Seit vielen Jahren ist die britische Regierung unausgesetzt bemüht gewesen, die gefährlichen wilden Tiere in Indien auszurotten. Sie hat es sich große Summen Geldes kosten lassen, doch kann man aus den jährlich von ihr veröffentlichten Listen ersehen, wie schwierig das Unternehmen ist.

Diese amtlichen Berichte weisen eine ganz ähnliche Gleichförmigkeit auf, wie die statistischen Angaben über die Todesfälle und Todesarten in den Hauptstädten der Welt. Man braucht sich nur mit der betreffenden Statistik der letzten Jahre vertraut zu machen, um fast genau vorhersagen zu können, wie viele Menschen in London, Paris oder New York nächstes Jahr durch Selbstmord enden oder an der Schwindsucht, dem Krebs, der Tollwut sterben, wie viele aus dem Fenster fallen oder von Droschken überfahren werden. So läßt sich auch im indischen Reich mit Sicherheit aus den Verzeichnissen früherer Jahre schließen, wie viele Leute durch Bären, Wölfe oder Tiger im laufenden Jahre umkommen oder wie viele dieser Bestien von der Regierung erlegt werden. Ja man kann diese Zahlen mit ziemlicher Genauigkeit auf fünf Jahre im voraus berechnen.

Mir liegt ein statistisches Verzeichnis aus sechs aufeinander folgenden Jahren vor, aus dem sich ergibt, daß der Tiger in Indien alljährlich 800 und einige Personen tötet und die Regierung doppelt so viele Tiger. In sechs Jahren hat der Tiger 5000 Menschen weniger 50 umgebracht und die Regierung 10 000 Tiger weniger 400.

Der Wolf tötet etwa 700 Personen im Jahr, und 5000 von seinem Stamme fallen dafür zum Opfer; der Leopard bringt durchschnittlich 230 Leute um, verliert aber 3300 Anverwandte, und dem Bären kosten die 100 Personen, die er im Jahre tötet, 1250 seiner eigenen Familie.

Den gewaltigsten Kampf mit dem Menschen besteht jedoch der Elefant, der König des Dschungels; er verliert jährlich vier von seiner Genossenschaft, rächt sich aber durch den Tod von 45 Personen. Tiere bringt der Elefant nur wenige um, vielleicht 100 in sechs Jahren, meist die Pferde der Jäger; in demselben Zeitraum tötet der Tiger mehr als 84 000 Stück Vieh, der Leopard 100 000, der Bär 4000, der Wolf 70 000, die Hyäne mehr als 13 000, andere Raubtiere 27 000 und die Schlangen 19 000, was die großartige Gesamtsumme von 300 000 oder durchschnittlich 50 000 Stück im Jahr ausmacht. – Die Regierung vertilgt während der nämlichen Zeit 3 201 234 Raubtiere und Schlangen. Zehn für eins.

Die Schlangen töten viel lieber Menschen als Tiere, und es wimmelt in Indien von gefährlichen Giftschlangen. Die schlimmste, die es überhaupt gibt, ist die Kobra; gegen sie erscheint die Klapperschlange als das harmloseste Geschöpf von der Welt. Bei meinen statistischen Ermittelungen bin ich zu dem Ergebnis gelangt, daß die Raubtiere in sechs Jahren 20 000 Personen töteten und die Schlangen 103 000. In demselben Zeitraum vertilgt die Regierung 1 073 546 Schlangen. Es bleiben noch immer genug übrig.

In Indien schwebt man beständig in Todesgefahr und kommt oft nur knapp mit dem Leben davon. In jenem Dschungel, wo ich so viele Elefanten und sechzehn Tiger erlegt habe, wurde ich von einer Kobra gebissen; die Wunde heilte jedoch wieder, was alle Welt in Erstaunen setzte. So etwas kommt in zehn Jahren höchstens einmal vor. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge wäre schon nach einer Viertelstunde der Tod eingetreten.


Von Kalkutta aus verfolgten wir bei unserer Fahrt durch Indien eine Art Zickzackweg in nordwestlicher Richtung. Wir fuhren durch lange Strecken, die wie ein einziger Garten aussahen: viele Meilen weit war alles mit den schönen Blumen bedeckt, aus deren Saft das Opium bereitet wird, und bei Muzaffurpore gerieten wir mitten in die Indigokultur. Eine Zweigbahn sollte uns in der Nähe von Dinapore an den Ganges bringen, doch sie hielt an jedem Dorfe an, ohne daß jemand einstieg oder Fracht verladen wurde; überall schwatzten die Eingeborenen wer weiß wie lange mit ihren Freunden, die Zeit verstrich, und wir machten uns schon darauf gefaßt, statt sechs Stunden, eine Woche unterwegs zu bleiben. Da beschlossen die englischen Offiziere, diese Schneckenbahn in einen Schnellzug umzuwandeln. Sie gaben dem Lokomotivführer eine Rupie, und das Mittel half. Es ging nun wie der Wind; der Zug machte neunzig Meilen in der Stunde. Im Morgengrauen fuhren wir über den Ganges und erreichten noch glücklich unsern Anschluß. Bald waren wir wieder in Benares, und nach einem vierundzwanzigstündigen Aufenthalt an diesem merkwürdigen Hauptsitz der Frömmigkeit, setzten wir unsere Reise nach Lucknow fort, wo die Engländer während des indischen Aufstands im Jahre 1857 die großartigsten Beweise von Mut und Standhaftigkeit gegeben haben, welche die britische Geschichte jemals zu verzeichnen hatte.

Die Hitze war unbeschreiblich, alles Gras auf der weiten Ebene versengt und verdorrt von der glühenden Sonne, der Boden mit gelblichem Staub bedeckt, der in Wolken durch die Luft wirbelte. Aber zu jener Schreckenszeit, als die Entsatztruppen nach dem belagerten Lucknow marschierten, herrschte noch eine ganz andere Temperatur – 138 Grad Fahrenheit im Schatten.