordnung und Nüchternheit, der unter den Leuten herrschte. Die Frauen wurden auf keine Weise belästigt.«
Bei uns in Amerika wird als Hauptgrund gegen das weibliche Stimmrecht regelmäßig der Satz aufgestellt, daß die Frauen nicht zur Wahlurne gehen könnten, ohne sich tätlichen Beleidigungen auszusetzen. Dergleichen Weissagungen sind äußerst bequem. Seit im Jahre 1848 die Frauenbewegung begann, haben die Propheten nicht aufgehört zu verkünden, daß allerlei Unheil daraus entstehen würde; aber in einem Zeitraum von fünfzig Jahren ist noch nichts davon eingetroffen. Im Gegenteil, es ist den Frauen gelungen, aus dem amerikanischen Gesetzbuch eine große Anzahl ungerechter Verordnungen zu entfernen. Die Männer sollten alle Achtung vor ihren Müttern, Frauen und Töchtern haben und sie mit ganz andern Augen betrachten, nachdem sie sich in einer verhältnismäßig so kurzen Frist im wesentlichen aus ihrer Leibeigenschaft befreit haben. Ohne Blutvergießen hätten die Männer das nicht zustande gebracht; wenigstens haben sie es bis jetzt noch nicht getan, vermutlich, weil sie nicht wußten, wie sie es machen sollten. Aber selbst durch die friedliche und höchst wohltätige Umwälzung, welche die Frauen bewirkt haben, sind die Männer im Durchschnitt noch nicht zu überzeugen gewesen, daß die Frau Mut, Kraft, Ausdauer und Seelenstärke besitzt. Es gehört eben viel dazu, um den Durchschnittsmann von irgend etwas zu überzeugen. Vielleicht wird nichts imstande sein, ihn jemals zu der Erkenntnis zu bringen, daß die Frau ihm im Durchschnitt überlegen ist, und doch scheint das in mancher wichtigen Einzelheit wirklich der Fall zu sein, wie sich aus Tatsachen beweisen läßt. Seit Anbeginn der Welt hat der Mann das Menschengeschlecht regiert, und er wird zugeben müssen, daß die Welt bis zur Mitte dieses Jahrhunderts im allgemeinen recht träge, dumm und unwissend war. Jetzt sieht es schon weit weniger unerfreulich darin aus, und es wird mit der Zeit fort und fort besser. Die Frau hat gegenwärtig Gelegenheit zu zeigen was sie kann – und zwar zum allererstenmal. Wo wird wohl der Mann nach abermals fünfzig Jahren sein – das möchte ich wissen.
Im Gesetz von Neuseeland steht folgende Anmerkung:
»Wo in den Verordnungen das Wort Person vorkommt, ist die Frau mit inbegriffen.«
Das nenne ich doch eine Beförderung! Durch solche Erweiterung des Begriffs wird die weise Matrone, der eine fünfzigjährige Erfahrung zur Seite steht, mit einem Schlage in politischer Hinsicht gleichberechtigt mit dem einundzwanzigjährigen Bürschchen, das kaum trocken hinter den Ohren ist. Die Einwohnerzahl der Weißen in der Kolonie beläuft sich auf 626 000, die der Maori auf 42 000. Die Weißen wählen siebzig Mitglieder in das Abgeordnetenhaus und die Maori vier; auch die Maori-Frauen stimmen mit bei der Wahl ihrer vier Abgeordneten.