Ueberall, von Kapstadt bis Kimberley und von Kimberley bis Port Elizabeth und East London haben die Städte eine zahlreiche Bevölkerung von zahmen Eingeborenen. Man hatte sie nicht nur gezähmt, sondern vermutlich auch christianisiert, denn sie trugen die abscheuliche Kleidung, wie sie bei unsern christlichen zivilisierten Völkern Sitte ist. Einige von ihnen hätten sich sonst durch hervorragende Schönheit ausgezeichnet. Die häßlichen Kleider, der ihnen eigene schleppende Gang, das sorglose Lachen und ihre gutmütigen Gesichter mit dem zufriedenen, glücklichen Ausdruck machten sie zu einem täuschenden Ebenbild unserer amerikanischen Schwarzen. Wo nun alles andere vollkommen harmonisch und durch und durch afrikanisch war, kam plötzlich ein Schwarm solcher Eingeborenen gegangen, die gar nicht dorthin paßten. Sie brachten einen Mißklang in die Stimmung, es entstand ein halb afrikanisches, halb amerikanisches Gemisch und der ganze Eindruck war verdorben.
An einem Sonntag sah ich in King Williams Town wohl ein Dutzend farbige Weiber, die nach neuster Mode kostbar und auffallend in die widersprechendsten und grellsten Farben gekleidet waren. Sie kamen über den großen, leeren Platz geschritten und zeigten in Gang und Miene jene schmachtende Vornehmtuerei, jenes innige Wohlgefallen an ihrem Putz, das ich so genau kannte und das für mich stets eine wahre Augenweide ist. Mir war, als sei ich nach fünfzigjähriger Trennung wieder unter guten alten Freunden und ich blieb stehen, um sie herzlich zu begrüßen. Sie brachen in ein kameradschaftliches Lachen aus, ihre weißen Zähne blitzten mir entgegen; alle antworteten auf einmal, doch verstand ich kein Wort von dem was sie sagten. Das verwunderte mich höchlich; es war mir auch nicht im Traum eingefallen, daß sie eine andere Sprache reden könnten als Amerikanisch.
Auch die weichen, wohlklingenden Stimmen der afrikanischen Frauen erinnerten mich an die Sklavinnen aus meiner Kinderzeit. Ich folgte einigen bis in den Oranje-Freistaat, das heißt, durch die ganze Hauptstadt Bloemfontein, nur um den Laut ihrer Stimme und ihr lustiges Lachen zu hören.
Auf unsern Eisenbahnfahrten durch das Land hatte ich Gelegenheit viele Buren zu sehen, die auf dem einsamen Veld leben. Eines Tages stiegen in einem Dorf hundert zusammen aus der dritten Klasse, um sich auf der Station gütlich zu tun. Ihr Anzug interessierte mich. Etwas so Häßliches an Form und unharmonischer Zusammenstellung der Farben war mir noch nicht vorgekommen. Der Anblick regte mich in seiner Art fast ebenso auf, wie das Schauspiel, welches mir die geschmackvollen Trachten und schönen glänzenden Gewänder auf den indischen Stationen bereitet hatten. Ein Mann trug Beinkleider aus geripptem Baumwollzeug von dem abscheulichsten verschossenen Gelbbraun, das ich je gesehen habe, und sie waren obendrein neu, die Farbe war absichtlich gewählt, nicht durch irgend ein Mißgeschick entstanden. Ein langer, vierschrötiger Lümmel hatte einen zerknitterten grauen Schlapphut mit breiter Krempe auf dem Kopf, rosinfarbene Hosen und einen scheußlichen, nagelneuen Tuchrock, der mit seinen wellenförmigen, breiten gelben und braunen Streifen ein Tigerfell nachahmen sollte. Nach meiner Meinung verdiente der Mensch gehängt zu werden; als ich aber den Stationsvorsteher fragte, ob sich das nicht bewerkstelligen ließe, verneinte er es auf grobe Weise und mit ganz unnötiger Heftigkeit. Im Fortgehen murmelte er noch etwas in den Bart, das wie ›Esel‹ klang; auch lenkte er die öffentliche Aufmerksamkeit auf mich und man zeigte mit Fingern nach mir. Das hat man davon, wenn man versucht etwas Gutes zu tun, es ist der Lohn der Welt!
An jenem Tage erzählte mir ein Mitreisender im Zuge noch allerlei von den Buren. Er sagte, daß sie früh aufstehen und ihre Schwarzen an die Arbeit treiben (sie müssen die Herden draußen auf der Weide hüten), dann setzen sie sich hin um zu essen, zu rauchen und zu schlafen; gegen Abend überwachen sie das Melken u. dgl., essen, rauchen und schlafen wieder, und gehen bei Dunkelwerden wieder zu Bett in den wohlriechenden Kleidern, die sie den ganzen Tag über und an jedem Werktag seit Jahren getragen haben. Auch von ihrer bekannten Gastfreiheit wußte er ein Beispiel zu berichten: Einmal machte ein hochwürdiger Bischof von Amts wegen eine Reise durch den Veld, wo es keine Gasthäuser gibt. Zur Nacht kehrte er bei einem Buren ein, und als das Abendessen vorüber war, wies man ihm sein Bett an. Er war müde und angegriffen von seinem Tagewerk, kleidete sich aus und lag bald in tiefem Schlaf. In der Nacht ward ihm so eng und beklommen zu Mute, daß er erwachte; da sah er den alten Buren und seine dicke Frau rechts und links von ihm im Bett liegen; sie hatten alle ihre Kleider anbehalten und schnarchten laut. Ihm blieb nichts übrig als sich still zu verhalten und sein Geschick zu ertragen; er quälte sich wachend bis zur Morgendämmerung, dann schlummerte er noch ein Stündchen ein. Als er die Augen wieder aufschlug, war der alte Bur fort, aber die Frau lag noch an seiner Seite.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Es gibt keinen Breitegrad auf der ganzen Erdkugel, der sich nicht einbildet, daß er eigentlich von Rechts wegen der Aequator sein solle.
Querkopf Wilsons Kalender.
Unter den Naturerscheinungen von Südafrika interessierte mich – nächst Mr. Rhodes – der Diamantkrater am meisten. Die Goldfelder im ›Rand‹ sind von erstaunlicher Größe; keine Goldgrube der Welt kann sich neben ihnen blicken lassen, aber, wie gesagt, den Betrieb kannte ich schon. Auch der Veld macht einen gewaltigen Eindruck, doch ist er im Grunde nur eine edlere, schönere Abart unserer großen Prairie. Die Eingeborenen boten mir viel Anziehendes aber wenig Neues, und in den Städten fand ich mich meist von Anfang an ohne Führer zurecht, denn ich kannte die Straßen auswendig, da ich sie unter andern Namen in den Städten anderer Länder genau so gesehen hatte. Nur die Diamantgruben waren für mich eine vollständige Neuheit, die mich ganz und gar gefangen nahm. Es leben nur wenige Leute, die den Diamanten in seiner Heimat besucht haben. Gold findet man an zahlreichen Orten, aber der Diamant ist nur an drei oder vier Stellen in der Welt heimisch; es lohnt wohl der Mühe um den Erdball zu segeln, wenn man dafür die kostbarste und auserlesenste Seltenheit aus der Schatzkammer der Natur zu sehen bekommt.
Die Diamantlager bei Kimberley wurden im Jahre 1869 entdeckt; in Anbetracht der besonderen Umstände muß man sich nur verwundern, daß die Afrikaner sie nicht schon seit fünftausend Jahren kennen und ausbeuten. Man fand die ersten Diamanten offen auf der Oberfläche liegen; sie waren glatt und durchsichtig und schienen Feuer zu speien, wenn die Sonne sie bestrahlte. Hätte man nicht meinen sollen, der Wilde würde sie jederzeit höher geschätzt haben als alles andere auf der Welt, mit Ausnahme von Glasperlen? – Seit zwei oder drei Jahrhunderten haben wir ihm sein Land, sein Vieh, seinen Nachbar und alles was er sonst noch zu verkaufen hatte, für Glasperlen abgehandelt. Es ist daher höchst verwunderlich, daß er sich den Diamanten gegenüber so gleichgültig verhalten hat; denn er muß sie, ohne Zweifel, unzähligemale aufgelesen haben. Daß die Afrikaner nicht versuchten sie an die Weißen zu verkaufen, ist sehr natürlich, denn die Weißen besaßen ja schon Glasperlen von viel gefälligerer Form in Hülle und Fülle. Aber die ärmeren Schwarzen, deren Mittel ihnen nicht erlaubten sich mit wirklichem Glas zu schmücken, hätten sich doch damit begnügen können die glitzernden Dinger zu tragen; sie wären dem weißen Händler aufgefallen, er hätte eine Probe mit nach Hause genommen und nachdem ihre Natur erkannt worden war, würden die Glücksjäger scharenweise nach Afrika geströmt sein. Die Weltgeschichte ist manchmal recht sonderbar, eines ihrer seltsamsten Vorkommnisse ist aber ohne Frage, daß man die Diamanten Jahrhunderte lang auf der Erde funkeln ließ, ohne daß sich irgend ein Mensch darum kümmerte.