Aus dem Tagebuch. 14. Februar. Wir reisten nachmittags um 4.30 ab und fuhren bis zur Dämmerung durch tropische Vegetation; dann bestiegen wir ein Boot, das uns ans andere Ufer des Ganges brachte.


15. Februar. – Mit der Sonne aufgestanden. Ein strahlender, frostkalter Morgen. Doppelte Flanellunterkleider machen sich notwendig. Die Gegend ist vollständig eben und dehnt sich in verschwommenen Farben weiter und immer weiter, bis ins Unendliche aus. – Wie üppig, wie hoch und mächtig ist doch der Bambus mit seinem duftig zarten Laub! Wohin das Auge blickt, sieht man die baumartigen Gräser gleich riesigen Pflanzengeysern emporschießen, bis ihr grüner Sprühregen sich in der Ferne in Dunstwolken zu verwandeln scheint. Auch an Bananenfeldern kamen wir vorbei, wo der Sonnenschein die glasierte Oberfläche der großen niederhängenden Blätter streifte. Häufig sahen wir Palmenhaine und vereinzelte Exemplare dieser malerischen Familie, die eine wirkungsvolle Abwechslung in das Landschaftsbild brachten. An den hohen schlanken Stämmen hingen die Blätter zerrissen und zerfetzt umher, als wollte die Natur einen Regenschirm darstellen, der unversehens in einen Wirbelsturm geraten ist und es sich nicht merken lassen will. Und überall sahen wir im gedämpften Morgenlichte Dörfer auftauchen, zahllose Dörfer, die kein Ende nehmen wollten. Mit Stroh gedeckt, aus reinen, neuen Rohrmatten aufgebaut, lagen sie dichtgedrängt zwischen Palmengruppen und Bambusgräsern. In Abständen von kaum dreihundert Metern kamen immer neue dutzendweise zum Vorschein. Es war eine mächtige, viele hundert Meilen lange und breite Stadt, die aus lauter Dörfern bestand. Eine so ungeheure Stadt habe ich noch nie gesehen, es gibt keine zweite auf der ganzen Erde, und eine Einwohnerzahl hat sie, wie ein europäisches Königreich. Wir sahen diese Menschen auf beiden Seiten der Eisenbahn und vor uns, soweit das Auge reichte – eine endlose Menge nackter Gestalten. Meile auf Meile flogen wir dahin, aber immer waren sie da, auf beiden Seiten und vor uns, die braunen nackten Männer und Knaben, die auf den Feldern ackerten und pflügten. Wir gewahrten kein einziges Weib, kein Mädchen bei der Feldarbeit, während der ganzen zweistündigen Fahrt.

Wenn wir den armen Heiden die neueste Zivilisation bringen, sollten wir zugleich die Gelegenheit benützen, auch unsere Kultur durch einige ihrer barbarischen Sitten zu bereichern. Das Recht hierzu kann uns niemand bestreiten. Heben wir jene Völker auf eine höhere Stufe, so sind wir auch befugt, uns selbst mit ihrer Hilfe um neun oder zehn Grade aufwärts zu bringen. Vor Jahren verlebte ich einige Wochen in dem bayrischen Bade Tölz. Die Gegend ist katholisch, und nicht einmal in Benares ist die Bevölkerung so durch und durch religiös und so eifrig in ihrer Frömmigkeit, das erkennt man auf den ersten Blick. Damals schrieb ich in mein Tagebuch: »Gestern machten wir eine wunderschöne Spazierfahrt über Land; doch wurde mein Vergnügen durch den Anblick ehrwürdiger Großmütter mit grauen Haaren, die im Felde arbeiteten, sehr beeinträchtigt. Siebzig- und achtzigjährige Frauen mähten Korn, banden Garben oder luden das Heu auf den Wagen.«

An andern Orten in Bayern sah ich, wie Weiber schwere mit Bierfässern beladene Karren zogen. In Oesterreich fand ich oft eine Frau neben einer Kuh an den Pflug gespannt, den ein Mann führte. Ich sah ein altes gebücktes Weib, zusammen mit einem Hunde angeschirrt, einen beladenen Schlitten über gepflasterte und ungepflasterte Straßen ziehen, während der Fuhrmann, ein kräftiger Mensch von kaum dreißig Jahren, nebenher ging und seine Pfeife rauchte. Auch die Wäscherinnen in Frankreich kann ich nicht vergessen, die bei strömendem Regen und so naßkaltem Wetter, daß man keinen Hund hinausjagen würde, in ihrer gewöhnlichen Kleidung vor meinen Hotelfenstern in der Rhone wuschen, bis die Dunkelheit ihrer Arbeit ein Ende machte. Dann kam ein starker Bursche – vielleicht der Enkel der alten Großmutter – im sichern Schutz seines Regenschirms, trocken und wohlbehalten auf einem Eselwagen gefahren und befahl den Weibern in herrischem Ton, die sechs schweren Körbe mit nasser Wäsche aufzuladen, die ein Mann kaum von der Stelle gebracht hätte. Die bis auf die Haut durchnäßten Frauen gehorchten ohne Murren, und während der Franzose vom Wagen stieg und ins Wirtshaus ging, wo ich ihn später bei einer Flasche Wein sitzen sah, trabten sie geduldig heimwärts hinter dem Karren drein.

Doch ich kehre nach Indien zurück. Im Lauf des Nachmittags näherten wir uns dem Gebirge. Wir verließen den Hauptbahnzug und stiegen in eine Zweigbahn, die aus kleinen mit Leinwand gedeckten Wagen bestand, von denen jeder etwa für zwölf Personen Platz hatte. Wurden die Vorhänge aufgezogen, so saß man ganz im Freien, fühlte sich äußerst behaglich, konnte die frische Luft einatmen und sich nach allen Seiten umsehen. Es war eine Vergnügungsfahrt, nicht nur dem Namen nach, sondern in Wirklichkeit.

Nach einer Weile hielten wir an einem kleinen hölzernen Bahngebäude mitten im dichten Walde unter großen Bäumen, Gebüsch und Schlingpflanzen in der Nähe eines düstern Dschungels. Hier haust der bengalische Königstiger in großer Menge und benimmt sich sehr frech und rücksichtslos. Von der einsamen kleinen Station wurde einmal folgende Depesche an den Bahnhofsinspektor in Kalkutta abgesandt: »Ein Tiger frißt eben den Bahnwärter auf der vorderen Veranda. Telegraphieren Sie mir Verhaltungsmaßregeln.«

Ich ging dort zum erstenmal auf die Tigerjagd und tötete vierzehn Stück. Bald fuhren wir weiter, und der Zug klomm den Berg hinauf. An einer Stelle kamen sieben wilde Elefanten über die Schienen, aber zwei von ihnen liefen davon, ehe ich sie erreichen konnte. Die Fahrt im Gebirge beträgt vierzig Meilen und dauert acht Stunden. Sie sollte eine ganze Woche in Anspruch nehmen, weil sie so interessant, aufregend, wild und entzückend ist. Die tropische Vegetation war vollständig vertreten. Ich glaube der Dschungel enthielt Exemplare jeder seltenen oder merkwürdigen Baum- und Buschart, von der wir jemals gehört haben. Aus dieser Schatzkammer der Pflanzenwelt muß der ganze Erdball mit allen Gewächsen versehen worden sein, die für uns am köstlichsten und wertvollsten sind. Es ist reizend, wie sich der Weg fortwährend dreht und windet. Er führt bald unter hohen Felsenklippen hin und her, die in Laubwerk und Schlingpflanzen förmlich begraben sind, bald am Abhang unergründlich tiefer Schluchten entlang. Dabei begegnet man fort und fort endlosen Reihen malerisch aussehender Eingeborener, welche Lasten den Berg hinauftragen oder von ihrer Arbeit in den Teegärten droben zurückkehren. Einmal trafen wir auch auf einen Hochzeitszug im bunten Flitterstaat. Die hübsche, kindliche Braut guckte zwischen den Vorhängen ihres Palankins heraus und zeigte ihr Gesicht mit solchem Vergnügen, wie es nur junge und glückliche Menschen empfinden, wenn sie etwas Verbotenes tun.

Wir kamen allmählich bis zu den Wolken hinauf und schauten von unserer luftigen Höhe hernieder auf ein wunderbares Bild: Von Wolkenschatten gefleckt, mit glänzenden Strömen durchzogen, lag die indische Ebene vollkommen flach, aber weich und anmutig in der glühenden Hitze da. Gerade unter uns, tiefer und immer tiefer, bis zum Tal hinab, schob sich ein Gewirr kahler Bergspitzen durcheinander, über welche sich Straßen und Pfade, gleich mattgelben, schmalen Bändern, in zahllosen deutlich erkennbaren Krümmungen und Windungen schlängelten.

Als wir die Höhe von 6000 Fuß erreichten, umgab uns eine dichte Wolkenschicht, welche die übrige Welt vor unsern Blicken derart verhüllte, daß sie überhaupt nicht wieder zum Vorschein kam. Wir klommen nun noch 1000 Fuß höher, dann senkte sich der Weg und wir erreichten Dardschiling, das 6000 Fuß über der Ebene liegt.