Es gibt zwei Zeiten des Lebens, in denen der Mensch sich hüten sollte zu spekulieren: wenn seine Mittel es ihm nicht erlauben, und wenn sie es ihm erlauben.
Querkopf Wilsons Kalender.
Am Montag und Dienstag genossen wir bei Sonnenaufgang eine mittelgute Aussicht auf die großartige Gebirgslandschaft. Inzwischen hatten wir uns erfrischt und abgekühlt, so daß wir uns stark genug fühlten, es wieder mit der Hitze der unteren Welt aufzunehmen.
Wir fuhren mit dem gewöhnlichen Zug noch die fünf Meilen bis zum höchsten Punkt hinauf, um von da aus die 35 Meilen lange Rückfahrt anzutreten. Wir bestiegen eine kleine sechssitzige, mit Leinwand überspannte Draisine, welche die Größe eines Schlittens hatte und so niedrig war, daß sie den Boden zu berühren schien. Eine Lokomotive oder sonstige Triebkraft brauchte sie auf den abschüssigen Wegen nicht, nur eine starke Bremse, um ihre Fahrgeschwindigkeit zu mäßigen, und damit war sie versehen. Man erzählte uns von einer Unglücksfahrt, die der Generalleutnant von Bengalen einmal mit solcher Draisine gemacht hat: Der Wagen war aus den Schienen gekommen und hatte die Insassen in den Abgrund geschleudert. Zwar ist die Geschichte gänzlich erfunden, doch verfehlte sie ihre Wirkung auf mich nicht, denn sie machte mich ängstlich. Ein Mensch der Angst hat ist aber nicht schlafmützig, sondern munter und aufgeweckt; seine Spannung bei einem neuen und gewagten Unternehmen wird durch die Furcht wesentlich erhöht. Daß ein Unfall leicht möglich war, lag auf der Hand: ein kleiner Stein, der aus Zufall auf die Schienen geriet oder in böswilliger Absicht dorthin gelegt wurde, genügte, um den Wagen an irgend einer scharfen Biegung zu entgleisen und nach Indien hinunter zu befördern. War auch der Generalleutnant der Gefahr entgangen, so gab mir das noch keine Bürgschaft dafür, daß ich ebensoviel Glück haben würde. Als ich dastand und von meiner luftigen Höhe hinabsah auf das indische Kaiserreich, das 7000 Fuß unter mir lag, kam es mir doch recht unangenehm und halsbrecherisch vor, aus dem Wagen in eine solche Tiefe geschleudert zu werden.
Für mich war übrigens die Gefahr nicht groß. Wenn uns Unglück drohte, so befiel es jedenfalls Mr. Pugh, den Inspektor der indischen Polizei, unter dessen Schutz wir von Kalkutta heraufgekommen waren. Er hatte lange als Artillerieoffizier gedient, war nicht so ängstlich wie ich, und wollte uns, mit einem Ghurka und einem andern Eingeborenen, als Lotse in einer Draisine vorausfahren. Sahen wir seinen Wagen in den Abgrund stürzen, so brauchten wir nur so rasch wie möglich zu bremsen und uns nach einem andern Lotsen umzutun. Das war eine höchst zweckmäßige Einrichtung. Auch daß Mr. Barnard, der erste Ingenieur des Bergbezirks, die Leitung unseres Wagens übernahm, diente mir zu großer Beruhigung, denn er hatte die Fahrt schon sehr oft gemacht.
Anscheinend war alles sicher, nur ein Punkt blieb unentschieden: der fahrplanmäßige Zug sollte unmittelbar nach unserm Wagen abgelassen werden und konnte uns leicht über den Haufen rennen. Ich war im stillen überzeugt, es würde geschehen.
Vor uns fiel die Straße steil ab und wand sich dann wie ein Korkzieher, um Klippen und an Abgründen entlang, tiefer und immer tiefer hinunter. Eine steile Rutschbahn, die in endlosen Krümmungen abwärts führt, hätte nicht ungemütlicher aussehen können.
Jetzt ließ Mr. Pugh seine Flagge wehen und flog davon, wie der Pfeil vom Bogen, und ehe ich noch Zeit hatte, aus dem Wagen zu springen, fuhren wir ihm nach. Mich durchrieselte ein Schauer, wie ich ihn ähnlich nur bei meiner allerersten Schlittenfahrt von einem steilen Berggipfel empfunden habe. Der Atem verging mir, aber doch war es ein Gefühl himmlischer Lust, eine plötzliche ungeheuere Aufregung, eine Mischung von Todesangst und unaussprechlichem Entzücken, die für uns Menschen, glaube ich, die höchste Wonne auf Erden ist.
Wie eine Schwalbe im Flug über den Boden schießt, so glitt der Lotsenwagen den Berg hinunter; leicht, rasch und anmutig schwebte er auf den geraden Strecken dahin und überwand spielend alle Biegungen und Krümmungen. Wir jagten ihm nach und flogen mit Blitzesschnelle an Vorgebirgen und Klippen vorbei; zuweilen hatten wir ihn fast eingeholt – wir hofften schon, es würde uns gelingen. Aber der Lotse trieb nur seinen Scherz mit uns; kaum kamen wir ihm in die Nähe, so ließ er die Bremse los, der Wagen tat einen Satz um die Ecke, und wenn wir ihn ein paar Sekunden später wieder zu Gesicht bekamen, sah er nicht größer als ein Schubkarren aus, so weit war er entfernt. Auch wir machten uns einen ähnlichen Spaß mit dem Eisenbahnzug. Oft stiegen wir aus, um Blumen zu pflücken oder am Abgrund sitzend die Aussicht zu bewundern; dann hörten wir plötzlich ein dumpfes Brüllen, das immer lauter wurde, und sahen den Zug hinter und über uns in Schlangenwindungen heranstürmen. Wir brauchten jedoch erst abzufahren, wenn die Lokomotive dicht bei uns war – im Nu blieb sie weit dahinten. Sie mußte bei jeder Station Halt machen, und das gab uns immer wieder einen Vorsprung. Unsere Bremsvorrichtung war so ausgezeichnet, daß wir den Wagen auf dem steilsten Abhang augenblicklich zum Stillstand bringen konnten.
Das wunderschöne Landschaftsbild bot die großartigste Abwechslung, und wir hatten alle Muße es zu betrachten, ohne daß uns der Zug dabei hinderlich war. Brauchte er die Straße für sich, so bogen wir rasch in ein anderes Geleise, ließen ihn vorbeifahren, holten ihn dann später ein und stachen ihn unsererseits wieder aus. Einmal hielten wir an, um den Gladstone-Felsen zu betrachten, auf dem die Natur im Laufe der Jahrtausende ein sprechend ähnliches Bildnis des ehrwürdigen englischen Staatsmannes gemeißelt hat, das als Huldigung für ihn gerade rechtzeitig fertig geworden ist.