Das Kapital für den Bergwerksbetrieb stammt aus England, die Grubeningenieure kommen aber aus Amerika; auch bei den Diamantgruben spielen sie die erste Rolle. Südafrika ist das Paradies für den wissenschaftlich gebildeten Hüttenmann. Die Amerikaner nehmen dort die besten Stellen ein und werden sie auch zu behaupten wissen; ihr Gehalt ist so hoch, wie es nicht ein einzelner, sondern eine ganze Familie von Ingenieuren in Amerika beziehen würde.
Die Aktionäre der einträglichen Goldgruben erhalten bedeutende Dividenden, und doch ist das Gestein nicht sehr reich nach kalifornischen Begriffen; wenn eine Tonne den Wert von zehn oder zwölf Dollars liefert, ist man schon zufrieden. Das Gold ist so sehr mit unedlen Metallen versetzt, daß der Ertrag vor zwanzig Jahren nur etwa halb so groß gewesen wäre, als jetzt. Damals machte es sich nicht bezahlt, wenn man aus solchem Gestein noch etwas anderes als das grobkörnige reine Gold gewinnen wollte. Bei dem heutigen Cyanid-Verfahren aber beträgt die Gesamtausbeute an Gold in der ganzen Welt jährlich fünfzig Millionen mehr, die früher zu den Abfällen geworfen wurden.
Das Cyanid-Verfahren war für mich ganz neu und sehr interessant; auch von den großartigen und kostspieligen Bergwerksmaschinen hatte ich manche noch nie gesehen; mit dem übrigen Betrieb der Goldbergwerke war ich jedoch völlig vertraut. Da ich früher einmal selbst Goldgräber gewesen bin, verstand ich gerade so viel davon wie die Leute in Johannesburg, nur nicht, wie man Geld damit erwirbt. Dagegen erfuhr ich viel Neues über die Buren, von denen ich noch nichts wußte. Was man mir dort sagte, wurde mir später auch in andern Teilen Südafrikas bestätigt. Fasse ich nun alle jene Berichte zusammen, so erhalte ich von dem Buren folgendes Bild:
Er ist sehr fromm, entsetzlich unwissend, schwerfällig, eigensinnig, gastfrei, bigott und träge; schmutzig in seinen Gewohnheiten, ehrlich bei Unterhandlungen mit den Weißen, hartherzig gegen seine schwarzen Diener, ein guter Schütze und Reiter, der Jagd sehr ergeben; eifersüchtig auf seine politische Unabhängigkeit, ein guter Gatte und Vater. Die Buren leben ungern in Städten zusammengedrängt, sie lieben die Einsamkeit und Absonderung auf dem großen, entlegenen, menschenleeren ›Veld‹. Ihre Eßlust ist ungeheuer und sie sind nicht wählerisch bei Befriedigung derselben – haben sie Schweinefleisch, Mais und Biltong in genügender Menge, so verlangen sie weiter nichts. Um ein Tanzvergnügen mitzumachen, bei dem auch die Nacht hindurch wacker geschmaust und gejubelt wird, scheuen sie einen tüchtigen Ritt nicht; aber zu einer Gebetsversammlung reiten sie gern noch zweimal so weit. Sie sind stolz auf ihre Abstammung von den Holländern und Hugenotten, stolz auf ihre religiöse und militärische Vergangenheit, auf die Großtaten ihres Volks in Südafrika – ihre kühnen Entdeckungsreisen in feindliche und unbekannte Einöden, wo sie den Belästigungen der ihnen verhaßten Engländer entgehen konnten. Sie rühmen sich ihrer Siege über die Eingeborenen und die Briten, am meisten jedoch der persönlichen und überschwenglichen Gnade und Fürsorge, welche die Gottheit ihren Angelegenheiten allezeit hat zu teil werden lassen.
Die Buren können durchschnittlich weder lesen noch schreiben, Zeitungen sind zwar vorhanden, aber niemand fragt danach; bis vor kurzem gab es keine Schulen, die Kinder lernten nichts. Was in der Welt Neues geschieht, ist dem Buren gleichgültig, es geht ihn nichts an. Das Steuerzahlen ist ihm verhaßt, und er lehnt sich dagegen auf. Seit drittehalb Jahrhunderten hat er in Südafrika stockstill gestanden und würde am liebsten bis ans Ende aller Zeiten auf demselben Fleck bleiben, denn die fortschrittlichen Gedanken der Uitlanders sind ihm ein Greuel. Zwar dürstet er nach Reichtum, wie andere Menschen auch, aber ein reicher Viehstand ist ihm lieber als schöne Kleider und Häuser, Gold und Diamanten. »Hätte man das Gold und die Diamanten doch nie entdeckt,« denkt er, »dann wäre der gottlose Fremdling nicht ins Land gekommen, der Unruhstifter mit seiner Sittenverderbnis!«
Jeder, der Olive Schreiners Bücher kennt, wird was ich hier anführe in der Hauptsache bestätigt finden. Und daß sie ein ungünstiges Vorurteil für den Buren hat, ist ihr noch von niemand vorgeworfen worden.
Was läßt sich nun aber nach alledem von dem Buren erwarten? Was kann aus solchem Stoff entstehen? Eine Gesetzgebung, sollte man meinen, welche die Religionsfreiheit einschränkt, dem Fremden die Wahlberechtigung und Wählbarkeit verweigert, den Bildungs- und Erziehungsanstalten wenig förderlich ist, die Goldproduktion einschränkt, das Eisenbahnnetz nicht erweitert, den Ausländer hoch besteuert und den Buren freiläßt.
Die Uitlanders scheinen indessen ganz andere Dinge erwartet zu haben. Warum weiß ich nicht. Es ließ sich vernünftigerweise nichts anderes voraussehen. Ein runder Mensch paßt nicht gleich in ein viereckiges Loch; man muß ihm erst Zeit lassen, seine Form zu ändern. Gewisse Verbesserungen wurden schon vor Jamesons Ueberfall vorgenommen und seitdem ist noch manche Reform eingeführt worden. Es sitzen weise Männer im Rate der Transvaal-Regierung und ihnen ist der Fortschritt zu danken, welchem die große Masse der Buren bis jetzt noch kaum zugänglich ist. Wäre die Regierung weniger weise, so hätte sie Jameson aufgehängt und aus einem gewöhnlichen Piraten einen heiligen Märtyrer gemacht. Aber auch die Weisheit hat ihre Grenzen, und wenn man Mr. Rhodes jemals fängt, wird man ihn sicherlich aufknüpfen und zu einem Heiligen machen. Diese höchste aller menschlichen Würden sollte ihm noch verliehen werden, nachdem er schon alle übrigen Titel getragen hat, welche irdische Größen bezeichnen.
Den Johannesburgern sind bereits viele ihrer ursprünglichen Forderungen bewilligt worden; auch ihre übrigen Beschwerden dürften mit der Zeit schwinden. Sie sollten froh sein, daß die Steuern, mit denen sie so unzufrieden waren, von der Burenregierung erhoben wurden, statt von ihrem Freunde Rhodes und seiner raubsüchtigen Südafrikanischen Gesellschaft; denn letztere nimmt die Hälfte von allem in Beschlag, was die Opfer ihrer Habgier beim Grubenbau gewinnen, sie begnügt sich nicht mit einem Prozentsatz. Stünden die Johannesburger unter ihrer Gerichtsbarkeit, sie wären längst im Armenhaus. Der Name Rhodesia ist gut gewählt, um das Land zu bezeichnen, wo Raub und Plünderung an der Tagesordnung sind und unter dem Schutz des Gesetzes nach Gutdünken betrieben werden können.
Auf mehreren langen Fahrten lernten wir die Eisenbahnen der Kapkolonie kennen. Alle Einrichtungen sind bequem, man findet die größte Sauberkeit und in den Nachtzügen behagliche Betten. Es war Anfang Juni und Winterzeit: bei Tage eine angenehme Wärme, nachts frisch und kühl. Während man durch das Land fuhr, atmete man den ganzen Tag über mit Wonne die kräftige Luft und schaute auf die braune sammetweiche Ebene hinaus, an deren Horizont mattschimmernde Hügelketten wie in einem fernen Traumland zu verschwimmen schienen. Wie tief blickte man in den Himmel hinein mit seinen fremden, seltsamen Wolkengebilden, wie flutete ringsum der herrlichste Sonnenglanz in verschwenderischer Fülle! Für mich hatte der Veld im ersten Winterkleid einen ganz besonderen Reiz. Wir kamen durch weite Strecken, wo der Boden sich wellenförmig hebt und senkt und sich endlos ausdehnt, gleich dem Ozean. Von dem hellsten bis ins dunkelste Braun waren dort alle Schattierungen vertreten, die sich zum schönsten Orangegelb, Purpur und Scharlachrot wandelten, wo die Ebene mit den bewaldeten Hügeln und den nackten, roten Felsklippen zusammenfließt und der Himmel die Erde berührt.