Als wir von dem Gott in Benares Abschied nahmen und uns entfernten, trafen wir am Gartentor mit einer Gruppe von Eingeborenen zusammen, welche ehrerbietig warteten – ein Rajah, der aus einem entlegenen Teil Indiens kam und einige weniger vornehme Leute. Der Gott winkte sie zu sich heran, und im Hinausgehen sahen wir noch, wie der Rajah vor ihm kniete und demutsvoll seine heiligen Füße küßte.

Eine bequeme Eisenbahnfahrt von siebzehn und einer halben Stunde brachte uns nach Kalkutta, der Hauptstadt Indiens, die zugleich auch die Hauptstadt von Bengalen ist. Die Bevölkerung besteht wie in Bombay aus fast einer Million Eingeborenen und einer kleinen Zahl Weißer. Kalkutta ist eine riesengroße und schöne Stadt, man nennt es die Stadt der Paläste. Es ist reich an geschichtlichen Erinnerungen und reich an britischen Errungenschaften auf militärischem, politischem und kaufmännischem Gebiet. Man bekommt dort die Früchte des Wirkens der beiden großen Helden Clive und Hastings zu genießen, aber das 250 Fuß hohe Monument, welches man meilenweit in der Runde sieht, trägt den Namen Ochterlony. Mag man in Kalkutta sein wo man will, überall muß man an Ochterlony denken und sich den Kopf darüber zerbrechen, was das Denkmal wohl zu bedeuten hat. Gut, daß Clive nicht von den Toten zurückkommen kann, er würde sonst glauben, es sollte seinen Sieg bei Plassey verewigen und müßte zu seiner Kränkung erfahren, daß er sich geirrt hat. »Mit dreitausend Mann,« würde er sagen, »habe ich sechzigtausend bezwungen und das Reich gegründet, aber man hat mir kein Denkmal gesetzt. In der Schlacht bei Ochterlony hat der General vielleicht mit einem Dutzend Soldaten eine Billion Feinde geschlagen und die Welt errettet.«

Aber das ist nicht richtig. Ochterlony war ein Mann, keine Schlacht. Er hat dem Lande auch gute und ehrenhafte Dienste geleistet, wie hundert andere tapfere, rechtschaffene und hochbegabte Engländer. Indien ist ein fruchtbarer Boden, um Männer zu erzeugen, die groß sind im Kriege wie im Frieden und bescheiden bei all ihrer Größe. Daß man ihnen Denkmäler setzt, erwarten sie nicht; auch Ochterlony hat das schwerlich getan – wenigstens sicherlich nicht, ehe Clive und Hastings versorgt waren.

Wollte man in Indien jedem zum Lohn für ausgezeichnete Taten, treue Pflichterfüllung und fleckenlosen Lebenswandel ein Denkmal setzen, es würde der Gegend ein einförmiges Ansehen geben. Die Handvoll Engländer regieren die Myriaden Inder anscheinend mit Leichtigkeit und ohne daß irgend welche Reibung entsteht. Sie können das, weil sie richtigen Takt, Tüchtigkeit und treffliche Verwaltungskunst besitzen, welche von gerechten, freisinnigen Gesetzen unterstützt wird, und weil sie den Eingeborenen stets Wort halten, wenn sie ihnen ein Versprechen gegeben haben.

England liegt weit von Indien; man erfährt dort wenig von den großen Diensten, welche die indischen Beamten dem Lande leisten; denn der Ruhm wird durch Zeitungskorrespondenten verbreitet, und diese schickt England nicht nach Indien, sondern nach dem europäischen Festland, um über die Taten aller kleiner Fürsten und Herzöge Bericht zu erstatten, damit man weiß, wo sie auf Besuch sind und wen sie heiraten. Ein britischer Beamter kann oft dreißig oder vierzig Jahre in Indien gelebt haben und wegen seiner hohen Verdienste von einer Ehrenstufe zur andern gestiegen sein, bis er Vizekönig wird und ein großes Reich mit vielen Millionen Untertanen regiert. In jedem andern Lande wäre er ein berühmter Mann, aber, wenn er wieder nach England kommt, ist er im Grunde so gut wie unbekannt und zieht sich in ein bescheidenes Eckchen zurück. Erst nach seinem Tode liest man mit Staunen den Bericht über seine glänzende Laufbahn in irgend einer Londoner Zeitung.

In Kalkutta gab es viel zu sehen, aber wir hatten nur wenig Zeit dazu. Die von Clive erbaute Festung, der große botanische Garten, die Spazierfahrt der vornehmen Welt auf dem Maidan und eine glänzende Revue der Garnison nebst den Manövern der eingeborenen Soldaten, bei denen alle Waffengattungen große militärische Tüchtigkeit bewiesen und deren Schluß die Erstürmung eines indischen Forts bildete – das waren die Hauptsehenswürdigkeiten, die wir in Augenschein nahmen. Dann machten wir noch eine Lustfahrt auf dem Hugli und teilten unsere übrige Zeit zwischen geselligem Verkehr und dem indischen Museum. Letzteres ist eine wahre Schatzkammer für indische Altertümer, zu deren Besichtigung man mindestens einen Monat haben sollte; ja, ich könnte diese schönen und wunderbaren Dinge ein halbes Jahr lang ansehen, ohne daß sie ihren Reiz für mich verlieren würden.

Es war Winter in Kalkutta, ›kaltes Wetter‹, wie uns jedermann versicherte. Aber, wer an 138° im Schatten gewöhnt ist, hat kein Urteil über dergleichen. Jedenfalls war dies kalte Wetter zu warm für die Fremden, und wir brachen deshalb nach Dardschiling am Himalaja auf. Es ist eine Reise von vierundzwanzig Stunden.

Fünfzehntes Kapitel.

Es gibt 869 verschiedene Arten der Lüge; aber nur eine von allen ist ausdrücklich verboten: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.«

Querkopf Wilsons Kalender.