Wir sahen auch einen Banianen- oder Götzenbaum, welcher von seinen sechzig Fuß hohen Zweigen herab, säulenförmige Stützen zur Erde sandte; ganz wie der große, spinnebeinige Banianenbaum mit seiner Wildnis von Pflanzensäulen, den wir im botanischen Garten zu Kalkutta bewundert hatten. Auch ganz laublose Bäume fielen uns auf, deren zahllose Aeste und Zweige von einer Unmenge feurig leuchtender Schmetterlinge bedeckt schienen. Es waren aber in Wirklichkeit Blüten, welche scharlachroten Schmetterlingen täuschend ähnlich sahen.

Als wir einige Meilen bergab gefahren waren, machten wir Halt, um eine tibetanische Theatervorstellung mit anzusehen, welche am Bergabhang unter freiem Himmel stattfand. Die Zuhörerschaft bestand aus Ghurkas, Tibetanern und andern absonderlichen Leuten. Ebenso fremdartig wie das Stück selbst, waren auch die Kostüme der Darsteller. Sie traten einer nach dem andern vor und begannen sich mit ungeheuerer Kraft und Schnelligkeit im Kreise zu drehen, was von den übrigen mit furchtbarem Lärm und Getöse begleitet wurde. Zuletzt wirbelte die ganze Truppe wie der Wind tanzend und singend umher und wühlte den Staub auf. Es war ein altes, berühmtes, geschichtliches Schauspiel, das die Leute aufführten; ein Chinese erklärte es mir auf Pidgin-Englisch, während es vor sich ging. Das Stück war schon ohne die Erklärung unverständlich genug, aber durch diese wurde sein Sinn erst recht dunkel. Als Drama mochte das alte, historische Kunstwerk wohl seine Mängel haben, aber betrachtete man es als wilde, barbarische Darstellung, so spottete es jeder Kritik.

Weiter abwärts stiegen wir wieder aus, um zu beobachten, welche merkwürdige Schleife die Bahn hier macht. Als der Zug in die Kurve einbog, sahen wir die Lokomotive unter der Brücke verschwinden auf der wir standen, gleich darauf kam sie wieder zum Vorschein und jagte ihrem eigenen Schwanze nach; sie erreichte ihn, überholte ihn, lief an den letzten Wagen vorbei und begann nun ein Wettrennen mit dem hintern Ende des Zuges. Es kam mir vor wie eine Schlange, die sich selber auffrißt.

Auf halber Höhe des Berges hielten wir eine Stunde Rast in Mr. Barnards Hause und nahmen Erfrischungen ein. Während wir auf der Veranda saßen und durch eine Lichtung des Waldes nach dem fernen Gebirgspanorama hinüberblickten, hätten wir fast gesehen, wie ein Leopard ein Kalb zerriß, (er hatte es tags zuvor getan). Es ist eine wilde, reizende Gegend. Ringsum in den Wäldern ertönte Vogelgesang, auch ein paar Vögel, die mir damals noch unbekannt waren, ließen ihr Lied erschallen: der Gehirnteufel und der Kupferschmied. Der Gehirnteufel fängt leise an zu singen, aber sein Ton wird beständig lauter und lauter, er steigt in spiralförmigen Windungen in die Höhe, immer schärfer, immer schneidender, quälender, schmerzhafter, unleidlicher, aufdringlicher, unerträglicher; zum Wahnsinn treibend, bohrt er sich tiefer und tiefer in des Hörers Kopf, bis zuletzt bei ihm eine Gehirnentzündung eintritt, die den Tod zur Folge hat. Ich bringe einige dieser Vögel mit nach Amerika, wo sie ohne Zweifel großes Aufsehen erregen werden; man glaubt, daß sie sich in unserm Klima so rasch vermehren lassen, wie die Kaninchen.

Der Gesang des Kupferschmieds klingt in gewisser Entfernung wie Hammerschläge auf Granitgestein; geht man weiter, so nimmt das Hämmern einen metallischen Klang an, man meint, der Vogel bessere einen Kupferkessel aus. In noch größerer Entfernung klingt es zwar auch laut und kräftig, aber ganz als würden Fässer verspundet; merkwürdigerweise tönt das Klopfen in nächster Nähe sanft und melodisch, doch hört es gar nicht auf und wird zuletzt so einförmig, daß man aus der Haut fahren möchte; man fühlt sich unsäglich elend, der Kopf schmerzt einem zum Zerspringen und man verliert den Verstand. Auch diesen Vogel nehme ich mit und will ihn bei uns einbürgern.

Neu gestärkt stiegen wir wieder in die Draisine und fuhren weiter den Berg hinunter; bald flogen wir, bald machten wir Halt, bis wir die Ebene erreichten und in den gewöhnlichen Personenzug nach Kalkutta einstiegen. Das war der genußreichste Tag, den ich auf Erden verlebt habe. Es gibt kein himmlischeres, aufregenderes, entzückenderes Vergnügen, als eine Fahrt in der Draisine vom Himalaja hinunter. Nichts, gar nichts läßt der wonnevolle Ausflug zu wünschen übrig, außer daß er statt fünfunddreißig Meilen mindestens fünfhundert Meilen lang sein möchte.

Siebzehntes Kapitel.

Gib deine Illusionen nicht auf. Hast du sie verloren, so magst du zwar noch dein Dasein fristen, aber leben im eigentlichen Sinne kannst du nicht mehr.

Querkopf Wilsons Kalender.

So weit ich es beurteilen kann, hat sich der Mensch mit der Natur um die Wette bemüht, Indien zu dem merkwürdigsten Lande zu machen, welches die Sonne bescheint. Unter all seinen Wundern habe ich bis jetzt eines noch unerwähnt gelassen, nämlich den großen Reichtum an blutgierigen Raubtieren, den es besitzt.