Auch in ihrem Urzustand sind die Diamanten wunderhübsch anzusehen; sie haben verschiedene Formen, eine glatte Oberfläche und abgerundete Ränder, niemals scharfe Ecken. Es gibt Diamanten in allen Farben und Schattierungen, vom klarsten Weiß des Tautropfens bis zum wirklichen Schwarz; die meisten sind hell und strohfarben. Wenn sie so glatt und rund, so durchsichtig und schillernd daliegen, meint man einen Haufen Fruchtbonbons zu sehen. Mir schien, als müßten diese rohen Edelsteine weit schöner sein als geschliffene. Erst als eine Sammlung geschliffener Diamanten hereingebracht wurde, erkannte ich meinen Irrtum. Einem Rosen-Diamanten mit natürlichem Farbenspiel läßt sich an Schönheit nichts vergleichen, außer ein Ding, das ganz und gar nicht kostbar ist und ihm doch täuschend ähnlich sieht. Das ist vom Sonnenlicht durchglühtes Meerwasser, dessen Wellen den weißen Ufersand bespülen.
Noch vor Mitte Juli kamen wir nach Kapstadt, dem Endpunkt unserer Reise in Afrika. Nun waren wir ganz befriedigt, denn als wir den hohen Tafelberg über uns thronen sahen, wußten wir, daß wir alle großen südafrikanischen Sehenswürdigkeiten in Augenschein genommen hatten, außer Cecil Rhodes. – Ich weiß wohl, das ist keine unbedeutende Ausnahme. Denn mag nun Mr. Rhodes der erhabene und verehrungswürdige Patriot und Staatsmann sein, für welchen ihn viele halten, oder der Teufel in Menschengestalt, für den ihn die übrige Welt ansieht, jedenfalls ist er die imposanteste Persönlichkeit im britischen Reich, außerhalb Englands: Wenn er auf dem Kap der Guten Hoffnung steht, fällt sein Schatten bis zum Zambesi. Er ist der einzige Kolonist in den britischen Besitzungen, dessen Kommen und Gehen allerwärts auf der Erde besprochen und verzeichnet wird, dessen Reden das Kabel unverkürzt nach allen Enden der Welt entsendet und der einzige Ausländer von nicht königlichem Geblüt, dessen Ankunft in London ebenso viel Aufsehen macht, wie eine Sonnenfinsternis.
Daß er kein Findelkind des Glückes, sondern ein außerordentlicher Mensch ist, leugnen auch seine liebsten südafrikanischen Feinde nicht, soweit mir ihr Zeugnis bekannt ist. Die ganze Welt Südafrikas – Freund wie Feind – sieht mit ehrfurchtsvollem Schauer zu ihm empor. Dem einen Teil erscheint er als Bote Gottes, dem andern als ein Abgesandter des Satans; das Volk ist sein Eigentum, mit einem Hauch kann er es beglücken oder ins Verderben stürzen; viele beten ihn an, viele verabscheuen ihn, aber kein kluger Mann wagt ihm zu fluchen, und selbst die Unvorsichtigen tun es nur in leisem Flüsterton.
Was verschafft ihm aber diese gefürchtete Oberhoheit? Ist es sein ungeheuerer Reichtum, von dessen Fettöpfen für eine Menge Menschen Lohn und Unterhalt herabträufeln, was sie zu einem willfährigen Untergebenen macht? Ist es seine persönliche Anziehungskraft und Ueberredungskunst, mit der er alles hypnotisiert, was in den Bannkreis seines Einflusses gerät? Sind es seine majestätischen Gedanken und Riesenpläne für die Machterweiterung des britischen Reiches, sein patriotischer und selbstloser Ehrgeiz? Will er den segensreichen Schutz und die gerechte Herrschaft Englands über die weiten Länder des heidnischen Afrikas ausbreiten, damit der dunkle Erdteil vom Ruhme des britischen Namens wiederstrahlt? Oder beansprucht er die Erde als sein Eigentum und halten seine Freunde so standhaft an ihm fest, weil sie glauben, er wird sie bekommen und auch ihnen etwas abgeben? – Was auch immer des Rätsels Lösung ist, das Endresultat bleibt dasselbe.
Jedenfalls steht die Tatsache fest, daß Rhodes tun kann was er will, ohne seine Herrschaft und seinen ungeheuern Anhang zu verlieren. Der Herzog von Fife sagt selbst, ›er habe ihn betrogen‹, doch läßt sich der Herzog in seiner Ergebenheit dadurch nicht irre machen. Rhodes bringt die Reformpartei durch seinen Einfall in Transvaal in große Not, aber die meisten glauben, er habe es gut gemeint. Er beklagt die schwerbesteuerten Johannesburger und macht sie sich zu Freunden; gleichzeitig verlangt er von seinen Ansiedlern in Rhodesia fünfzig Prozent und sichert sich dadurch ihr Vertrauen und ihre Zuneigung in solchem Maße, daß sie in Verzweiflung geraten, sobald sich nur das Gerücht verbreitet, die Chartered Company solle aufgelöst werden. Er fällt ins Land der Matabele ein, die er beraubt, erschlägt, und sich dienstbar macht; dafür wird er von allen Charter-Christen mit Lobsprüchen überhäuft. Er hat die Briten verführt, tonnenweise wertlose Charter-Papiere für Noten der Bank von England zu kaufen, und doch streuen ihm die Beraubten Weihrauch, als dem Gott künftigen Ueberflusses. Er hat alles getan, was sich irgend tun ließ, um seinen Sturz vorzubereiten; ein Dutzend großer Männer wären an seiner Stelle sicherlich zu Fall gekommen. Er aber steht bis zum heutigen Tage auf seiner schwindelnden Höhe unter dem Himmelsdom, als ein Wunder seiner Zeit, als das Geheimnis des Jahrhunderts; die eine Hälfte der Welt hält ihn für einen geflügelten Erzengel und die andere für einen geschwänzten Teufel.
Ich bewundere ihn sehr, das gestehe ich ganz offen, und wenn seine Zeit kommt, will ich mir ein Ende von seinem hanfenen Strick zum Andenken kaufen.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Ich bin mehr gereist als irgend ein Mensch und habe die Entdeckung gemacht, daß selbst die Engel kein reines Englisch sprechen.
Querkopf Wilsons Kalender.