Auch im Schmutz der Straßen von Kimberley sind Reichtümer verborgen. Vor einiger Zeit erteilte man den Bewohnern unbeschränkte Erlaubnis sie aufzuwaschen. Von allen Seiten strömten Leute herbei, die Arbeit wurde sehr gründlich verrichtet und eine reichliche Diamanternte gehalten.
Die Grubenarbeiter sind Eingeborene, die zu vielen Hunderten in Hütten wohnen, welche innerhalb eines großen, umzäunten Hofes stehen. Es ist ein lustiges, gutmütiges Volk und sehr gefällig; der Kriegstanz, den sie vor uns aufführten, war das wildeste Schauspiel, das ich je gesehen habe. Während ihrer Dienstzeit, welche, wenn ich nicht irre, in der Regel drei Monate dauert, dürfen sie den Hof nicht verlassen. Sie steigen in den Schacht hinunter, tun ihre Arbeit, kommen wieder herauf, werden durchsucht und gehen zu Bett oder machen sich irgendwo eine Kurzweil auf dem Hofe. Das ist ihr Lebenslauf, tagaus, tagein.
Man glaubt, daß es ihnen jetzt nur selten gelingt, Diamanten zu stehlen. Früher verschluckten sie dieselben oder erfanden andere Methoden sie zu verbergen. Aber der Weiße läßt sich jetzt schwer überlisten. Ein Mann schnitt sich sogar ins Bein und versteckte einen Diamanten in der Wunde, doch selbst dieser Kunstgriff schlug fehl. Wenn die Leute einen schönen, großen Diamanten finden, liefern sie ihn im allgemeinen lieber ab, statt ihn zu stehlen. Im erstern Falle erhalten sie eine Belohnung, im letzteren kommen sie höchstwahrscheinlich in Ungelegenheiten. Vor einigen Jahren fand ein Schwarzer in einer Grube, die nicht den De Beers gehörte, den Diamanten, von welchem man sagt, er sei der größte, den die Welt je gesehen habe. Zum Lohn dafür wurde er vom Dienst befreit, erhielt eine wollene Decke, ein Pferd und 500 Dollars. Das machte ihn zu einem Krösus; er konnte sich vier Weiber kaufen und behielt noch Geld übrig. Ein Eingeborener, der vier Weiber hat, braucht nicht mehr für seinen Unterhalt zu sorgen und keine Hand zur Arbeit zu rühren, er ist ein vollkommen unabhängiger Mensch.
Jener Riesen-Diamant wiegt 971 Karat. Er soll so groß sein, wie ein Stück Alaun oder wie ein Mundvoll Zuckerkant, manche behaupten sogar, wie ein Klumpen Eis. Aber diese Angaben schienen mir unwichtig und obendrein unzuverlässig. Der Diamant hat einen Fehler im Innern, sonst würde er von völlig unerschwinglichem Werte sein. So wie er ist, schätzt man ihn auf 2 000 000 Dollars, folglich müßte er nach dem Schleifen 5 000 000 bis 8 000 000 Dollars kosten; wer den Diamanten jetzt kauft, kann also viel Geld ersparen. Er ist Eigentum eines Syndikats und hat bisher keinen zahlungsfähigen Käufer gefunden, so ist er denn ein totes Kapital, bringt nichts ein und hat, außer dem glücklichen Finder, noch niemand reich gemacht.
Der Eingeborene fand ihn in einer Grube, welche im Kontrakt bearbeitet wurde. Das heißt, eine Gesellschaft hatte sich für eine bestimmte Summe und eine Abgabe vom Ertrag das Vorrecht erkauft, 5 000 000 Wagenladungen blaues Gestein aus der Grube zu holen. Bei der Spekulation war kein Gewinn erzielt worden; doch gerade am Tage, ehe der Kontrakt ablief, kam der Schwarze mit dem Diamanten angegangen. Auch die Diamantenfelder sind nicht arm an überraschenden Episoden, wie man sieht.
Zwar wird der bekannte Koh-i-Noor mit Recht wegen seiner Größe und Kostbarkeit gepriesen, doch kann er sich nicht mit drei andern Diamanten messen, die zu den Kronjuwelen von Portugal und Rußland gehören sollen, und von denen einer den Wert von 20 000 000 Dollars hat, während der zweite auf 25 000 000 Dollars geschätzt wird und der dritte auf 28 000 000 Dollars.
Das sind in der Tat wunderbare Diamanten – mögen sie der Sage angehören oder der Wirklichkeit – aber der Edelstein, mit welchem jener Fuhrmann, von dem ich oben sprach, auf dem steilen Weg seinen Wagen gehemmt hat, war doch noch viel größer. In Kimberley traf ich mit dem Manne zusammen, der vor achtundzwanzig Jahren selbst mit angesehen hatte, wie der Bur den Diamanten unter das Wagenrad schob. Als er mir versicherte, der Stein sei eine Billion Dollars wert, wenn nicht darüber, glaubte ich es ihm aufs Wort. Der Mann hat siebenundzwanzig Jahre seines Lebens darauf verwendet nach dem Diamanten zu suchen und wird wohl seiner Sache gewiß sein.
Wer sich das langwierige, mühevolle und kostspielige Verfahren angesehen hat, durch welches die Diamanten aus der Tiefe der Erde ans Licht gefördert und von den Schlacken befreit werden, die sie einschließen, der sollte zum Schluß nicht verfehlen, dem Bureau der De Beers in Kimberley einen Besuch abzustatten, wo täglich der Ertrag der Gruben abgeliefert, gewogen, sortiert, geschätzt und bis zum Einschiffen in eisernen Schränken verwahrt wird. Ohne besondere Empfehlungen erhält niemand Einlaß an diesem Ort, und aus den zahlreichen Warnungstafeln und Schutzvorrichtungen, die allenthalben angebracht sind, können selbst bekannte und gutempfohlene Personen leicht ersehen, daß sie keine Diamanten stehlen dürfen, wenn sie sich nicht Unannehmlichkeiten aussetzen wollen.
Wir sahen die Ausbeute jenes Tages in glänzenden kleinen Häufchen auf weißen Papierbogen liegen. Zwischen den einzelnen Diamanthäufchen war auf dem Tisch immer ein Fußbreit Raum gelassen. Der Tagesertrag stellte einen Wert von 70 000 Dollars dar. Im Lauf eines Jahres kommen dort auf die Wage etwa eine halbe Tonne Diamanten, welche achtzehn bis zwanzig Millionen Dollars einbringen; der Profit beträgt ungefähr 12 000 000 Dollars.
Das Sortieren wird von jungen Mädchen besorgt; es ist eine hübsche, reinliche, nette, aber vermutlich recht qualvolle Arbeit. Täglich lassen die Mädchen reiche Schätze auf der Hand funkeln und durch die Finger gleiten und gehen doch abends so arm zu Bette, wie sie morgens aufgestanden sind, und das einen Tag wie alle Tage.