Wir Menschen lieben persönliche Auszeichnung – dort im Kloster gibt es nichts dergleichen. Wir sind wählerisch in betreff der Speisen – die Mönche erhalten Bohnen, Brot und Tee und nicht einmal genug um sich satt zu essen. Wir betten uns gern weich – sie liegen auf Sandmatratzen und haben zwar ein Kissen und eine Decke, aber keine Leintücher. Bei Tische lachen und plaudern wir gern in Gesellschaft von Freunden – hier liest ein Mönch während der Mahlzeit laut aus einem frommen Buche vor und niemand spricht ein Wort. Wenn wir mit vielen Gefährten zusammen sind, so machen wir uns einen lustigen Abend und gehen spät zur Ruhe; hier begeben sich alle schweigend um acht Uhr zu Bett und obendrein im Dunkeln; sie brauchen nur die lose, braune Kutte abzulegen, da wäre ein Licht ganz unnötig. Wir schlafen gern in den Tag hinein – hier stehen die Mönche nachts zweimal auf zum Gottesdienst und gehen um zwei Uhr morgens an ihr Tagewerk. Wir wünschen uns leichte Arbeit oder gar keine – hier wird den ganzen Tag auf dem Felde geschafft oder in der Schmiede und andern Werkstätten, wo man Sattler-, Schuhmacher-, Tischlerarbeit und dergleichen betreibt. Wir lieben die Gesellschaft von Frauen und Mädchen – die fehlt hier gänzlich. Wir sind gern von unsern Kindern umringt und scherzen und spielen mit ihnen – Kinder gibt es hier nicht. Es ist kein Billardtisch vorhanden, man hat keine Spiele im Freien, weder Konzert noch Theater, noch gesellige Freuden. Auch das Wetten ist hier verboten; wer in Zorn gerät darf seinen Aerger nicht am ersten besten auslassen, der ihm gerade in den Weg kommt; man darf sich kein Lieblingstier halten. Nicht einmal das Rauchen ist gestattet. Weder Tageblätter noch Zeitschriften werden hier gelesen. Wenn wir fern von der Heimat sind, möchten wir wissen, wie es unsern Eltern und Geschwistern ergeht und ob sie sich nach uns sehnen – hier erfährt man das nicht. Wir lieben freundliche Wohnungen, eine gefällige Einrichtung, hübsche Möbel, allerlei niedliche Sächelchen und schöne Farben – hier ist alles kahl, armselig und düster. Was wünscht sich der Mensch nicht alles – führt die Liste selbst weiter fort! – Aber was ihr auch nennen mögt, in diesem Kloster ist es nicht zu finden.

Und zum Lohn für alle diese Entbehrungen kann man dort weiter nichts erwerben, wie mir gesagt wurde, als die Rettung seiner Seele.

Es ist wirklich höchst sonderbar und unbegreiflich. Aber La Trappe kannte, wie gesagt, das Menschengeschlecht und den mächtigen Reiz, der in diesem reizlosen Dasein lag. Er wußte, daß auf manche Leute ein solches Leben um so größere Anziehungskraft übt, je abstoßender und unbehaglicher es ist.

Das Mutterkloster wurde vor fünfzehn Jahren von deutschen Mönchen gegründet, die arm und fremd waren und keine Unterstützung fanden; jetzt besitzt es 15 000 Morgen Land, baut Korn, Obst und Wein und betreibt alle möglichen Gewerbe. In seinen Werkstätten werden eingeborene Lehrlinge in den verschiedensten Handwerken unterrichtet, mit denen sie sich nach der Entlassung ihr Brot verdienen können, auch lehrt man sie Lesen und Schreiben. Elf Zweiganstalten des Klosters sind in ganz Südafrika verbreitet, in denen 1200 eingeborene Knaben und Mädchen christlich erzogen und zu tüchtigen Handwerkern ausgebildet werden. Von dem Wirken der protestantischen Mission unter den Heiden hat man in den kaufmännischen Kreisen der weißen Kolonisten meist keine hohe Meinung; ihre Zöglinge tragen den Spitznamen ›Reis-Christen‹, womit ungelernte Müßiggänger gemeint sind, die sich nur um äußerer Vorteile willen in die Kirche aufnehmen lassen. An der Tätigkeit dieser katholischen Mönche wird sich aber schwerlich etwas aussetzen lassen, und ich glaube, es hat auch noch niemand gewagt, sich abfällig darüber zu äußern.


Dienstag 12. Mai. – Die Transvaal-Politik ist in große Verwirrung geraten. Zuerst jagte die schwere Verurteilung der Johannesburger Rädelsführer England einen großen Schrecken ein. Unmittelbar nachher veröffentlichte Krüger die Korrespondenz in Chiffreschrift, aus welcher hervorgeht, daß der Einfall in Transvaal von Cecil Rhodes und Beit mit der Absicht geplant worden ist, sich des Landes zu bemächtigen, um es dem englischen Reich einzuverleiben. Dies brachte einen Umschwung in den Gefühlen Englands hervor und entfesselte einen Sturm der Entrüstung gegen Rhodes und die Chartered Company, weil sie der britischen Ehre zu nahe getreten seien.

Lange war ich außer stande klug aus der Sache zu werden – sie war mir zu verwickelt. Aber endlich glaube ich durch Geduld und Nachdenken doch dahinter gekommen zu sein: Soviel ich verstehe, waren die Uitlanders und die andern Holländer unzufrieden, weil die Engländer ihnen nicht gestatteten an der Regierung teil zu nehmen, nur ihre Steuern durften sie bezahlen. Da geschah es, daß Dr. Krüger und Dr. Jameson, denen ihr ärztlicher Beruf nicht genug einbrachte, in das Matabeleland einfielen mit der Absicht, die Hauptstadt Johannesburg zu erobern und Frauen und Kinder als Geißeln gefangen zu halten, bis die Uitlanders und andere Buren ihnen und der Chartered Company die politischen Rechte zugestehen wollten, die man ihnen bisher vorenthalten hatte. Dieser kühne Plan wäre sicherlich gelungen, hätten sich nicht Cecil Rhodes, Mr. Beit und andere Häuptlinge der Matabele eingemischt und ihre Landsleute aufgereizt sich zu empören und Deutschland den Gehorsam aufzusagen. Nun stachelte letzteres wieder den König von Abessynien auf, die italienische Armee zu vernichten und Johannesburg zu überfallen. Das alles hatte Cecil Rhodes aber angestiftet, um die Aktien in die Höhe zu treiben.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Man soll des Buren Fell nicht verkaufen, man fange ihn denn zuvor.

Querkopf Wilsons Kalender.