Durch einen Zufall wurde die Wahrheit endlich offenbar: In einer Burenhütte auf der weiten, einsamen Ebene bemerkte ein fremder Reisender, daß ein Kind mit einem glänzenden Gegenstand spielte. Man sagte ihm, es sei ein Glasstückchen, das auf dem Veld gefunden worden wäre. Er kaufte es für eine Kleinigkeit, nahm es mit, und da er kein ehrlicher Mann war, machte er einem anderen Fremdling weiß, es sei ein Diamant. Er ließ sich 125 Dollars dafür bezahlen und war so vergnügt über den ungerechten Handel, als ob er ein gutes Werk getan hätte. In Paris verkaufte der betrogene Fremde das vermeintliche Glasstück für 10 000 Dollars an einen Pfandverleiher; dieser ließ sich dafür von einer Gräfin 90 000 Dollars zahlen; die Gräfin verkaufte es einem Bierbrauer für 800 000 Dollars, der Bierbrauer ließ sich dafür vom König ein Herzogtum und einen Stammbaum verleihen und der König verpfändete den Diamanten. So hat sich die Sache in Wirklichkeit zugetragen.

Die Kunde von der großen Entdeckung verbreitete sich mit Blitzesschnelle und das südafrikanische Diamantenfieber brach aus. Jener erste Reisende, der so unehrlich war, erinnerte sich auf einmal, daß er gesehen hatte, wie ein Fuhrmann auf steilem Wege sein Wagenrad mit einem Diamanten gehemmt hatte, der so groß war wie ein Kinderkopf. Sofort gab er alle andern Geschäfte auf und zog aus, um jenen Diamanten zu suchen. Dabei hatte er jedoch keineswegs die Absicht, irgend jemand wieder um 125 Dollars zu betrügen, denn er war unterdessen in sich gegangen.

Wir wollen die Sache nun von ihrer lehrreichen Seite betrachten: Die Diamanten liegen nicht in fünfzig Meilen langen Felsschichten eingebettet, wie das Johannesburger Gold, sondern sie verteilen sich in den Schuttmassen, welche, wenn man so sagen will, den Schacht eines scharf abgegrenzten Brunnens ausfüllen; außerhalb der Brunnenwände finden sich keine Diamanten. Dieser Schacht ist nichts anderes als ein großer Krater, dessen Oberfläche mit Gras überwachsen ist und sich auf keine Weise von der Ebene ringsumher unterscheidet. Das Weideland über dem Diamantenkrater von Kimberley war groß genug, um einer Kuh Nahrung zu geben, und von der Weide, die im Innern verborgen war, hätte sich ein Königreich satt essen können. Aber die Kuh wußte nichts davon und verscherzte ihr Glück.

Der Kimberley-Krater hat einen solchen Umfang, daß das römische Kolosseum Platz darin fände; wie weit sich die Einsenkung in die Tiefe erstreckt, weiß niemand, denn man ist noch nicht bis zum Boden des Kraters gekommen. Ursprünglich war das ganze senkrechte Loch mit einer festen, bläulichen Masse von vulkanischem Tuffstein angefüllt, in welcher sich die Diamanten verteilen gleich den Rosinen in einem Pudding. So tief wie sich das blaue Gestein in das Erdinnere erstreckt, wird man auch Diamanten darin finden.

In der Nähe gibt es noch drei oder vier berühmte Krater, alle in einem Umkreis von kaum drei Meilen Durchmesser. Sie gehören der De Beers-Gesellschaft, die vor zwölf oder vierzehn Jahren von Mr. Rhodes gegründet wurde. Auch noch andere Krater, die zur Zeit das Gras bedeckt, sind Eigentum der De Beers, welche genau wissen, wo sie liegen und sie eines schönen Tages öffnen werden, wenn die Gelegenheit günstig ist.

Anfänglich waren die Diamantenlager im Besitz des Oranje-Freistaats; aber durch eine wohlüberlegte ›Berichtigung‹ der Grenzlinie wurden sie der Kapkolonie einverleibt und kamen unter britische Herrschaft. Ein hoher Beamter des Freistaats sagte mir, man habe der Republik 400 000 Dollars Entschädigung, Schmerzensgeld, oder wie man es nennen will, ausgezahlt, und nach seiner Meinung hätte die Regierung klug daran getan, die Summe anzunehmen und jeden Streit zu vermeiden, da alle Macht auf der einen und alle Schwäche auf der anderen Seite war. Jetzt gräbt die De Beers-Gesellschaft wöchentlich Diamanten im Wert von 400 000 Dollars aus. Das Kapland hat zwar den Grund und Boden erhalten, aber nicht den Gewinn, denn die Gruben sind, wie gesagt, Eigentum von Mr. Rhodes, den Rothschilds und anderen De Beers-Leuten, die keine Abgaben bezahlen.

Heutzutage stehen die Gruben unter Leitung der fähigsten amerikanischen Grubeningenieure und werden nach wissenschaftlichen Grundsätzen ausgebeutet. Großartige Maschinen sind in Tätigkeit, um das blaue Gestein zu zerkleinern, aufzuweichen und solange zu bearbeiten, bis jeder Diamant, den es enthält, aufgefunden und in Sicherheit gebracht worden ist. Ich sah den ›Konzentratoren‹ bei ihrer Arbeit zu; sie standen vor großen Behältern voll Schlamm, Wasser und unsichtbaren Diamanten, und man sagte mir, daß ein Mann täglich dreihundert Wagenladungen aufgeweichtes Gestein – zu 1600 Pfund die Ladung – durchrühren, auspumpen, zubereiten und in drei Wagenladungen Schlamm umwandeln könne. Man brachte in meinem Beisein die drei Wagenladungen Schlamm auf die Siebsetzmaschine, welche sie auf eine Viertelladung reinen, dunkelfarbigen Sandes reduzierte. Dann ging es zu den Sortier-Tischen, wo ich sah, wie die Arbeiter den Sand rasch und geschickt ausbreiteten, ihn hin- und herfegten und jeden Diamanten herausnahmen, den sie aufblitzen sahen. Ich beteiligte mich eine Weile daran und fand einen Diamanten, der halb so groß war wie eine Mandel. Dies Fischen ist sehr aufregend; mich durchbebte jedesmal ein Freudenschauer, wenn ich einen der funkelnden Steine aus dem dunkeln Sand hervorglänzen sah. Könnte ich mir doch dann und wann zum Festtagsspaß diesen Zeitvertreib machen!

Natürlich fehlt es dabei auch nicht an Enttäuschungen. Zuweilen findet man einen Diamanten, der keiner ist, sondern nur ein Stück Bergkrystall oder ein ähnlich wertloses Ding. Der Sachverständige unterscheidet es meist von dem Edelstein, den es nachäffen will. Im Zweifelfall legt er es auf eine Eisenplatte und schlägt mit dem Schmiedehammer darauf. Ist es ein Diamant, so bleibt es heil und ganz, alles andere wird zu Pulver zermalmt. Diese Probe gefiel mir so sehr, daß ich immer wieder mit Vergnügen zusah, wie oft sie auch vorgenommen wurde. Man setzt dabei nichts aufs Spiel, und die Spannung ist ein großer Genuß.

Die De Beers-Gesellschaft läßt täglich 8000 Wagenladungen – etwa 6000 Tonnen – blaues Gestein verarbeiten und gewinnt daraus drei Pfund Diamanten, die in rohem Zustand einen Wert von 50 000 bis 70 000 Dollars haben. Nachdem sie geschliffen sind, wiegen sie weniger als ein Pfund, ihr Wert ist aber vier- bis fünfmal größer als vorher.

Die ganze Ebene in jener Gegend ist einen Fuß hoch mit dem blauen Gestein bedeckt, so daß sie aussieht wie ein gepflügtes Feld. Die Gesellschaft läßt die Stücke ausbreiten, um sie längere Zeit der Luft auszusetzen, weil sie dann leichter zu bearbeiten sind, als wenn sie unmittelbar aus der Grube kommen. Würde der Betrieb jetzt eingestellt, so könnte man von dem Gestein, das dort auf dem Felde liegt, noch drei Jahre lang täglich 8000 Wagenladungen nach den Sortierwerken bringen. Die Felder sind eingezäunt, sie werden bewacht und nachts durch hohe elektrische Scheinwerfer beleuchtet, was sehr zweckmäßig ist, da dort Diamanten im Wert von fünfzig bis sechzig Millionen Dollars liegen und an unternehmungslustigen Dieben kein Mangel herrscht.