Es scheint jetzt eine ausgemachte Sache zu sein, daß eine der Hauptursachen des Aufstandes die Besitzergreifung des Königreichs Oudh durch die Ostindische Kompagnie war, eine Tat, welche Sir Henry Lawrence »die größte Ungerechtigkeit« nennt, »die je verübt worden ist«. – Schon im Frühling 1857 machte sich ein aufrührerischer Geist in vielen eingeborenen Regimentern bemerkbar, der mit jedem Tag weiter um sich griff. Die jüngeren Offiziere nahmen die Sache sehr ernst; sie hätten den Ungehorsam gern sofort im Keime erstickt, doch fehlte ihnen die nötige Machtbefugnis. Die höheren Militärs waren meist bejahrte Männer, die längst nicht mehr hätten im aktiven Dienst sein sollen. Sie legten den etwaigen mißlichen Vorkommnissen wenig Wert bei, da sie große Stücke auf die eingeborenen Truppen hielten und nicht glaubten, daß diese sich durch irgend welche Umstände zur Empörung treiben lassen würden. Lächelnd hörten die Greise das unterirdische Grollen des Vulkans, auf dem sie standen und meinten, es habe nichts zu bedeuten.

So hatten denn die Anstifter des Aufstandes völlig freie Hand. Ungehindert zogen sie von einem Lager zum andern, schilderten den eingeborenen Soldaten, wie ungerecht die Bedrückung des Volks durch die Engländer sei und fachten unversöhnlichen Groll und Rachedurst in allen Herzen an. Sie wurden überdies in ihrem Vorhaben durch zweierlei sehr wesentlich unterstützt: Zu Clives Zeiten waren die eingeborenen Truppen nur ungeordnete, schlecht bewaffnete Haufen gewesen, gegen welche die gutgeschulten englischen Soldaten, trotz ihrer Minderzahl, leichtes Spiel gehabt hatten. Jetzt bestand fast die ganze britische Kriegsmacht aus eingeborenen Regimentern, die wohlgeübt, trefflich bewehrt und von den Briten selbst in der Kriegführung unterrichtet waren; sie hatten alle Macht in Händen, denn die wenigen englischen Bataillone, über welche Indien verfügte, waren im ganzen Lande zerstreut. Noch größeren Einfluß auf die unzufriedenen Gemüter übte aber eine alte Prophezeiung, welche besagte, daß genau hundert Jahre nach der Schlacht, durch welche Clive das Reich gegründet hatte, die Macht der Briten in Indien von den Eingeborenen zerstört und ihrer Herrschaft ein Ende gemacht würde. Die eingeborenen Truppen hatten im allgemeinen eine heilsame Furcht vor den englischen Soldaten und würden vielleicht allen Ueberredungskünsten der Aufwiegler widerstanden haben, aber einer Prophezeiung vermag kein Inder sein Ohr zu verschließen.

Der indische Aufstand brach am 10. Mai 1857 zu Mirat aus und hatte eine lange Reihe von Greueltaten im Gefolge. Nana Sahibs Niedermetzelung der wehrlosen Besatzung nach der Uebergabe von Cawnpore fand im Juni statt, und dann begann die lange Belagerung von Lucknow. England hat eine alte, ruhmvolle Kriegsgeschichte hinter sich, aber in keinem Abschnitt derselben erscheint es uns größer, als bei der Unterwerfung des Aufstandes. Die Briten wurden sozusagen im Schlafe überfallen; sie waren unvorbereitet und zählten nur wenige Tausend in einem Meer von feindlichen Völkerschaften. Monate mußten vergehen, bis die Nachricht England erreichte und Hilfe kam. Aber die tapfern Offiziere verloren keinen Augenblick durch Zaudern und Schwanken. Mit heldenhafter Entschlossenheit und Hingebung leisteten sie Widerstand gegen die erdrückende Uebermacht und führten den scheinbar völlig aussichtslosen Kampf zum glänzenden Siege.

Ich habe alle denkwürdigen Orte besucht, welche damals Zeugen der entsetzlichsten Schreckensszenen und des größten Heldenmutes gewesen sind; auch das kostbare Denkmal über dem Brunnen in Cawnpore habe ich gesehen, in welchen Nana Sahib die verstümmelten Leichen der hingemordeten Frauen und Kinder werfen ließ. Das Andenken an die furchtbaren Leiden und Großtaten jener Zeit wird von den Nachkommen heilig gehalten und in treuer Erinnerung bewahrt.

In Agra und später in Dehli sahen wir viele Forts, Moscheen und Grabmäler aus der Glanzzeit der mohammedanischen Kaiserherrschaft, welche an Größe, Pracht und Reichtum alles übertrafen, was die übrige Welt in dieser Beziehung zu bieten vermag. Die Kostbarkeit des Baumaterials und der Ausschmückung machen sie zu Wunderwerken ersten Ranges. Zum Glück hatte ich noch nicht viel darüber gelesen und folglich auch meine Phantasie nicht übermäßig erhitzt; ich konnte einen natürlichen und vernünftigen Maßstab anlegen und mich durch den herrlichen Anblick innerlich ergreifen, beglücken und erheben lassen, ohne Trauer und Enttäuschung zu empfinden.

Ich will ihre Pracht und Schönheit nicht eingehend beschreiben; nur von einem dieser weltbekannten Bauwerke, dem berühmtesten von allen, dem Tadsch Mahal bei Agra möchte ich noch ein Wort sagen. Ich hatte mich im voraus viel zu viel mit den verschiedenen literarischen Ergüssen über den Tadsch beschäftigt. Jetzt sah ich ihn bei Tage und sah ihn im Mondlicht, von nah und von ferne; ich wußte, daß er ein Weltwunder war und seinesgleichen weder auf Erden hatte noch jemals haben würde – aber mein Tadsch war es nicht. Meinen Tadsch hatte ich mir nach den Phantasiegebilden einer Schar leicht erregbarer Literaten erbaut, und er hatte sich so fest in meinem Kopfe eingenistet, daß er durch nichts wieder herauszubringen war.

Wie hatten mir diese Schriftsteller aber den Tadsch geschildert? – Ich will nur einige Auszüge wiedergeben: »Die innere Ausschmückung,« heißt es, »besteht aus kostbaren Steinen, Achat, Jaspis und dergleichen, mit denen jede vorspringende Stelle geschmückt ist – in dekorativer Beziehung steht der Tadsch einzig in der Welt da – er bildet die Grenze, wo die Baukunst aufhört und die Juwelierarbeit beginnt – der Tadsch besteht ganz aus Marmor und Edelsteinen – er ist mit reicher Mosaikarbeit aus Juwelen verziert, welche köstliche Blumenmuster bildet – der Tadsch ist ein Kunstwerk von vollendeter Schönheit – ein Mausoleum von ungeheuerer Größe – ein Marmor-Wunder mit Blumen aus Edelgestein u. s. w. –«

Das ist alles wahr und richtig. Auch wissen die Schriftsteller selbst recht gut, wie es gemeint ist, denn sie kennen den Wert ihrer Worte. Der Leser aber faßt diese ganz anders auf. Er nimmt seine Einbildungskraft zu Hilfe, und ehe er sich’s versieht, erhebt sich vor seinen Blicken ein über und über mit Juwelen bedeckter Tadsch, so hoch wie das Matterhorn.

Es ist mit solchen Beschreibungen ein eigenes Ding; sie stimmen zwar mit der Wahrheit überein, aber doch dienen die Worte meist nur dazu, die Tatsachen zu verdunkeln.

Als ich den Niagarafall zum erstenmal sah, schaute ich gen Himmel, denn ich erwartete einen mindestens sechzig Meilen breiten und sechs Meilen hohen Wassersturz zu erblicken – ein Atlantischer Ozean sollte sich meiner Meinung nach von einem Gipfel so hoch wie der Himalaja ergießen. Als ich statt dessen die kleine nasse Schürze gewahrte, die man zum Trocknen aufgehängt hatte, überwältigte mich die spielzeugartige Wirklichkeit dergestalt, daß ich auf der Stelle in Ohnmacht fiel.