Ich glaube, das sind noch nicht alle Stufen, aber die andern fallen mir gerade nicht ein; jedenfalls hat er sie durchgemacht. Während seiner langen Prüfungszeit hörte er nicht auf, sich in frommer Weisheit zu vervollkommnen und Erklärungen der heiligen Bücher zu schreiben. Auch in religiöse Betrachtungen über Brahma hat er sich versenkt und das tut er noch.
In ganz Indien wird sein Bildnis aus weißem Marmor verkauft; er bewohnt ein gutes Haus in Benares, das von einem schönen, großen Garten umgeben und eingerichtet ist, wie es seinem hohen Range zukommt. Auf der Straße kann er sich natürlich nicht blicken lassen. Für Götter wäre es in allen Ländern mit Unbequemlichkeiten verbunden, wenn sie frei umhergingen. Wollte jemand, den wir als Gott anerkennen und verehren, durch unsere Stadt spazieren und man erführe an welchem Tage, so würden alle Geschäfte stillstehen und der Verkehr ins Stocken geraten.
Das Wohnhaus des Gottes ist zwar behaglich, aber doch in Anbetracht der Umstände sehr bescheiden. Er brauchte nur den Wunsch zu äußern, so würden ihm seine Anhänger mit Freuden einen Palast bauen. Manchmal empfängt er die Gläubigen einen Augenblick, spricht ihnen Trost zu und gibt ihnen seinen Segen; darauf küssen sie ihm die Füße und gehen beglückt von dannen. Da er ein Gott ist, legt er auf Rang und Stand keinen Wert, vor ihm sind alle Menschen gleich. Er empfängt wen er will oder verweigert seinen Anblick. Manchmal läßt er einen Fürsten vor und schickt den Bettler fort; ein andermal empfängt er den Bettler, und der Fürst muß seiner Wege gehen. Doch nimmt er überhaupt nur wenige Besucher irgendwelcher Klasse an, da er die Zeit für seine Betrachtungen zu Rate halten muß. Mr. Parker, den Missionar, würde er, glaube ich, jederzeit empfangen, weil er ihm leid tut. Er selbst tut aber Mr. Parker ebenso leid, und dies Mitgefühl ist gewiß ein Segen für alle beide.
Bei unserer Ankunft mußten wir noch eine Weile im Garten herumstehen; die Aussichten waren nicht sehr günstig, denn Sri 108 S. B. S. hatte an diesem Tage alle Maharajas fortgeschickt und nur den gemeinen Pöbel empfangen; da wir nun weder das eine noch das andere waren, ließ sich nicht voraussagen, was wir zu erwarten hatten. Bald erschien jedoch ein Diener und sagte, es wäre schon recht, der Gott würde kommen.
Ja, er kam wirklich und ich habe ihn gesehen, diesen Gegenstand der Anbetung für Millionen. Mich durchbebte ein nie gekanntes Gefühl – ich wollte, es strömte mir noch durch die Adern. Und doch war er für mich kein Gott, sondern nur ein Schaustück. Der heilige Schauer, der mich durchzitterte, war nicht mein eigener; ich empfing ihn aus zweiter Hand von den unsichtbaren Millionen seiner Anbeter. Durch die Berührung mit ihrem Gott war ich in elektrische Verbindung mit ihrer Riesenbatterie geraten und bekam die ganze Ladung auf einmal zu fühlen.
Sri 108 S. B. S. war groß und hager. Sein scharfgeschnittenes Gesicht hatte einen ungewöhnlich durchgeistigten Ausdruck und er sah mich mit dem tiefen Blick seiner Augen gütig an. Er schien viel älter als seine Jahre, aber das mochte wohl von seinen Studien und Betrachtungen, dem Fasten und Beten und dem harten Leben herrühren, das er als Einsiedler und Bettler geführt hatte. Empfängt er Eingeborene hohen oder niederen Ranges, so geht er ganz nackt; aber jetzt trug er ein weißes Tuch um die Lenden, ein Zugeständnis, das er vermutlich den Vorurteilen der Fremden machte.
Sobald sich meine Verzückung etwas gelegt hatte, kamen wir gut miteinander aus, und er erwies sich mir als ein sehr angenehmer und freundlicher Gott. Er hatte viel vom Religionskongreß und der Weltausstellung in Chicago gehört und sprach mit großem Interesse darüber. Wenn die Leute in Indien auch von Amerika sonst nichts wissen, dies Ereignis ist ihnen bekannt, und sie werden Chicago sobald nicht vergessen.
Zu meiner Freude schlug der Gott mir vor, ob wir nicht unsere Autographen austauschen wollten. Zufolge dieser zarten Aufmerksamkeit glaubte ich an ihn, wenn ich auch vorher meine Zweifel gehabt hatte. Er schrieb mir eine Widmung in sein Buch, das ich stets mit ehrfurchtsvoller Scheu betrachtete, obgleich die Wörter von rechts nach links gehen und ich es daher nicht lesen kann. Diese Art Bücher zu drucken, halte ich für ganz verkehrt. Das Werk enthält die von ihm verfaßten, umfangreichen Erklärungen zu den heiligen Schriften der Hindus; könnte ich sie entziffern, so würde ich selbst versuchen nach der Vollendung zu streben. Ich überreichte ihm ein Exemplar von Huckleberry Finn, weil ich glaubte, es würde ihm zur Abwechslung von seinen Betrachtungen über Brahma eine kleine Erholung sein. Er sah recht müde aus, und wenn ihm mein Buch auch vielleicht nichts nützt, so wird es ihm doch gewiß nichts schaden.
Sri 108 S. B. S. hat einen Schüler, der unter ihm seine Studien betreibt – Mina Bahadur Rana – doch bekamen wir ihn nicht zu sehen. Er trägt Kleider und ist noch sehr unvollkommen. Eine kleine Abhandlung, die er über seinen Meister geschrieben hat, habe ich mir angeschafft. Es ist auch ein Holzschnitt darin, welcher Lehrer und Schüler zusammen auf einer Matte im Garten sitzend darstellt. Das Bild ist sehr gut getroffen und die Stellung genau dieselbe, welche Brahma mit Vorliebe einnimmt; man braucht dazu lange Arme und geschmeidige Beine; nur Götter können diese so übereinander schlagen – Götter und der Kautschukmann. In der gleichen Stellung ist auch im Garten ein Marmorbild von Sri 108 S. B. S. in Lebensgröße zu sehen.
Eine sonderbare Welt, in der wir leben – und am allermerkwürdigsten geht es in Indien zu. Jener Schüler, Mina Bahadur Rana, ist ganz und gar kein gewöhnlicher Mensch, er besitzt eine außerordentliche Begabung und hohe Bildung; eine glänzende weltliche Laufbahn lag vor ihm. Noch vor zwanzig Jahren stand er im Dienst der Regierung von Nepal und nahm am Hofe des Vizekönigs von Indien eine hervorragende Stellung ein. Er war tüchtig in seinem Beruf, ein tiefer Denker, wohlhabend und kenntnisreich. Da ergriff ihn plötzlich das Verlangen, sich einem religiösen Leben zu weihen, er legte sein Amt nieder, wandte der Eitelkeit und allem Behagen dieser Welt den Rücken, zog sich in die Einsamkeit zurück und lebte in einer armen Hütte. Dort studierte er die heiligen Schriften und vertiefte sich in Betrachtungen über Tugend und Frömmigkeit, die er zu erringen strebte. Diese Art Religion gleicht der unsrigen. Christus hat den Reichen geboten ihre Güter den Armen zu geben und ihm nachzufolgen, nicht in weltlichem Wohlleben, sondern in Dürftigkeit. Unsere amerikanischen und englischen Millionäre tun das täglich und bezeugen so vor aller Welt den ungeheueren Einfluß der Religion; aber von manchen Leuten werden sie wegen dieser Entsagung und Pflichttreue verhöhnt und auch über Mina Bahadur Rana wird man spotten und sagen, er sei verrückt geworden. Gleich vielen Christen von edlem Charakter und hohen Geistesgaben hat auch er sich das Studium seiner heiligen Schriften und die Abfassung von Büchern zu ihrer Erklärung und Auslegung als Lebensaufgabe gewählt; er hat sich diesem Beruf mit aller Liebe hingegeben und ist fest überzeugt, daß es keine törichte, nutzlose Zeitverschwendung, sondern die würdigste und ehrenvollste Beschäftigung ist, der er sich widmen kann. Dennoch gibt es viele Leute, welche jene Christen verehren und preisen, den Inder aber einen Narren schelten. Das tue ich nicht. Er besitzt meine vollste Hochachtung und die biete ich ihm nicht als etwas Gemeines und Alltägliches dar, sondern als eine große Seltenheit und Kostbarkeit. Die gewöhnliche Hochachtung und Ehrfurcht, wie sie gang und gäbe ist, kostet nichts. Ehrfurcht vor dem, was uns selbst heilig ist: vor Eltern, Religion, Gesetz, Vaterland, Achtung vor unsern eigensten Ueberzeugungen, sind uns so natürliche Gefühle, daß wir ohne sie ebensowenig leben könnten, wie ohne zu atmen. Das Atemholen rechnet man sich aber nicht als persönliches Verdienst an. Schwer und verdienstvoll ist dagegen eine andere Art der Ehrfurcht, nämlich die Hochachtung, die wir aus freien Stücken den politischen und religiösen Anschauungen eines Menschen zollen, obgleich sie nicht die unsrigen sind. Wir können seine Götter nicht anbeten und seine Politik nicht teilen – das erwartet auch niemand von uns; aber seinen Glauben an sie könnten wir doch achten, wenn es uns auch sauer wird; ja, wir könnten ihn selber achten, wollten wir uns rechte Mühe geben. Freilich, schwer ist es, ganz entsetzlich schwer, fast ein Ding der Unmöglichkeit, und deshalb versuchen wir es lieber gar nicht. Glaubt ein Mensch nicht wie wir glauben, so nennen wir ihn einen Toren, und dabei bleibt es. Das heißt in unsern Tagen, weil wir ihn jetzt nicht mehr verbrennen können.