Abends. – Um vier Uhr nachmittags herrscht drückende Schwüle; eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang zieht man den Sommerüberzieher an, um acht Uhr den Wintermantel. Daß Durban eine hübsche, saubere Stadt ist, sieht der Fremde von selbst, man braucht ihn nicht darauf aufmerksam zu machen. – Die Rickschas werden von prächtig gewachsenen schwarzen Zulus gezogen, mit so überschüssiger Kraft, daß es ein wahres Vergnügen ist ihnen zuzusehen. Gutmütige Menschen – wie sie lachen und ihre Zähne zeigen! Die Stunde kostet für eine Person 2 Schilling, für zwei Personen 3; jede Fahrt drei Pence für die Person. Ein Rickscha-Mann darf nicht trinken.
Die Polizei besteht nur aus heidnischen Zulus; christliche werden nicht angestellt. Nach dem Abendläuten darf kein Eingeborener ohne Paß ausgehen. In Natal kommen auf einen Weißen zehn Schwarze. Die Weiber sind handfeste, rundliche Gestalten. Sie kämmen ihre Wolle auf dem Kopf in die Höhe und machen sie mit rotbraunem Lehm steif, daß sie stehen bleibt. Ist dieser Turm bis zur Hälfte gefärbt, so bedeutet es Verlobung; die verheiratete Frau färbt ihn ganz.
9. Mai. – Gestern machte ich mit Bekannten eine Ausfahrt. Sehr schöne Straßen über die Hügel, von wo man einen herrlichen Blick auf die ganze Stadt, den Hafen und das Meer genießt. Ueberall Wohnhäuser, von grünem Rasen und Buschwerk umgeben; hie und da bildet die brennend scharlachrote Euphorbia einen scharfen Gegensatz zu dem saftigen Grün ringsum; Kaktusbäume der verschiedensten Art in Kandelaberform und einer, dessen Zweige so verrenkt und gekrümmt sind, daß sie aussehen wie lauter graue, sich windende Schlangen. Auf allen Seiten sieht man eine Menge der prächtigsten, uns völlig unbekannten Bäume, einige mit so dichtem, dunkelgrünem Laub, daß sie sofort ins Auge fallen, trotz der vielen Orangenbäume daneben. Ein Baum hat wunderschöne rote, aufrechtstehende Büschel, die zwischen seiner grünen Blätterpracht leuchten wie feurige Kohlen. Auch Gummibäume sind da, und ein paar hochgewachsene Norfolktannen strecken ihre grünen Wedel himmelan, dann kommt wieder hohes Bambusgebüsch. Ich sah nur einen Vogel; sie sind hier selten und singen nicht. Die Blumen haben wenig Duft, sie wachsen zu schnell. Nirgends habe ich eine so große Mannigfaltigkeit der herrlichsten Bäume gesehen wie hier, außer in der Nähe von Dardschiling im Himalaja. Vermutlich ist Natal der Garten von Südafrika, aber ich habe noch niemand dies Land so nennen hören.
Colenso war Bischof von Natal, als er durch seine Schriften einen solchen Sturm in der theologischen Welt erregte. Noch jetzt sind alle religiösen Angelegenheiten hier von großer Wichtigkeit. Die Sonntagsruhe wird eifersüchtig bewacht. Museen und dergleichen gefährliche Vergnügungsorte sind geschlossen. Eine Fahrt auf der Bai ist gestattet, aber das Cricketspiel gilt für sündhaft. Eine Zeitlang fanden Sonntags-Konzerte statt, bei denen kein Eintrittsgeld bezahlt wurde, sondern der Klingelbeutel herum ging. Dadurch kam jedoch so beunruhigend viel zusammen, daß man die Sache wieder eingehen ließ. In betreff der Säuglinge ist man sehr streng. Ein Geistlicher verweigerte einem Kinde das kirchliche Begräbnis, weil es nicht getauft worden war. Da ist der Hindu weitherziger. Er verbrennt kein Kind unter drei Jahren, weil er glaubt, daß es noch nicht der Läuterung bedarf.
Zwei Stunden von Durban entfernt liegt ein großes Trappisten-Kloster, das ich in Gesellschaft von Mr. Milligan und Mr. Hunter, dem Generalinspektor der Staatseisenbahnen von Natal, in Augenschein nahm. Die beiden Herren kannten die Vorsteher des Klosters.
Es war wirklich alles da, was man für so unglaublich hält, wenn man es in Büchern liest: die harte Arbeit, das Aufstehen zu unmöglichen Stunden, die karge Nahrung, das grobe Gewand, das harte Lager, das Verbot der menschlichen Rede, des geselligen Verkehrs, der Gegenwart irgend eines weiblichen Wesens, jeder Erholung, Abwechslung und Unterhaltung. Alles wurde durchgeführt – es war kein Traum, keine Lüge. Aber selbst wenn man die Tatsache leibhaftig vor sich hatte, blieb sie ebenso unerklärlich. Es streitet zu sehr gegen die Natur, die Individualität des Menschen so gänzlich zu unterdrücken.
Wie mag La Trappe nur herausgefunden haben, daß es Menschen gibt, die in solchem Elend einen Genuß finden? Hätte er mich oder dich um Rat gefragt, wir würden ihm versichert haben, daß sein Plan zu sehr aller Reize entbehrte und niemals verwirklicht werden könnte. Aber, da steht das Kloster und liefert den Beweis, was für ein Menschenkenner La Trappe gewesen ist. Er hat alles aus dem Leben verbannt, was das Herz wünscht und begehrt, und dennoch hat der Erfolg seit zweihundert Jahren sein Werk gekrönt und es wird ohne Zweifel auch ferner blühen und gedeihen.